Letztes Update am Sa, 28.09.2019 10:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahl 2019

Warten auf die Wahl: Die Spitzenkandidaten im Überblick

Mehr als vier Monate nach dem Platzen der türkis-blauen Koalition geht am Sonntag die Nationalratswahl über die Bühne. Ein Überblick über die Spitzenkandidaten und ihren Wahlkampf.

Die Spitzenkandidaten Peter Pilz (Liste Jetzt) , Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) ,Sebastian Kurz (ÖVP), Beate Meinl-Reisinger (NEOS), Werner Kogler (Die Grünen) und Norbert Hofer (FPÖ) trafen sich zur Diskussion im ORF.

© APADie Spitzenkandidaten Peter Pilz (Liste Jetzt) , Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) ,Sebastian Kurz (ÖVP), Beate Meinl-Reisinger (NEOS), Werner Kogler (Die Grünen) und Norbert Hofer (FPÖ) trafen sich zur Diskussion im ORF.



Wien, Innsbruck – 6,396.796 Österreicherinnen und Österreicher sind morgen aufgerufen, den Nationalrat zu wählen. Die Zahl der Wahlberechtigten ist im Vergleich zu 2017 damit leicht gesunken. In Tirol gibt es 543.116 Wahlberechtigte. Zuvor versuchten noch einmal alle Parteien, ihre Anhänger zur Wahl zu bringen. Hier die Spitzenkandidaten im Überblick.

Sebastian Kurz schließt inhaltlich an die türkis-blaue Koalition an und grenzt sich von Ex-FPÖ-Minister Herbert Kickl scharf ab.
Sebastian Kurz schließt inhaltlich an die türkis-blaue Koalition an und grenzt sich von Ex-FPÖ-Minister Herbert Kickl scharf ab.
- APA

Im Wahlkampf fehlte das Amt

Auf den Plakaten macht die ÖVP ihren Chef Sebastian Kurz schon wieder zum Bundeskanzler. Alle Umfragen lassen auch erwarten, dass die ÖVP vorne liegen wird. Tatsächlich kam die türkise Maschinerie aber stellenweise ins Stottern, nachdem Kurz diese Funktion durch den Misstrauensantrag von SPÖ, FPÖ und Liste JETZT verloren hatte.

Anfangs hatte Kurz versucht, das Beste aus der ungewohnten Situation zu machen. Noch am Abend des Misstrauensantrags versammelte die ÖVP Anhänger zu einem Fest. Danach ging Kurz „zu den Menschen“, wie er sagte – um Gespräche zu führen, für die er schon lange keine Zeit gehabt habe. Aus der Parteizentrale statt aus einem Regierungsamt heraus schaffte es die ÖVP nicht in gewohnter Manier, den Takt vorzugeben. Stattdessen schlug sie sich mit geschredderten Festplatten, Parteispenden und einem Daten-Hack herum. Dies alles hinterließ Spuren.

Programmatisch setzt Kurz auf eine Fortsetzung des mit der FPÖ eingeschlagenen Kurses. Gleichzeitig grenzt er sich scharf von blauen „Einzelfällen“ und von Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickl ab. Mit wem er nach der Wahl regieren will, ließ er offen. Umso eindringlicher warnte er vor einer Mehrheit gegen die ÖVP.

Zur Person: Sebastian Kurz, geb. am 27. August 1986, Politiker, in Lebensgemeinschaft. Mit 24 Jahren wurde er 2011 Staatssekretär, 2017 übernahm er die marode ÖVP als Parteichef und wurde Bundeskanzler.

Pamela Rendi-Wagner ist im Vorjahr als SPÖ-Chefin eingesprungen. Gedankt wurde es ihr anfangs mit internen Querschüssen.
Pamela Rendi-Wagner ist im Vorjahr als SPÖ-Chefin eingesprungen. Gedankt wurde es ihr anfangs mit internen Querschüssen.
- APA

Mit Gegenwind auf Kreiskys Spuren

Gekämpft wird bis zum letzten Tag: Dieses Motto hat Pamela Rendi-Wagner verinnerlicht. Anders hätte sie die vergangenen Wochen kaum überstanden: Trotz des Platzens der türkis-blauen Koalition nach dem Ibiza-Video konnte sie nur rhetorisch den Anspruch auf das Kanzleramt stellen. Die Umfragen geben dieses Ergebnis bis zuletzt nicht her.

Rendi-Wagner war als neue Vorsitzende eingesprungen, als sich der frühere Bundeskanzler Christian Kern im Vorjahr überraschend aus der Politik verabschiedet hatte. Vor allem die mächtigen Männer in der Partei dankten es ihr aber nicht, sondern machten ihr das Leben schwer. Erst im Wahlkampf gelang es ihr, die Partei hinter sich zu versammeln.

In der Kampagne setzte sie dann auf rote Werte und den sozialdemokratischen Säulenheiligen Bruno Kreisky. Seiner Politik verdanke sie, dass sie als Kind einer jungen Alleinerzieherin trotzdem studieren und Karriere machen konnte, sagte sie nicht nur einmal. In den vielen Fernseh-Auftritten der vergangenen Wochen ließ sie aber manchmal die Härte vermissen, die in derartigen Konfrontationen nötig ist. Erst gegen Ende versuchte sie, mit Überraschungsattacken die Glaubwürdigkeit von Sebastian Kurz in Frage zu stellen.

Zur Person: Pamela Rendi-Wagner, geb. am 7. Mai 1971, Ärztin, verheiratet, zwei Kinder. Rendi-Wagner kam 2017 als Gesundheitsministerin in die Politik. Bereits 2018 trat sie in der Not der SPÖ an die Spitze der Partei.

Zwischen Strache, Kickl und der ÖVP

Es hatte ja schon fast so ausgesehen, als ob der neue FPÖ-Chef Norbert Hofer sich erfolgreich um die Causa Ibiza herumturnen könnte. Nur wenige Tage vor der Wahl kam es aber noch einmal ganz dick, als bekannt wurde, dass sich Heinz-Christian Strache und seine Frau Philippa üppig an den Spesenkonten der Partei bedient haben dürften. Nun geht es für Hofer darum, den Zusammenhalt der Partei zumindest bis zum Wahltag zu retten.

Norbert Hofer will wieder mit den Türkisen. Ibiza und die jüngste Spesenaffäre schiebt er als Angriffe von außen vom Tisch.
Norbert Hofer will wieder mit den Türkisen. Ibiza und die jüngste Spesenaffäre schiebt er als Angriffe von außen vom Tisch.
- APA

Hofer war der logische Nachfolger, als Strache am Tag nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos von allen Funktionen zurücktrat. Das Amt des Vizekanzlers blieb ihm (vorerst zumindest) aber verwehrt, weil die ÖVP auch den politischen Kopf von Innenminister Herbert Kickl forderte. Da konnte und wollte die FPÖ nicht mit.

Fortan gab Hofer das nette Gesicht der FPÖ. Immer lächelnd, so wie er es schon im Präsidentschaftswahlkampf 2016 zu seinem Markenzeichen gemacht hatte. Beim Parteitag in Graz erreichte er mit 98,25 Prozent ein Traumergebnis. Der große Applaus aber gehörte Kickl. Im Wahlkampf hatte Hofer nur ein Ziel: die Neuauflage von Türkis-Blau. Dann könnte er auch Vizekanzler werden. Die jüngsten Ereignisse machen es ÖVP-Chef Sebastian Kurz aber nicht leichter, ihn zu erhören.

Zur Person: Norbert Hofer, geb. am 2. März 1971, Flugzeugtechniker, verheiratet, vier Kinder. Hofers politische Karriere begann im heimatlichen Burgenland. Bei der Bundespräsidentenwahl 2016 schaffte er 46,02 Prozent.

Beate Meinl-Reisinger strebt in eine Regierung.
Beate Meinl-Reisinger strebt in eine Regierung.
- APA

Mit Leidenschaft aus dem Schatten des Gründers

Die Erinnerung an Parteigründer Matthias Strolz hat Beate Meinl-Reisinger längst verblassen lassen. Bei der Wahl will sie nun endgültig aus dem Schatten des Parteigründers treten. Ihr Ziel ist, was Strolz versagt blieb: eine Regierungsbeteiligung. Die Leidenschaft, mit der sie sich darum bemühte, steht im Kontrast zum Schwarz-weiß der NEOS-Wahlplakate. Um die erst im Frühjahr geborene dritte Tochter kümmert sich unterdessen der Ehemann und Vater.

Meinl-Reisinger hat die Pinken als fleißige und gewissenhafte Opposition positioniert. Ihre politische Heimat hat sie im Umfeld der ÖVP. Dass die NEOS als einzige Partei den Misstrauensantrag gegen die Regierung von Sebastian Kurz ablehnten, begründete sie aber damit, dass sie Kurz nicht aus der Verantwortung entlassen wolle.

Sonst geht sie trotz aller wirtschaftspolitischen Überschneidungen klar auf Distanz zu Kurz. Es ist vor allem die Transparenz, die sie für sich ins Treffen führt: Die NEOS veröffentlichen kleinste Ausgaben bis hin zur Supermarkt-Rechnung. Kritik an den Großspenden des Industriellen Hans Peter Haselsteiner hält sie entgegen, dass diese Spenden doch gerade wegen der von der Partei gepflogenen Transparenz öffentlich bekannt seien.

Zur Person: Beate Meinl-Reisinger, geb. am 25. April 1978, Juristin, verheiratet, drei Kinder. Politisch ursprünglich ÖVP-nahe, war sie später Gründungsmitglied der NEOS. Nach dem Abgang von Matthias Strolz Parteichefin.

Peter Pilz hat nach 33 Jahren Politik noch nicht genug.
Peter Pilz hat nach 33 Jahren Politik noch nicht genug.
- APA

Mit Kontrollkompetenz will er es noch einmal richten

Die Kontrolle ist Peter Pilz auf den Leib geschneidert. Sie ist auch das stärkste Argument, mit dem er hofft, das Ruder noch herumreißen zu können und seiner Liste den Wiedereinzug in den Nationalrat zu sichern: Wer sonst solle einer künftigen Regierung auf die Finger schauen? Alle anderen bis hin zu den Grünen wollten doch nur mit Sebastian Kurz in eine Koalition.

2017 hatte Pilz das Momentum auf seiner Seite. Da eine geschwächte Grün-Partei, hier der Politprofi, der sich als Opfer der parteiinternen Intrigen gab. Die Grünen flogen aus dem Nationalrat, Pilz & Co. wurden gewählt.

Pilz selbst freilich kehrte erst mit einem Jahr Verspätung in den Nationalrat zurück. Zuerst verzichtete er wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung. Und als diese von der Justiz nicht weiter verfolgt wurden, musste er zuerst in seiner Liste jemanden finden, der oder die für ihn auf das Mandat verzichtet. In den Untersuchungsausschüssen – Kontrolle! – blühte Pilz richtig auf. Dann kam Ibiza. Für Pilz vielleicht zu früh. Zumindest kann er sich nicht vorwerfen, in den zahllosen TV-Debatten nicht zur Hochform aufgelaufen zu sein.

Zur Person: Peter Pilz, geb. am 22. Jänner 1954, Ökonom, verheiratet. Pilz wurde erstmals 1986 in den Nationalrat gewählt. Vor der Wahl 2017 überwarf er sich mit den Grünen und kam mit einer eigenen Liste ins Parlament.

Werner Kogler arbeitet am Comeback der Grünen.
Werner Kogler arbeitet am Comeback der Grünen.
- APA

One-Man-Show von einem Wahlkampf zum nächsten

Unter normalen Umständen hätte diese Situation zu heftiger Kritik geführt: Werner Kogler hatte seinen Grünen mit dem Wiedereinzug ins EU-Parlament gerade das Überleben gesichert, als er schon die nächste Spitzenkandidatur übernahm.

Die Grünen sind die Partei, die von der Ibiza-Affäre profitiert. Nach der verlorenen Wahl 2017 herrschte Katzenjammer. Kogler machte den Abwickler. Er entließ Mitarbeiter und regelte die Schulden.

So war es nur logisch, dass er die Partei in die Europawahl führen würde. Mit Erfolg: Klimawandel und „Fridays for Future“ hatten der Öko-Partei den Boden aufbereitet.

Und plötzlich stand, früher als erwartet und erhofft, auch eine Nationalratswahl ins Haus. Der Spitzenkandidat: wieder Kogler.

Einmal in Hellblau, dann in Dunkelblau, aber immer hemdsärmelig, oft mit der grünen Sonnenbrille am Kopf, zieht er seither durch die Lande und die TV-Studios, um für das Comeback der Grünen zu trommeln. Ist er einmal am Wort, ist er kaum zu stoppen. Und wenn ein Grüner unter Verdacht steht, wie zuletzt Christoph Chorherr? Unangenehm für eine Partei, die mit „Anstand“ wirbt. Kogler reagiert aber unmissverständlich: „Ein schwerer politischer Fehler.“

Zur Person: Werner Kogler, geb. am 20. November 1961, Volkswirt, in Lebensgemeinschaft. Kogler ist grünes „Urgestein“. Mit seinen Lehren als Aufdecker im Hypo-Alpe-Adria-Skandal tingelte er durch Säle in ganz Österreich. (sabl)


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