Letztes Update am Sa, 26.10.2019 15:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


26. Oktober

Nationalfeiertag in Wien: Republik öffnete die Tore

Das Programm der Feierlichkeiten in Wien startete mit Kranzniederlegungen zum Gedenken an die Soldaten. Dann wurden im Parlament und Bundeskanzleramt die Tore geöffnet. Die Leistungsschau des Bundesheeres fiel mager aus, zog aber viele Besucher an.

Unzählige Besucher strömten in die am Nationalfeiertag offene Präsidentschaftskanzlei in Wien.

© APA/Bundesheer/LechnerUnzählige Besucher strömten in die am Nationalfeiertag offene Präsidentschaftskanzlei in Wien.



Wien — Stundenlanges Warten auf ein Foto mit dem Idol, Autogrammwünsche und Applaus: Was nach einem Popkonzert klingt, prägte auch heuer wieder den Nationalfeiertag. Parlament, Bundeskanzleramt und die Präsidentschaftskanzlei luden zum Tag der offenen Tür und unzählige Besucher warteten geduldig, um einen Blick in die Amtsräume der Republik zu werfen und die Spitzen des Staates zu treffen.

"Herein in die gute Stube" - mit diesen Worten öffnete Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) das Tor zum Parlament am Josefsplatz und machte damit dem Warten jener Besucher, die schon Samstagfrüh Schlange standen, um einen Blick in die Übergangsräumlichkeiten des Hohen Hauses in der Hofburg zu werfen, ein Ende. Auch seine Amtskollegen Doris Bures (SPÖ) und Norbert Hofer (FPÖ) wünschten den Besuchern aus dem In- und Ausland "Welcome" bzw. "Guten Morgen".

Im Sitzungssaal des Nationalrats stellten sich die Gäste erneut an, diesmal für ein Foto am Rednerpult. Die Wartezeit vertrieben ihnen Mitarbeiter, die die Sitzordnung im neu gewählten Nationalrat erklärten und über die Abläufe im Parlament informierten. Nebenan im Kleinen Redoutensaal präsentierten sich die Parlamentsklubs und verteilten Goodies in den Parteifarben. Auch die Chefs von FPÖ, Grünen und SPÖ nutzten die Gelegenheit, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Die Besucher interessierten sich sowohl für die aktuelle politische Lage - "Alles Gute für die Verhandlung", wünschte etwa ein Mann Grünen-Chef Werner Kogler - aber auch für Persönliches. "Ja, ich bin wirklich Vegetarier", erklärte Hofer einem staunenden Besucher. SPÖ-Obfrau Pamela Rendi-Wagner empfahl den Gästen, doch einmal einer Plenarsitzung beizuwohnen: "Das ist superspannend."

Besonderer Tag für Bierlein

Ein besonderer Tag war es für auch für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, die den Nationalfeiertag zum ersten Mal als Regierungschefin erlebte. "Es war die erste Angelobung, die ich live mitverfolgen konnte, sonst habe ich sie immer im Fernsehen angeschaut", erzählte sie beim Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt, zu dem sie gemeinsam mit Frauenministerin Ines Stilling geladen hatte. Es sei schön zu sehen, dass viele Menschen Interesse an der Politik haben, freute sich Stilling über den großen Besucherandrang. "Schön, dass Sie da waren", "Alles Gute", gab Bierlein den Besuchern mit, für längere Gespräche war keine Zeit, denn der Strom an Selfiejägern riss nicht ab. Zur Stärkung gab es Schlecker für die Kleinsten und Äpfel für die Erwachsenen.

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Großer Andrang herrschte auch vor der Präsidentschaftskanzlei, wo sich schon Stunden vor Einlass die Massen versammelten. Kurz nach 12 Uhr traten Bundespräsident Alexander Van der Bellen und seine Frau Doris Schmidauer schließlich vor die Menge. "Danke fürs Warten", begrüßte Van der Bellen die Besucher. "Sie stehen wahrscheinlich schon lange an, um unsere bescheidenen imperialen Amtsräume zu besichtigen." Ganze zwei Stunden musste sie warten, um ein Foto zu ergattern, erzählte später eine ältere Frau dem Präsidenten beim Fotopoint im Maria-Theresien-Zimmer. Zur Belohnung gab es neben einem gemeinsamen Foto einen Handschlag und ein paar freundliche Worte. Touristen, Stammgäste, die sich noch keinen Tag der offenen Tür entgehen lassen hatten, und echte Fans waren gekommen. "Dass muss auch einmal gesagt werden, dass Sie einer der besten Präsidenten sind, den Österreich je hatte", lobte eine junge Frau Van der Bellen. Zum Abschluss lud der Präsident die Besucher zum "Österreich-Fest" im Inneren Burghof ein, wo am Nachmittag Gulasch, Tee und Schlagzeug-Star Martin Grubinger geboten werden.

Ostarrichi-Urkunde und Kranzniederlegung zu Beginn

Die Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag hatten im Haus der Geschichte begonnen. Bundeskanzlerin Bierlein und Mitglieder der Bundesregierung begutachteten dort in der Früh die berühmte Ostarrichi-Urkunde. Anschließend legte die Regierungsspitze ebenso wie Bundespräsident Van der Bellen im Gedenken an die gefallenen Soldaten einen Kranz beim Äußeren Burgtor nieder. Die Ostarrichi-Urkunde wird für eine Woche im Haus der Geschichte in Wien ausgestellt. In dem berühmten Original ist „Österreich" im Jahr 996 zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden. Normalerweise wird das Dokument im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München aufbewahrt.


Angelobung der Rekruten

Mehr als 1000 Rekruten, davon sechs Frauen, sind am Nationalfeiertag dann auf dem Wiener Heldenplatz angelobt worden. Nach Reden von Verteidigungsminister Thomas Starlinger, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Bundespräsident Alexender Van der Bellen legten sie ihr Gelöbnis ab und versprachen, der Republik Österreich zu dienen. Einig waren sich die Festredner bezüglich der schlechten finanziellen Lage des Bundesheeres. Auch Bürgermeister Ludwig plädierte dafür, dass die Rekruten "mit den Ressourcen ausgestattet werden, die sie brauchen". Er wünschte ihnen, dass sie beim Bundesheer "viel Freundschaft, viel Kameradschaft" erleben werden, auch wenn es wohl so manchen "drückenden Dienst" geben werde.

Kanzlerin Bierlein sah den Nationalfeiertag in ihrer Rede auch als Gelegenheit zur Besinnung. "Das Bundesverfassungsgesetz über die Neutralität Österreichs markiert einen Wendepunkt in der Geschichte unseres Landes", so die Kanzlerin. "Es setzte einen Schlusspunkt unter eine schreckliche Epoche von Krieg, Vernichtung und Besatzung." Gleichzeitig sei damit aber auch der Beginn einer neuen Ära eingeläutet worden, betonte Bierlein am Heldenplatz. "Heute steht unser Land für Freiheit, Frieden und Wohlstand und gilt international als Ort der diplomatischen Brücken und des Ausgleichs."

Präsident Van der Bellen leitete seine Ansprache mit einem kleinen Rückblick ein. "Wir haben ein ereignisreiches politisches Jahr hinter uns", sagte er vor den Rekruten und vielen Zuschauern auf dem Heldenplatz. Nach dem "verstörenden Ibiza-Skandal" wurde erstmals "eine Regierung angelobt, die nicht aus einer Mehrheit des Nationalrates hervorging", fuhr der Bundespräsident fort. Sowohl die Bundesverfassung als auch die staatlichen Institutionen hätten "diese Prüfung bestanden", sagte er. Obwohl man darauf durchaus stolz sein könne, habe die zukünftige Regierung "einige Herausforderungen" zu bewältigen, warnte Van der Bellen. An die derzeit verhandelnden Parteien richtete er den Appell: "Finden Sie gemeinsam die beste Lösung für Österreich."

"Leistungsschau light" am Heldenplatz

Tanzende Soldaten, Hubschrauber-Luftballons und Gulasch: Obwohl die Leistungsschau des Bundesheeres heuer nur in einer "Light"-Variante stattgefunden hat, lockte sie zahlreiche Besucher auf den Heldenplatz.

Die Schau fand unter dem Motto "Was wir heute noch können, was wir morgen nicht mehr können" statt und sollte als abgespeckte Version auf die finanziellen Nöte des Heeres aufmerksam machen. Es war die 24. Ausgabe der Leistungsschau, bei der sich auch Verteidigungsminister Thomas Starlinger unters Volk mischte. Eltern, die mit ihren frisch angelobten Söhnen (und wenigen Töchtern) unterwegs waren, nutzten die Gelegenheit gleich, um sich beim neuen "Chef" des Nachwuchses vorzustellen.

Das Bundesheer unterhielt seine Gäste mit "dynamischen Vorführungen". Die Gardemusik gab einige Einlagen zum Besten, Soldaten tanzten dazu und jonglierten mit ihren Gewehren. Auch sportliche Vorführungen wurden dargeboten, eine Kompanie zeigte Crossfit-Übungen zur körperlichen Ertüchtigung. Auf die Stimmung hatte der Sparzwang beim Bundesheer keine Auswirkungen, der Heldenplatz war lediglich etwas leerer als in den vergangenen Jahren.

Hubschrauber standen diesmal keine auf dem Platz, lediglich ein paar Plakate erinnerten an die Eurofighter. Ansonsten wurden zahlreiche Gefährte ausgestellt, Kinder kletterten auf die Transporter, Familien machten Selfies und Mitglieder des Heeres standen geduldig für Auskünfte zur Verfügung und erklärten die Welt der Landesverteidigung. Als Highlight wurde der Mannschaftstransportpanzer "Pandur Evolution" präsentiert, der ein beliebtes Foto-Motiv darstellte. (APA/TT.com)