Letztes Update am Fr, 27.07.2012 15:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Beschneidungs-Debatte

„Will man das Judentum in Österreich auflösen?“

Debatte über Beschneidungen: Präsidentin der Israelitischen Kultusge-meinde Esther Fritsch pocht auf Religionsfreiheit und kündigt Prüfung an.



Von Peter Nindler und Marco Witting

Innsbruck, Wien – Die Empfehlung des Vorarlberger Landeschefs Markus Wallner, an den Landesspitälern keine religiösen Beschneidungen durchzuführen, hat eine heftige Debatte in Österreich ausgelöst. Wallner bezieht sich auf ein Urteil des Landesgerichts Köln, das religiöse Beschneidungen von Buben als Körperverletzung ansieht. In Österreich wird dies unterschiedlich gehandhabt. Der Ruf nach einer österreichweit einheitlichen Regelung wird deshalb laut. Auch in Tirol.

An den Urologien der Krankenhäuser in Hall, Innsbruck und Schwaz werden Beschneidungen nur aus medizinischen Gründen durchgeführt. In der Kinderchirurgie der Klinik auch aus religiösen. Allerdings nur unter bestimmten Umständen. „Das ist Abwägungssache der Ärzte. Wenn die Eltern eines Kindes die Operation unbedingt wollen, ist es besser, man macht sie in der Klinik als anderswo“, erklärt Tilak-Sprecher Johannes Schwamberger. Dies komme pro Jahr nur fünf- bis sechsmal vor. Es habe in der Vergangenheit Fälle gegeben, bei denen Kinder nach einer Beschneidung, die nicht an einem Krankenhaus durchgeführt wurde, mit Entzündungen in der Klinik behandelt werden mussten.

Tirols Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) sieht daher derzeit „keine Veranlassung, von der bisherigen Vorgangsweise abzugehen“. Das Wohl der Kinder stehe im Vordergrund und es sei besser, wenn die Eingriffe im Krankenhaus durchgeführt werden statt von unqualifizierten Personen. Tilg fordert aber klare Richtlinien: „Ich appelliere an Gesundheitsminister Stöger, hier im Sinn aller, vor allem der Kinder und der behandelnden Ärzte, die die Entscheidungen letztendlich treffen müssen, österreichweite einheitliche Standards zum Thema Beschneidung festzulegen.“ Es sei wenig zielführend, dass Beschneidungen in einem Bundesland durchgeführt werden, in anderen nicht.

Während Stöger von einer „aufgesetzten Diskussion“ spricht und die Entscheidung den Landesspitälern überlässt, ist die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg empört. „Will man mit Verboten das Judentum in Österreich auflösen?“, kritisiert sie den Vorarlberger Landeschef. Die Kultusgemeinde hat 122 Mitglieder, davon rund 50 in Vorarlberg. „Die Beschneidung ist ein identitätsstiftendes Merkmal des Judentums, ein zentraler Ritus unserer Religionsgemeinschaft. Mit der Beschneidung werden die Knaben in den Bund mit Gott aufgenommen.“

Sie bezeichnet die Vorgehensweise in Vorarlberg als Eingriff in die Religionsfreiheit. „Das werden wir so nicht hinnehmen. Als Reaktion auf die Debatte werden die Beschneidungen von jüdischen Buben von einem für Beschneidungen ausgebildeten Fachmann durchgeführt (Mohel). Fritsch: „Das war schon bisher der Fall. Die Beschneidungen werden immer von einem Mohel oder einem Arzt durchgeführt.“

Die Präsidentin der Kultusgemeinde kündigt eine verfassungsrechtliche Prüfung an, „schließlich geht es um eine Grundsatzfrage unserer Religion – und das seit 3000 Jahren“. Sie hofft nicht, dass Tirol dem Beispiel Vorarlbergs folgen wird. „Dass LH Wallner auf Forderungen der FPÖ reagiert hat, ist mir ohnehin unverständlich.“




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