Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.01.2015


Innenpolitik

Ärzte diagnostizieren akutes ELGA-Chaos

Die Hausärzte fordern erneut dazu auf, der elektronischen Gesundheitsakte den Rücken zu kehren. Und sie wollen E-Cards mit Foto.

© APALaut ELGA-Gesetz, das seit Anfang 2013 in Kraft ist, werden die Befunde automatisch über die E-Card gesammelt und gespeichert.



Von Cornelia Ritzer

Wien – Anfang 2013 haben die österreichischen Hausärzte ihre Bedenken an der elektronischen Gesundheitsakte ELGA öffentlich gemacht. Auch ein Jahr später hat sich die Skepsis der Mediziner nicht gelegt. Die elektronische Gesundheitsakte sei „unheilbar krank“, lautet der Befund von Wolfgang Geppert, Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbandes.

Rückenwind geben den ELGA-Kritikern jene rund 200.000 Österreicher, die sich von der Teilnahme an der elektronischen Akte abgemeldet haben. Und das trotz „ex­tremer Wartezeiten“ von bis zu neun Monaten bei der ELGA- Widerspruchsstelle. Trotzdem rät man Patienten weiter zum Opt-out – also zur bewussten Abmeldung. Denn statt der Zwangsteilnahme müsse Freiwilligkeit vorherrschen.

Die weiteren Kritikpunkte: Viele Befunde, etwa aus dem niedergelassenen Bereich, schaffen es per Gesetz nicht in die ELGA. So seien Impfpass, Allergieinformationen, Befunde aus dem Praxislabor oder Röntgenbilder nicht enthalten. „ELGA hat als Idee einen gewissen Charme, aber mehr als die Idee ist nicht existent“, sagt deshalb Verbands-Präsident Christian Euler. Außerdem kritisieren die Ärzte, dass die Patienten einzelne Befunde ausblenden können. „Wir können uns auf die Krankenakte nicht verlassen“, beklagt Eva Raunig, Bundessekretärin des Verbandes.

Bemängelt wird außerdem, dass auf der E-Card – die in der Arztpraxis die Schlüsselkarte für die Gesundheitsakte ist – ein Foto zur Identifikation fehlt. Schon jetzt gebe es Missbrauch mit den Karten, weiß Raunig, dieser könnte in Zukunft dramatische Folgen haben. Wenn dann nämlich falsche Laborbefunde oder Medikamentenverschreibungen abgespeichert werden.

Auch der Datenschützer Hans Zeger kommt zu einem vernichtenden ELGA-Befund. ELGA sei eine Mogelpackung, weil sie nicht alle Informationen enthalte, die für Patienten wichtig seien. Und ELGA bewege sich seit 1.1.2015 im „rechtsfreien Raum“. Ab diesem Zeitpunkt hätten ursprüngliche Krankenhausverbände beginnen müssen, die Patientenakten mit Daten zu füttern. Der Start wurde um ein Jahr verschoben – aber die Verordnung des Gesundheitsministeriums als Grundlage für die Verschiebung sei weiterhin ausständig, kritisiert Zeger.

Auch juristische Verstärkung hat der Hausärzteverband an seiner Seite. Johannes Hock jun. Vertritt einen Gynäkologen, der gegen ELGA vor den Verfassungsgerichtshof gezogen ist. Verteidigt wurde ELGA gestern von ELGA-Geschäftsführerin Susanne Herbek. Vor allem für chronisch Kranke und ihre Ärzte sei der Akt Hilfe und Erleichterung, meint sie.