Letztes Update am Do, 29.01.2015 05:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Streitgespräch um Akademikerball: Unversöhnliche Gegensätze

In der Wiener Hofburg tanzen morgen die Freiheitlichen am Akademikerball, Tausende protestieren gegen das Fest der Rechten. Die TT bat Demonstrant Sebastian Kugler und Ballgast Reinhard Bösch zum Streitgespräch.

© Hopi/HolznerDie „Offensive gegen rechts“ von Sebastian Kugler (l.) lehnt den Akademikerballs als rechtsextremes Vernetzungstreffen ab. Der FPÖ-Abgeordnete Reinhard E. Bösch hingegen beteuert, nur tanzen zu wollen.



Wien – Wenn der FPÖ-Abgeordnete Reinhard E. Bösch (56) morgen Abend zum Akademikerball in der Wiener Hofburg geht, könnte es sein, dass er auf der Straße auf Sebastian Kugler (22) trifft. Der Geschichtestudent ist Aktivist der „Offensive gegen Rechts“, die eine von mehr als einem Dutzend Demonstrationen gegen den Ball angemeldet hat (siehe Kasten). Veranstalter des Balles ist seit 2013 die Wiener FPÖ, seit das Kongresszentrum Hofburg den „Wiener Korporationsring“, den Dachverband der schlagenden Burschenschaften, ausgeladen hat. Tiroler Tageszeitung und Vorarlberg Nachrichten baten Kugler und Bösch im Vorfeld der umstrittenen Veranstaltung zum Streitgespräch.

Herr Kugler, warum lassen Sie die Besucher des Akademikerballs nicht ungestört tanzen?

Sebastian Kugler: Der Akademikerball ist kein harmloser Tanzevent. Er ist ein Vernetzungsevent der rechtsextremen Szene in ganz Europa. Dort wird rassistische, sexistische Politik vorangetrieben.

Herr Bösch, Sie gehen zum Ball. Sind Sie ein rechtsextremer Sexist?

Reinhard E. Bösch: Diese Unterstellungen treffen in keiner Weise zu. Ich mache keinen Hehl daraus, dass auch Leute auf diesem Ball waren, ohne die ich meinen Walzer auch tanzen hätte können. Aber wer lässt sich schon gerne vorschreiben, wen er auf seinen Ball einlädt?

Woran machen Sie den Vorwurf des Rechtsextremismus fest, Herr Kugler?

Kugler: Die Burschenschaft Teutonia zum Beispiel schreibt in ihrer Festschrift von 1968, dass es keine Zweifel gibt, dass das Judentum eine kulturelle und wirtschaftliche Gefahr für unser Volk bildet. Die Burschenschaft war in den 90er-Jahren das größte Rekrutierungsfeld für die militante Neonazi-Szene um Gottfried Küssel. 2010 hat die Teutonia Flugblätter verteilt, wo gegen Widerstandskämpfer und Wehrmachtsdeserteure im Nationalsozialismus gehetzt wurde.

Bösch: Ich bin Teutone und räume ein, dass wir in den 90er-Jahren einige Leute hatten, die wir aus der Burschenschaft ausgeschlossen haben. Dass es in früheren Jahrzehnten andere Positionen gab, ist ein Faktum. Genau diese können Sie aber bei allen Parteien heraussuchen, die eine Geschichte haben.

Kugler: Ich bin stolzes Gewerkschaftsmitglied und der ÖGB hat nie solche Festschriften herausgegeben.

Würden Sie das Zitat über die Juden aus der Festschrift so unterschreiben, Herr Bösch?

Bösch: Das ist vollkommen abzulehnen. Mittlerweile ist eine völlig andere Positionierung eingetreten. Heute muss man eine Weiterentwicklung konstatieren und akzeptieren, dass dies nicht mehr Inhalt unserer Politik ist.

Der Wehrmachtsdeserteure wird am Ballhausplatz in Wien neuerdings durch ein Denkmal gedacht. Unterstützen Sie diese Ehrung?

Bösch: Dass der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, ist für mich eine klare Sache. Im Fall der Desertion bin ich dafür, dass eine fallweise Überprüfung stattfinden muss, weil Desertation ein Straftatbestand ist.

Gilt das auch für eine Unrechtsarmee?

Bösch: Auch in einer Unrechtsarmee hat dieser Straftatbestand gegolten. Es gibt gute Gründe für eine Desertion, aber es ist von Fall zu Fall zu beurteilen.

Kugler: Nennen Sie mir einen schlechten Grund.

Bösch: Ich diskutiere jetzt mit Ihnen nicht darüber.

2012 hat FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache beim Ball gesagt: „Wir sind die neuen Juden“. Und erst kürzlich bezeichnete er seine Gegner als „Sozialistische Antifa“ bzw. „SA“. (Die SA war eine paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialisten.) Unterstützen Sie das?

Bösch: Das waren überzogene Äußerungen, die ich weder kommentieren noch mich davon distanzieren möchte. Aber ich distanziere mich von allen radikalen Aussagen, die im Rahmen dieses Balles von unserer Seite gemacht worden sind. Ich kann damit nichts anfangen.

Bei den Demonstrationen gegen den Akademikerball 2014 gab es Schäden, Ballbesucher wurden mit Farbbeuteln beworfen. Herr Kugler, würde auf Ihrer Seite eine Deeskalation gut tun?

Kugler: Die Eskalation geht eindeutig davon aus, dass es diesen Event gibt, dass Millionen verschwendet werden, um ihn tausende Polizisten zu schützen. Von der „Offensive gegen Rechts“ geht keine Gewalt und keine Eskalation aus. Wir nutzen die Methoden des zivilen Ungehorsams, wir benutzen unsere Körper, um uns diesem Ball entgegen zu setzen, durch Blockaden, durch Menschenketten usw.

Blockade heißt, wenn Sie Erfolg haben, kommt Herr Bösch nicht zu dem Ball?

Kugler: Da muss er zuerst schauen, wie er an uns vorbeikommt.

Stimmen Sie der Initiative „NOWKR“ zu, wenn diese sagt, sie könne Gewalt bei den Protesten nicht ausschließen? (Anm. Das Verbot der NOWKR-Demo wurde nach dem Streitgespräch bekannt.)

Kugler: Das ist eine Sache, die NOWKR sagt. Ich persönlich befinde mich aus politischen Gründen bei der „Offensive gegen Rechts“. Ich halte eine Distanzierungsdebatte für völlig unangebracht.

Was wäre, wenn Ihnen Burschenschafter am Gewerkschaftstag den Zugang blockieren würden?

Kugler: Ich mache da einen Unterschied zwischen Organisationen mit fast einer Million Mitglieder, die die Interessen von Arbeitern vertreten. und Organisationen, die auf der Seite der Reichen und Korrupten stehen, die Sexismus und Rassismus schüren, um diese Gesellschaft zu spalten.

Bösch: Die Aktionen, die Sie organisieren, sind gewalttätig. Meine Frau wird angespuckt, mir wird ein Farbbeutel auf den Mantel geworfen. Die halbe Innenstadt wurde in Scherben geschlagen. Und Sie reden hier von legitimem Widerstand. Das ist der Grund, warum wir, die meisten Bürger dieses Landes, auch ÖVP-Politiker, sagen, dass das der neue Faschismus ist. Sie sprechen politisch Andersdenkenden, in diesem Falle uns Freiheitlichen, das Lebensrecht ab.

Herr Bösch, gehen Sie zum Ball, um zu tanzen oder um ein politisches Zeichen zu setzen?

Bösch: Nur um zu tanzen.

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem früheren WKR-Ball und dem heutigen Akademikerball?

Bösch: Der Veranstalter. Es ist nicht mehr der Wiener Korporationsring, sondern die FPÖ. Die Gäste sind die gleichen. Ich gehe seit 40 Jahren hin.

Herr Kugler, würden Sie noch gegen den Ball demonstrieren, wenn er nicht mehr in der Hofburg stattfinden würde?

Kugler: Auf jeden Fall. Die simple Existenz dieses Balles, eines Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, der falsche Antworten auf soziale Probleme gibt, das ist für mich das Problem. Und solange es diesen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gibt, der nach unten tritt und sagt, dass die untersten in der Gesellschaft schuld daran sind, Migrantinnen und Migranten, jetzt besonders Moslems und Muslime, der sagt, dass sie unsere Feinde sind und nicht jenes eine Prozent, dass 43 Prozent des Reichtums besitzt - solange es so eine Hetze gibt, werde ich dagegen demonstrieren, egal wo so ein Event stattfindet.

Bösch: Da müssten Sie, lieber junger Freund…

Kugler: Ich bin nicht ihr Freund.

Bösch: Da müssten Sie vor jeder Regierungssitzung auf dem Ballhausplatz demonstrieren, weil die Politik die Sie ankreiden, findet nicht im Wiener Korporationsring oder dem Akademikerball statt, sondern in der jetzigen Koalitionsregierung. Diese Intoleranz, die sie einer politischen Gruppe, die ein Viertel bis ein Drittel der Wähler repräsentiert, entgegenbringen ist erschreckend. Es ist ein Mangel an Wertschätzung einem politisch Andersdenkenden gegenüber. Hier sollten Sie in sich gehen und überlegen, ob Sie hier auf dem richtigen Weg sind.

Ihr Ziel, Herr Kugler, wäre es, dass möglichst wenig Leute zum Ball kommen. Herr Bösch, ist für Sie eine Demonstration akzeptabel?

Bösch: Selbstverständlich, wenn wir demonstrieren wollten, würden wir es auch tun. Es gibt das Recht auf Versammlungsfreiheit. Und wir haben das Recht, uns zu versammeln und einen Ball abzuhalten. Und die linken Gruppierungen haben auch ein Recht zu demonstrieren, nur nicht mit Gewalt und nur nicht so, dass eine andere Veranstaltung nicht stattfinden kann.

Herr Kugler, was ist Ihre Erwartung für den Freitag?

Kugler: Ich erwarte am Freitag tausende Menschen, die gegen diesen Ball demonstrieren, die sich das nicht bieten lassen, die sich der rechtsextremen Hetze, dem Rassismus, Homophobie und dem Sozialabbau in den Weg stellen.

Das Gespräch moderierten Birgit Entner (VN) und Wolfgang Sablatnig

Die „Offensive gegen rechts“ von Sebastian Kugler (l.) lehnt den Akademikerballs als rechtsextremes Vernetzungstreffen ab. Der FPÖ-Abgeordnete Reinhard E. Bösch hingegen beteuert, nur tanzen zu wollen.
- Hopi/Holzner