Letztes Update am Do, 10.12.2015 13:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flucht nach Griechenland

Dunkelheit, Kälte und die Angst entdeckt zu werden

Immer widrigeren Bedingungen zum Trotz wagen noch immer Tausende Flüchtlinge täglich die Überfahrt vom türkischen Festland auf eine der griechischen Inseln. Um nicht von der türkischen Küstenwache entdeckt zu werden, starten viele Boote in der Nacht – bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Ein Flüchtlingsboot im Scheinwerfer eines Schiffs der Küstenwache: Die türkischen Behörden haben ihre Patrouillen entlang der Hauptfluchtrouten auf Drängen der EU verstärkt.

© EPAEin Flüchtlingsboot im Scheinwerfer eines Schiffs der Küstenwache: Die türkischen Behörden haben ihre Patrouillen entlang der Hauptfluchtrouten auf Drängen der EU verstärkt.



Athen - Mindestens 18 Menschen sind allein in dieser Woche bei der Überfahrt von der türkischen Küste nach Griechenland im Mittelmeer ertrunken, darunter elf Kinder. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) registriert zwar einen Rückgang der Flüchtlingszahlen, doch Entwarnung gibt sie nicht: „Die Menschen wagen eine weitaus gefährlichere Reise bei Kälte und unruhiger See“, heißt es. Das bestätigen auch deutsche Helfer und Beobachter vor Ort.

Da die Türkei aufgrund eines Abkommens mit der EU die Grenzen nun schärfer kontrolliert, starten viele Boote erst mitten in der Nacht Richtung Lesbos, Samos und anderer ostägäischer Inseln Griechenlands. Bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt und schlechter Sicht machen sich die überladenen Boote auf den Weg. Weiterhin sind es tausende Menschen täglich, die trotz des erhöhten Risikos die Überfahrt wagen. Die Boote wählen zudem meist längere Routen, um Patrouillen zu entgehen. Neuerdings kommen etwa viele Flüchtlinge im Süden der Insel Lesbos an und nehmen damit eine längere Fahrt in Kauf, um unentdeckt zu bleiben.

Menschen „völlig durchnässt und frierend“

„Die Zahl der Flüchtlinge ist nach wie vor erschreckend hoch und vor Ort ohne Unterstützung kaum zu bewältigen“, sagt Martin Horn. Der Europakoordinator der deutschen Stadt Sindelfingen besucht die Insel Samos bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen und ist diesmal im Auftrag seiner Kommune mit einem Transporter voller Hilfsgüter angereist. Selbst das Fahrzeug gehört dazu und wird an die Stadt Samos gespendet. Die Decken, die Horn und sein Kollege Jürgen Karl im Gepäck hatten, seien ihnen von den Flüchtlingen quasi aus den Händen gerissen worden, sagen sie. Auch die 2.000 Hygiene-Päckchen, die man im Sindelfinger Rathaus gepackt hat, haben bereits Abnehmer gefunden.

Der Aufwand für die Versorgung der Flüchtlinge ist im Winter viel höher.
Der Aufwand für die Versorgung der Flüchtlinge ist im Winter viel höher.
- imago stock&people

„Der Aufwand für die Versorgung der Flüchtlinge ist im Winter viel höher“, erklärt Horn. „Noch vor wenigen Wochen konnten die Menschen die Nacht unter freiem Himmel verbringen. Nun sitzen sie hier bei Wind und Wetter zum Teil völlig durchnässt und frieren.“

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Der Kampf gegen die Kälte nehme viel Zeit in Anspruch und verschlinge eine Menge Material. „Die Situation ist nach wie vor dramatisch. Wenn es keine Decken mehr gibt, dann gibt es eben keine mehr.“ Und ohne die Hilfe der Einwohner von Samos und der vielen Freiwilligen von überall her wäre auch die Versorgung mit Lebensmitteln schon längst nicht mehr gewährleistet, warnt der Deutsche.

Schiffbrüchige in der Dunkelheit schwer auszumachen

Auf Lesbos sehe es nicht viel besser aus, sagt Luise Amtsberg, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen. Sie besucht derzeit die Insel, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. „Schlimm ist, dass die Boote nachts um zwei, drei Uhr ankommen“, sagt sie. „Plötzlich leuchtet eine Taschenlampe auf dem Meer und dann sieht man im Kegel des Lichts die Menschen auf den überfüllten Booten ums Gleichgewicht ringen.“

Um nicht von der Küstenwache entdeckt zu werden, weichen viele Flüchtlingsboote auf längere Routen aus.
Um nicht von der Küstenwache entdeckt zu werden, weichen viele Flüchtlingsboote auf längere Routen aus.
- EPA

Die Arbeit der freiwilligen Helfer, der Küstenwache und der Marine gestaltet sich somit immer schwieriger, weil Schiffbrüchige nur noch schwer zu entdecken sind. Bei eisigen Temperaturen sinken zudem die Überlebenschancen im Wasser, gerade auch bei Kindern.

Entsprechend rechnen die Verantwortlichen vor Ort mit weiteren Todesopfern, je schlechter und kälter das Wetter wird, so Luise Amtsberg und fügt hinzu: „Der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, würde am liebsten reguläre Fähren einsetzen, um die Menschen herzubringen, damit vor der Küste seiner Insel keine Menschen mehr ertrinken.“ (tt.com, dpa)