Letztes Update am So, 27.12.2015 15:43

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Afghanistan

Kämpfen und verhandeln: Mögliche Friedensgespräche mit Taliban

Pakistan will das Verhältnis zu Afghanistan verbessern und forciert Friedensgespräche mit den Taliban.

Taliban in Afghanistan. (Archivbild)

© REUTERSTaliban in Afghanistan. (Archivbild)



Kabul, Islamabad – Es war ein besonderer Besuch - der erste seit sieben Monaten und Zeichen für ein wieder erwärmtes Verhältnis zwischen Pakistan und Afghanistan. Am Sonntag reiste der pakistanische Armeechef Asim Bajwa nach Kabul, um dort zu diskutieren, wie man die Taliban zu Friedensgesprächen bewegen könne.

Anfang Dezember hatten der afghanische Regierungschef Ashraf Ghani und der pakistanische Ministerpräsident Nawaz Sharif in Islamabad beschlossen, noch einmal Gespräche mit den Taliban zu versuchen. Pakistan ist wichtig für derartige Kontakte. Man wirft dem Land vor, die Aufständischen in Afghanistan jahrelang unterstützt zu haben.

Nachfolgestreit bei Taliban verhinderte Verhandlungen

Im Sommer 2015 schaffte es Islamabad, die afghanische Regierung mit Taliban zusammenzubringen. Die Gespräche scheiterten allerdings, als von unbekannter Seite die Nachricht vom Tod des langjährigen Talibanchefs Mullah Omar lanciert wurde. Das stürzte die Bewegung in einen Nachfolgestreit, der bis heute andauert. Pakistan beschuldigt Afghanistan - Afghanistan beschuldigt Pakistan. Eine Serie brutaler Anschläge in Kabul machte dem Verhältnis dann ganz den Garaus. Bis Anfang Dezember.

Der Außenpolitikberater der pakistanischen Regierung, Sartaj Aziz, sagte Anfang der Woche, Gespräche könnten schon im Jänner beginnen. Der Optimismus wirkt allerdings seltsam zu einer Zeit, da die Taliban militärische Erfolge in der wichtigen Südprovinz Helmand feiern, einen Anschlag nach dem nächsten verüben und Friedensgespräche explizit absagen. „Wieso denn aufgeben - wir gewinnen doch“, war der Tenor eines Tweets. In einer anderen Nachricht nannten die Taliban die Verlängerung der UNO-Sanktionen gegen sie sowie die Präsenz ausländischer Truppen in Afghanistan als Gründe zum weiterzukämpfen.

Was kann Pakistan wirklich tun, um die Taliban an den Tisch zu bekommen? Die Meinungen sind nach unzähligen gescheiterten Verhandlung geteilt - sowohl, was den Willen der Taliban angeht, sich auf Gespräche einzulassen, als auch hinsichtlich der Fähigkeit Pakistans, sie dazu zu bewegen.

Die pakistanische Regierung betont, nur eingeschränkt Einfluss auf die Taliban zu haben. Teile der afghanischen Regierung bezweifeln das laut und öffentlich. Ein westlicher Beobachter meinte am Sonntag in Islamabad, dass Pakistan neue Interessen habe - und Gemeinsamkeiten mit Afghanistan.

Brutale Exekutionen pakistanischer Soldaten

Eine solche Gemeinsamkeit ist die Bekämpfung der Terrormiliz IS (Daesh). Die wird in beiden Ländern aktiver. Der IS will eine Provinz „Khorasan“ etablieren und hat dafür sowohl afghanisches als auch pakistanische Staatsgebiet im Auge. Erst am 25. Dezember hatte der IS ein Video veröffentlicht, das nach Medienberichten brutale Exekutionen pakistanischer Soldaten sowie einen Anschlag auf einen Polizeiposten in Afghanistan zeigt.

„Dies ist eine Bedrohung für beide Länder“, sagt ein westlicher Taliban-Experte in Kabul. Außerdem seien viele der Kämpfer, die sich nun in Afghanistan dem IS anschlössen, ehemalige pakistanische Taliban - die Pakistan seit dem Schulmassaker erbittert bekämpft. Seit dem Sommer gebe es mithilfe afghanischer Geheimdiensterkenntnisse immer mehr Drohnenangriffe auf IS-Ziele: „Und plötzlich bekämpft Afghanistan die Feinde Pakistans - hier haben wir einen neuen gemeinsamen Nenner.“

Positive Rückmeldungen von Seiten der Taliban

Zur Bereitschaft der Taliban an Gesprächen gibt es überraschend positive Rückmeldung aus Afghanistan. Sie laufen auf das Motto hinaus, dass der Kampf das Verhandeln nicht ausschließe.

Der ehemalige Taliban-Kontaktmann bei den Vereinten Nationen und Mitglied des Hohen Friedensrats, Abdul Hakim Mujahid, versichert, dass die neue Taliban-Führung definitiv Interesse an Friedensgesprächen habe. „Mullah Akhtar Mansour hat das mehrmals gesagt.“ Der Mullah gelte als Pakistan-nah und könnte eine von Pakistan ausgesprochene Einladung zu Verhandlungen positiv aufnehmen.

Der Sicherheitsanalyst und ehemalige Taliban Wahid Muzhda sagt, bisher habe er noch nichts davon gehört, dass Taliban an Treffen in Pakistan teilnehmen würden. Es gebe aber Gerüchte über ein Treffen in Saudi-Arabien. Allerdings erschwere der interne Streit um die Führung Verhandlungen, weil er die Bewegung fragmentiert habe.

Sollte es wirklich zu einer weiteren Runde von Gesprächen kommen, wäre es ein Treffen zweier Parteien, die über fast alles extrem unterschiedlich denken: Emirat oder Republik, Gesetzbuch oder Scharia, Rechte für alle Menschen oder einige wenige, die manch anderen Rechte gewähren? Um Frieden würde es da nicht gehen - noch lange nicht. (APA, dpa)