Letztes Update am Mi, 24.08.2016 16:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hintergrund

Immer mehr Kinder werden als Attentäter missbraucht

Der IS (Daesh) und andere Gruppen rekrutieren immer mehr Kinder. Auch Taliban und Boko Haram missbrauchen Kinder als Attentäter.

Minderjährige als wandelnde Bomben einzusetzen ist eine Praktik islamistischer Gruppen, die sich immer weiter ausbreitet.

© REUTERSMinderjährige als wandelnde Bomben einzusetzen ist eine Praktik islamistischer Gruppen, die sich immer weiter ausbreitet.



Istanbul – Panik flackert in den Augen des Jungen, als Polizisten ihn im nordirakischen Kirkuk auf der Straße aufgreifen. Er sieht noch jung aus, ist fast noch ein Kind - doch unter seinem T-Shirt sind zwei Kilogramm Sprengstoff eng um die schmalen Hüften gewickelt. Minderjährige als wandelnde Bomben einzusetzen ist eine Praktik islamistischer Gruppen, die sich immer weiter ausbreitet.

Die irakische Polizei konnte durch die Festnahme des Jungen in Kirkuk am vergangenen Sonntag Schlimmeres verhindern. Nur einen Tag zuvor starben bei einem Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsgesellschaft im türkischen Gaziantep 52 Menschen. Während Präsident Recep Tayyip Erdogan von einem 12 bis 14-Jährigen als Attentäter sprach, relativierte Regierungschef Binali Yildirim dies einen Tag später und sagte, man wisse nicht, ob der Anschlag von einem Erwachsenen oder einem Kind verübt worden sei.

Rekrutierung von Kindern steigt massiv an

Unabhängig von dem Fall in der Türkei zeichnet sich seit längerem in den Krisen- und Kriegsgebieten von Asien bis Afrika aber ab: der radikalislamische IS (Daesh) und andere militante Gruppen setzen verstärkt auf den Einsatz von Kindern und Jugendlichen. „Die Rekrutierung von Kindern steigt in der ganzen Region massiv an“, sagt Juliette Touma, die für das UN-Kinderhilfswerk Unicef die vom Syrien-Konflikt betroffenen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens abdeckt. „Kinder übernehmen in dem Konflikt eine aktivere Rolle. Sie tragen schwere Waffen, werden an vorderster Front an Kontrollposten oder als Scharfschützen eingesetzt und in extremen Fällen sogar als Selbstmordattentäter.“

Taliban in Afghanistan als Vorreiter dieser Taktik

Während es in der Türkei der erste Anschlag wäre, bei dem Extremisten Minderjährige für ihre Zwecke missbraucht hätten, wenden die Taliban in Afghanistan diese Taktik bereits seit Jahren an. Im September 2012 starben sechs Menschen, als sich ein minderjähriger Selbstmordattentäter vor dem Nato-Hauptquartier in Kabul in die Luft sprengte. Zwei Jahre später verübte ein Teenager einen Anschlag auf ein französisches Kulturzentrum in der afghanischen Hauptstadt.

In Westafrika verschleppt die islamistische Miliz Boko Haram vor allem junge Mädchen und zwingt sie zu Anschlägen wie dem im Januar 2015 auf einem Markt in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Dort riss eine zehnjährige Selbstmordattentäterin 16 Menschen mit in den Tod. Unicef vermerkt allein für das erste Halbjahr 2016 in Westafrika 38 Selbstmordanschläge, die von Kindern verübt wurden. „Das ist zu einem Merkmal dieses Konflikts geworden“, sagt Thierry Delvigne-Jean von Unicef.

„Jugendliche sind leichter für Selbstmordattentate zu gewinnen, vor allem in Momenten der Verzweiflung oder Trauer, wenn sie zum Beispiel Angehörige verloren haben“, sagt Hischam al-Haschimi, der die irakische Regierung im Kampf gegen den IS berät. „Außerdem erregen sie bei Sicherheitskräften weniger Aufmerksamkeit und Verdacht als erwachsene Männer“, sagt er.

IS (Daesh) brüstet sich mit Kindersoldaten

Im Gegensatz zu anderen Gruppen versucht die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) gar nicht erst zu verheimlichen, dass sie Minderjährige in ihrem Kampf einsetzen. Im Gegenteil: Der IS (Daesh) veröffentlicht regelmäßig Videos von Trainingscamps, in denen Kinder militärisch gedrillt und indoktriniert werden, um dann in Kinderbrigaden der Islamistengruppe zu kämpfen.Für eine Studie des Combating Terrorism Center der US-Militär-Akademie West Point haben Forscher systematisch IS-Propaganda zwischen Januar 2015 und 2016 analysiert und festgestellt, dass Selbstmordanschläge durch Kinder in diesem Zeitraum um das Dreifache zugenommen haben. „Der IS mobilisiert in beängstigendem Ausmaß Kinder und Jugendliche“, heißt es in der Studie. Der Einsatz von Kindern als Selbstmordattentäter sei eine wirksame Form der psychologischen Kriegsführung. Damit werde Stärke und Unberechenbarkeit demonstriert, was den Gegner Angst einjagen soll.