Letztes Update am Do, 25.08.2016 12:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krieg in Syrien

Rebellen vor Sturm auf IS-Zentrum Raqqa, Türkei weitet Offensive aus

Nach der Zurückdrängung des IS gilt der Kampf der Türkei nun verstärkt den Kurden in Nordsyrien. Indes bereiten die von den Kurden angeführten „Demokratischen Kräfte Syriens“ die Eroberung der IS-Hochburg Raqqa vor.

Zehn weitere türkische Panzer sind am Donnerstag auf syrisches Gebiet vorgerückt.

© AFPZehn weitere türkische Panzer sind am Donnerstag auf syrisches Gebiet vorgerückt.



Damaskus – Die Türkei verstärkt ihre Bodenoffensive in Nordsyrien. Zehn weitere Panzer drangen am Donnerstag in der Früh auf syrisches Territorium vor, begleitet von mehreren Krankenwagen und schweren Geschützen, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Die an der Seite der Türkei kämpfenden, politisch gemäßigten syrischen Rebellen hatten am Mittwoch die Jihadistenmiliz IS (Daesh) aus dem syrischen Grenzort Jarablus vertrieben.

Indes bereiten sich die von den Kurden angeführten Rebellen der Demokratischen Kräfte Syriens (DFS), zu der auch arabische Kämpfer gehören, offenbar auf die Eroberung von Raqqa, der inoffiziellen Hauptstadt des IS, vor. Das berichtete ein Sprecher der US-geführten internationalen Koalition via Kurznachrichtendienst Twitter am Donnerstag. Details nannte er nicht.

Sprecher der Kurdenmiliz widerspricht US-Angaben zum Rückzug

Die DFS würden sich nun östlich des Euphrats zurückziehen, so der Sprecher. Ein Sprecher der Kurdenmiliz YPG erklärte jedoch nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur Firat, es gebe keine Pläne zum Rückzug. Zuvor hatte US-Außenminister John Kerry seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu in einem Telefongespräch zugesichert, die Verlegung der Truppen sei bereits im Gange, meldete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. Damit unterstützte er eine wichtige Forderung der türkischen Regierung. Diese will verhindern, dass die Kurden ihr Herrschaftsgebiet in Syrien noch weiter vergrößern.

Türkische Panzer und Truppen auf dem Weg nach Jarablus.
Türkische Panzer und Truppen auf dem Weg nach Jarablus.
- REUTERS

Türkei will Einsätze fortsetzen

Die Türkei will nach der Vertreibung des IS aus dem nordsyrischen Jarablus ihre Militäreinsätze in der Region jedenfalls fortsetzen, bestätigte Ministerpräsident Binali Yildirim. Jetzt gehe es darum, die Kurdenmiliz YPG über den Euphrat zurückzudrängen. „Bis das verwirklicht ist, werden unsere Operationen weitergehen“, sagte Yildirim am späten Mittwochabend.

„Unsere Abmachung mit den USA lautet, dass sich die Kurden aus Manbij und der Region auf die Ostseite des Euphrats zurückziehen müssen“, führte Yildirim aus. „Das ist die Zusage, die Garantie, die uns die USA gegeben haben.“ Das westlich des Euphrats gelegene Manbij war erst kürzlich von einem Bündnis unter Führung syrischer Kurdenmilizen vom IS zurückerobert worden.

US-Vizepräsident Joe Biden hatte der Türkei am Mittwoch bei politischen Gesprächen in Ankara Unterstützung für ihr Vorgehen in Nordsyrien zugesichert. „Wir unterstützen nachdrücklich, was das türkische Militär tut“, sagte er am Abend nach einem Treffen mit dem türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara auf Fragen von Journalisten.

Deutschland: Kurden wichtig im Kampf gegen IS

Der deutsche Politiker Norbert Röttgen (CDU) kritisierte den militärischen Kurs der Türkei gegen die Kurden in Nordsyrien. Es sei zwar zu begrüßen, dass die Türkei politisch und militärisch gegen den IS vorgehe, sagte der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses im Deutschen Bundestag am Donnerstag. Er missbillige aber die militärischen Aktionen gegen die Kurden, denn diese seien noch immer ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. „Die Kurden hinten runterfallen zu lassen, ist inakzeptabel.“ (TT.com, APA/AFP)

Internationale Pressestimmen zum Vorgehen der Türkei in Syrien

Die Zeitungen schreiben am Donnerstag zum Einmarsch der türkischen Armee in Syrien:

Frankfurter Allgemeine Zeitung

:

Die Türkei hatte lange gezögert, direkt in den Krieg im Nachbarland Syrien einzugreifen. Zwar hatte Ankara seine Hände stets im Spiel und unterstützte etwa die Gruppen, die den Sturz des syrischen Machthabers Assad wollen. Immer hat die türkische Armee die zivile Führung in Ankara aber vor einem direkten militärischen Eingreifen gewarnt. Dass dies jetzt geschieht, hat zwei Gründe: Der Terror, mit dem der IS die Türkei überzieht, und die Notwendigkeit, jenseits der Grenze einen kurdischen Korridor zu verhindern. In der Pufferzone um die Stadt Dscharabulus, um die jetzt gekämpft wird, soll nicht länger der IS geduldet werden; vielmehr will die Türkei dort der „Freien Syrischen Armee“ zu einer Renaissance verhelfen.(...)

De Standaard

(Brüssel):

„In Syrien, dem Land der unzähligen Fronten, hat die Türkei die nächste Phase des Krieges eröffnet. Türkische Panzer, Elitesoldaten und Kampfflugzeuge haben die Terrormiliz IS aus der Gegend rings um den Grenzort Jarablus vertrieben. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Türkei ruhig zuschauen konnte, wie sich ihre Feinde – vor allem der IS und die Kurden – gegenseitig bekämpfen. Jetzt hat der Kampf um das Territorium begonnen, das vom IS gesäubert wird. Da kann die Türkei nicht vom Rand aus zuschauen. Sie will um jeden Preis verhindern, dass die Kurden aus einer autonomen Zone an ihrer Grenze ein Gebilde formen, das einem Staat gleicht.“

Neue Zürcher Zeitung

:

„In Wahrheit aber geht es Ankara nicht in erster Linie um die Mörderbande des IS. Deren Präsenz hinter dem Grenzzaun duldete man gerne, solange die Kurden in Schach gehalten werden konnten. Das wichtigere Ziel des türkischen Vormarsches sind die kurdische ‚Partei der Demokratischen Union‘ (PYD) und ihre YPG-Miliz, die sich seit 2011 den größten Teil Nordsyriens gesichert haben und auf diesem eine Art Staat ins Leben riefen. (...)

Die Unterdrückung kurdischer Autonomiebestrebungen zählt aber seit je zur Staatsräson in der Türkei. Sie erklärt, warum Regierung und Generalität in dieser Frage stets an einem Strang ziehen und warum Erdogan den IS und die YPG auf eine Stufe stellt – obwohl die syrische Kurdenmiliz bisher nachweisbar keinen einzigen Terroranschlag auf türkischem Boden verübt hat. Dass sich die Türkei nicht länger nur mit Spezialeinheiten in den ‚syrischen Sumpf‘ begeben würde, war letztlich eine Frage der Zeit.“