Letztes Update am Do, 06.04.2017 08:51

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krieg

Die Angst vor der Antonow: Vom vergessenen Konflikt im Sudan

Sie sind konditioniert auf Krieg und vergessen von der Weltgemeinschaft. Selbst Helfer in den Nuba-Bergen im Sudan arbeiten unter widrigsten Bedingungen – im Nirgendwo.

© REUTERS(Symbolfoto)



Von Laura Wagenknecht, dpa

Lwere/Kauda – Wenn über der staubtrockenen Erde der Nuba-Berge ein Flugzeug zu hören ist, rennen Menschen um ihr Leben, verstecken sich in Erdlöchern. Es gibt keine Straßen, kein fließendes Wasser und keinen Strom. Es gibt zwei Krankenhäuser für geschätzt eine Million Menschen und zwei weiterführende Schulen. In diesem vergessenen Winkel der Weltpolitik, auf einer Fläche etwa so groß wie Belgien, kämpfen die Menschen ums Überleben.

Die Nuba-Berge liegen in der Provinz Süd-Kordofan an der Grenze zum Südsudan. Seit dieser 2011 unabhängig wurde, kämpfen hier Rebellen für mehr Selbstbestimmung der Region. Sudans Regierung unter Omar Hassan al-Baschir reagiert mit aller Härte. Dem Konflikt waren bereits Jahre eines blutigen Unabhängigkeitskriegs vorausgegangen.

Präsidnet Omar Al Bashir regiert mit aller Härte.
- Reuters

Auf Krieg konditioniert

„Die Menschen hier sind konditioniert auf Krieg“, sagt der deutsche Krankenpfleger Johannes Plate, der seit drei Jahren in dem Ort Lwere in den Nuba-Bergen das Hilfsprojekt der deutschen Organisation Cap Anamur leitet. Die Regierung hat Hilfsorganisationen aus der Region verbannt. Die Region wird von Rebellen gehalten, einen humanitären Korridor gibt es nicht. Cap Anamur betreibt die Klinik daher illegal.

Von Ackerbau ist während der derzeitigen Trockenzeit keine Rede. Nur die Trassen, die Menschen vor ihren Lehmhütten – Tukuls genannt – angelegt haben, zeugen von der Arbeit der Nuba. Überall laufen Ziegen und Schafe rum. Hirtenjungen treiben Kühe in Herden vor sich her.

Die Regierung setzt die russischen Transportflugzeuge Antonow als Bomber in den Nuba Bergen ein. Die Antonow wirft oft Fassbomben ab. Löcher, die die Schrapnelle hinterlassen, zieren die Wände vieler Häuser. Wer kann, gräbt sich einen Schutzgraben oder ein Schutzloch, sogenannte „Foxholes“, um sich vor den Metallsplittern zu schützen.

Wer die Möglichkeit hat, flüchtet in ein Flüchtlingslager.
- APA/AFP/UNAMID/STRINGER

Schutzsuche vor Fassbomben

„Manchmal reicht ein entferntes Motorengeräusch und schon stehe ich alleine hier“, schildert Plate. „Alle sitzen dann in den Schutzlöchern oder rennen über die Flussbetten davon.“ Rund um das Krankenhaus sind Schutzlöcher etwa einen Meter tief in den Boden gegraben und mit einer Metallplatte fast komplett zugedeckt. Hinter den Häuser ziehen sich Schutzwälle entlang. Hier können sich Mitarbeiter und Patienten im Ernstfall in Sicherheit bringen.

Die Traumatisierung ist Folge einer Reihe von Konflikten. Seit Jahren rebellieren Milizen gegen die Regierung von Präsident Al-Baschir in Khartum, die schon seit Jahrzehnten an der Macht ist. Die Nuba-Berge werden von den Rebellen der sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA-N) und deren politischen Arm (SPLM-N) gehalten. Der jüngste, so genannte zweite Sudan-Krieg, brach 2011 nach der Unabhängigkeit des Südsudans aus.

Heute bombardiert die Regierung in Khartum nicht nur die Stellungen der Rebellen, sondern auch zivile Einrichtungen. Gegen Präsident Al-Baschir hat der Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen erlassen. Im vergangenen Jahr nahm die Regierung wichtige Anbaugebiete im Osten des Rebellenstaats ein.

Die Menschen im Sudan sind auf Krieg konditioniert.
- REUTERS

Vergangenen September schrieben dem UN-Menschenrechtsrat mehr als 30 Menschenrechtsorganisationen – darunter Human Rights Watch (HRW) und Amnesty International: „Wir möchten Ihre Aufmerksamkeit auf die anhaltenden Verbrechen der sudanesischen Regierung gegen Zivilisten in Süd-Kordofan, Blauer Nil und Darfur lenken, samt unrechtmäßige Angriffe auf Dörfer und rücksichtslose Bombardierung von Zivilisten.“

Konflikt ohne Zeugen

Die Rede ist von Bombenangriffen auf Zivilisten, Schulen und Krankenhäuser und von sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder. Auch die Blockierung der humanitären Hilfe wurde vielfach kritisiert. Geändert hat sich nichts.

Amnesty International warf der sudanesischen Regierung im September zudem den Einsatz von chemischen Waffen in Darfur vor. Die Deutsche Bundesregierung wertete den Bericht als „nicht glaubwürdig“.

Der Konflikt spielt sich ohne Zeugen ab. Selbst die UN sind nicht vor Ort. Jene Helfer, die dort sind, machen ihre Arbeit illegal. Die Region ist von drei Seiten von der Regierung eingekesselt. Der einzige Weg hin für Hilfsorganisationen und Journalisten geht durch den Südsudan. Der Bürgerkrieg dort erschwert den Zugang.

Im Krankenhaus von Cap Anamur läuft Nedal Defan ruhig von einem Patienten zum nächsten. „Ich denke, die Leute brauchen ein Lächeln“, sagt die 21-jährige Krankenschwester im Gehen. Der Krieg sei schwer genug. Dann komme noch Krankheit hinzu. Auch ihre Familie musste flüchten. Mit der Arbeit hier habe sie Glück. „Mitleid brauchen sie nicht“, sagt sie über die Patienten. „Die brauchen Hoffnung.“

Vor allem Frauen und Kinder leiden unter den Folgen des jahrelangen Krieges. Die Männer dienen an der Front – freiwillig und ohne Sold. So sind die Frauen auf sich alleine gestellt. Sie betreiben Landwirtschaft, versorgen durchschnittlich sieben Kinder. Das Bildungsniveau ist schlecht.

Es gibt zwei weiterführende Schulen in den Nuba-Bergen. Viele brechen vor dem Grundschulabschluss ab. Vor allem Mädchen werden früh von der Schule genommen. Mädchen werden früh verheiratet, teils aus Tradition, teils um sie versorgt zu wissen. In Defans Fall erhob ihr Bruder Einspruch. Als er herausfand, dass der Ehemann seiner Schwester zu trinken begonnen hatte und ihr den Schulbesuch verbot, half er ihr bei der Scheidung und verschaffte ihr die Ausbildungsstelle im Krankenhaus.

Klimawandel nimmt Bevölkerung die Ernte

Zusätzlich zu den Gebietsgewinnen der Regierung fiel im Vorjahr in Folge des Klimaphänomens El Niño kaum Regen. Schätzungen zufolge ist die Ernte auf 30 Prozent des Bedarfs eingebrochen. Zahlreiche Menschen ließen ihre Felder zurück und leben nun in den Bergen. So sind sie dichter bei den Höhlen, die ihnen Schutz vor den Fliegerbomben der Regierung bieten. Zugang zu Wasser und Lebensmittel haben sie keinen.

Cap Anamur versucht seit letztem Jahr die Menschen in den umkämpften Gebieten zu erreichen. Durch die fehlenden Transportmöglichkeiten können schon kleine Verletzungen oder Krankheiten lebensbedrohlich werden. „Kaum jemand hat hier ein Auto und die Menschen laufen zu spät los, weil sie ihre Kinder nicht alleine lassen wollen“, erklärt Pate. Zu Fuß bräuchten sie Stunden oder sogar Tage zur Klinik. „Dann ist es oft zu spät.“

Im Krankenhaus ist Defans Schicht vorbei. Sie läuft nach Hause und mit einem Kanister zur Wasserpumpe weiter. Auf dem Weg zurück zu ihrer Lehmhütte, den 20-Liter-Behälter auf dem Kopf, erklimmt sie den steilen Hügel in Flip Flops. „Alles was wir brauchen ist Frieden, damit unsere Kinder endlich die Möglichkeit auf Bildung und eine bessere Zukunft haben.“ Und dann fragt sie noch: „Fliegt denn in Deutschland auch die Antonow?“