Letztes Update am Fr, 03.11.2017 07:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Buch

Palästina: 100 Jahre vergebene Chancen und keine Lösung in Sicht

Im Buch „Palästina – Hundert Jahre leere Versprechen“ analysieren verschiedene Autoren vergebene Chancen und mögliche Lösungsmöglichkeiten des Nahostkonfliktes, der vor 100 Jahren seinen Ausgang nahm.

© ABBAS MOMANI / AFP / picturedeskIsraelische Soldaten an der umstrittenen Mauer, die die von Israel beanspruchten Gebiete von den Palästinensern abtrennt.



Von Martin Hanser, APA

Wien – Am 2. November 1917 hatte der britische Außenminister Arthur Balfour versprochen, die Schaffung eines „nationalen Heims“ für Juden in Palästina zu unterstützen. Für die Palästinenser ist dies der Beginn der „Nakba“ (Katastrophe), der Vertreibung aus der Heimat. In einem von Fritz Edlinger im Promedia-Verlag herausgegebenen Buch wird die 100-jährige Geschichte des Konflikts faktenreich analysiert.

Eine Reihe unterschiedlicher Autoren beleuchtet dabei die vielen Aspekte des Dauerkonflikts der Weltpolitik. So erfährt der Leser etwa im Beitrag über die Anfänge des Zionismus in Palästina, wie Kibbuze als Instrument der Siedlerkolonialisierung dienten, indem gezielt einheimische also arabische Arbeitskräfte ausgeschlossen wurden, und nur eingewanderte Juden dort Arbeit fanden. Dass sich das Modell an der preußischen „Siedlungsgenossenschaft“ zur Kolonisierung der Ostmark orientierte und Kibbuze eine wichtige militärische Rolle innehatten, ist sicher auch nicht jedem Leser vorher bewusst gewesen.

Die wichtigsten Punkte der vergangenen 100 Jahre der Geschichte Palästinas werden in dem Buch behandelt. So liest man, dass Palästina seit Beginn der zionistischen Kolonisation entscheidend für die arabische Identität wurde und die arabischen Herrscher die Befreiung Palästinas durch den Aktivismus seiner Bewohner fürchteten, da sie selbst die Befreiung des Landes für sich beanspruchen wollten. Erst mit der vernichtenden Niederlage der arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg von 1967 übernahmen die Palästinenser unter der Führung der PLO den Kampf um die Unabhängigkeit selbst.

Kein Ende in Sicht

Anschaulich wird auch die Geschichte der Besatzung der Westbank und des Gazastreifens im Buch dargestellt. Ein Ende des Siedlerkolonialismus sei auch von der gegenwärtigen Regierung nicht zu erwarten bzw. erst wenn die palästinensische Bevölkerung weitgehend verdrängt oder so stark sei, sich dem siedlerkolonialistischem Projekt entgegenzusetzen, heißt es.

Auch wirtschaftlich dominierte Israel die palästinensischen Gebiete bisher, so nützte die Zollunion zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten vor allem den Produzenten in Israel. Das von den Palästinensern ursprünglich geforderte Freihandelsabkommen wollte Israel nicht, da dies eine klare und verbindliche Regelung der Grenzen zwischen Israel und der Westbank vorausgesetzt hätte.

Die israelische Politik in der Westbank werde auch von vielen Israelis selbst als Apartheid-Politik bezeichnet, und dies sehe gerade die Regierung Netanyahu als Bedrohung an. Von dieser rechtsnationalen Regierung sei daher wohl auch in Zukunft keine Friedenslösung zu erwarten, so die Autoren. Interessant ist in dem Zusammenhang auch, wie die USA, Russland und die Europäische Union sich im Konflikt bisher verhalten haben. In eigenen Beiträgen wird dies gut durchleuchtet.

Alles in allem ein gelungenes Werk mit vielen interessanten Einblicken arabischer, europäischer und amerikanischer Autoren. Dass allerdings nur ein israelischer Menschenrechtsaktivist vorkommt und Herausgeber Edlinger auch der Generalsekretär der „Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen“ ist, zeigt allerdings auch, dass der Konflikt vornehmlich aus arabischer Perspektive aufgearbeitet wurde. So wird der Terror der palästinensischen Befreiungskämpfer nicht thematisiert, eine gewisse Einseitigkeit der Betrachtung dieses ewigen Konfliktherdes muss also konstatiert werden. Will man mehr über die Hintergründe des Palästina-Konflikts wissen, sollte man dieses Buch aber auf jeden Fall lesen. (APA)