Letztes Update am Mi, 08.11.2017 09:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Konflikte

Früherer Kindersoldat: „Kinder in allen Militärgruppen im Kongo“

Junior Nzita gründete eine Organisation zur Unterstützung von Kriegswaisen. Der Kongo befinde sich in einem Teufelskreis aus „Krieg, fehlender Demokratie und Korruption“, erzählt der ehemalige Kindersoldat.

© APA/AFP/ERIC FEFERBERGEin Kindersoldat von Lubangas UPC in einem Archivbild von 2003.



Wien – „Alle bewaffneten Gruppen im Kongo setzen Kindersoldaten ein“. Das erklärte der ehemalige Kindersoldat Junior Nzita am Dienstag im APA-Interview. „Kinder sind einfach zu bekommen, zu manipulieren und kosten kaum etwas“, so Nzita, der 2010 die Organisation „Paix Pour l‘Enfance“ (Frieden für die Kindheit) gegründet hat. Das Projekt wird von der UNO unterstützt und hilft Kriegswaisen und -witwen.

„Kanonenfutter und menschliche Schutzschilde“

„Die Kindersoldaten werden oft als Kanonenfutter und menschliche Schutzschilde verwendet“, sagte Nzita bei dem Gespräch in Wien. „Die Kinder denken nicht nach und machen das, was man ihnen sagt“, fuhr er fort. Kinder als Soldaten seien in einem „Gesetz der Gewalt“ gefangen. „Sie lernen zu zerstören und Böses zu tun, sie lernen keine gesellschaftlichen Regeln – es gibt nur Gewalt“. Seine eigenen Erfahrungen sammelte Nzita in seinem Buch „Wenn ich mein Leben als Kindersoldat erzählen könnte“, das in viele Sprachen übersetzt wurde und dessen Erlös „Paix Pour l‘Enfance“ zugute kommt.

Nzita, der selbst zehn Jahre lang Kindersoldat war, will mit seiner Hilfsorganisation Kindern seine Erfahrungen ersparen. Besonders ein Aufruf eines gefallenen Freundes habe ihn dazu bewogen, das Projekt ins Leben zu rufen. „Mein Freund hatte die Hoffnung verloren und bat mich darum, wir waren beide 13 Jahre alt, mich um seine schwangere Frau und sein zukünftiges Kind zu kümmern, wenn er fallen sollte“, erzählte Nzita. „Im Krieg wurde er erschossen“, so der heute 33-Jährige.

„Das Projekt zeigt meinem Freund, dass ich mein Wort gehalten habe und ihn nicht vergessen habe. Die Kriegswaisen sehe ich wie das Kind meines Freundes, das ich nicht mehr gefunden habe“, so Nzita weiter. Auch seine eigene verlorene Kindheit habe ihn zur Gründung der Organisation angeregt: „Jedes Kind, das entführt wird, ist für mich wie Junior mit zwölf Jahren“, erklärte er. „Jede Unterstützung, die ich einem Kind gebe, ist für mich als würde ich sie mir selbst als Zwölfjährigem geben“, so Nzita.

„Wollten kein Waisenhaus schaffen“

Auf dem Gelände von „Paix Pour l‘Enfance“ in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, das von der UNO aufgebaut sei, würden sowohl Kriegswitwen als auch Kriegswaisen aufgenommen. „Wir haben dort Aufnahmefamilien gegründet, die auf die Kinder achten und ihnen ermöglichen, mit Familienwerten aufzuwachsen – wir wollten kein Waisenhaus schaffen“, so Nzita. Die Organisation unterstütze zudem die Bildung der Kinder. „Man kann keinen Frieden fördern, ohne die Bildung zu unterstützen, daher werden die Kinder unterrichtet, sie gehen zur Schule und erhalten ihre Schulmaterialien von uns“, erklärte Nzita weiter. „Wir organisieren auch Ferienlager, damit die Kinder in den Ferien nicht durch Kinderarbeit ausgebeutet werden“, fuhr er fort.

Wegen seiner Aktivitäten als ehrenamtlicher Botschafter der Vereinten Nationen für die weltweite Ächtung der Mobilisierung von Kindersoldaten musste Nzita sein Land verlassen und lebt derzeit in Kanada. „Ich bin persona non grata im Kongo geworden, da ich Frieden wollte und nicht das zerstören wollte, was ich aufgebaut hatte. Ich bin dem Versuch der Politiker entkommen, mich für die Erschaffung einer bewaffneten Gruppe zu gewinnen, die Jugendliche rekrutiert“, so Nzita. „Ich habe den Vorschlag veröffentlicht und bin in die Schweizer Botschaft geflohen“, sagte er weiter.

Krieg, fehlende Demokratie und Korruption“

Die Entwicklung der Demokratischen Republik Kongo beurteilte Nzita als „schlecht“. „Krieg, fehlende Demokratie und die Korruption bilden einen Teufelskreis, in dem auch die Kindersoldaten gefangen sind. Um diesem Teufelskreis entkommen zu können, brauchen wir nichts anderes als den politischen Willen und demokratische Verhältnisse“, betonte der Aktivist. Doch dieser Willen fehle. „Die Menschen bleiben beim selben autoritären Regime, das sie gewaltsam vertrieben haben. Sie wollen keine Wahlen organisieren und wollen nur ihren Machterhalt sichern“, klagte Nzita. Darum würden auch die Wahlen immer weiter verschoben. „Diktatoren kann man nicht durch Krieg und gewaltsame Mittel absetzen, man muss friedlich vorgehen“, fügte er hinzu.

Die internationale Gemeinschaft rief Nzita dazu auf, sich gemeinsam gegen die Rekrutierung von Kindern als Soldaten einzusetzen. „Der Aktionsplan gegen das Anwerben von Kindersoldaten wurde von vielen Ländern unterzeichnet, nur bisher noch nicht umgesetzt“, sagte er und betonte, dass die meisten Waffen in afrikanischen Konflikten aus westlichen Ländern stammten. Nzita rief zudem dazu auf, Petitionen von NGOs gegen Waffenexporte und Gruppen, die Kindersoldaten einsetzen, zu unterzeichnen. Das ist eine sinnvolle Vorgehensweise, um den Kindern zu helfen. „. Ich lade alle ein, ihre Solidarität gegenüber den Kindern, die entführt und als Kanonenfutter missbraucht werden, zu zeigen - Das ist eine sinnvolle Vorgehensweise, um den Kindern zu helfen.“

Das Gespräch führte Martin Auernheimer, APA