Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 26.11.2017


Konflikte

Starke Stimme der Frauen in Libyen

Frauen nehmen im Konflikt in Libyen eine marginalisierte Position ein. Zahra’ Langhi versucht dies unter Gefahren zu ändern.

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© Karama



Von Adham Hamed

und Clara Maier

Innsbruck – Die Nachricht über den Verlust ihrer Mitstreiterin erreichte sie per Telefon: „Salwa wurde in ihrem Haus am Stadtrand von Bengasi mit mehreren Messerstichen und einem Kopfschuss ermordet.“ So hat die libysche Aktivistin Zahra’ Langhi vor drei Jahren vom Mord an ihrer Freundin und Mitbegründerin der gemeinsamen Frauenrechtsorganisation Libyan Women’s Platform for Peace (LWPP) Salwa Bugaighis erfahren. In Libyen ist dieses Ereignis kein Einzelfall: Regelmäßig wird gegen kritische Stimmen der Friedensbewegung vorgegangen.

Gemeinsam mit Langhi, die heute im Exil in Kairo lebt, hatte sich Bugaighis für die Beteiligung von Frauen im Post-Gaddafi-Friedensprozess engagiert und die Öffentlichkeit für geschlechtsspezifische Gewalt sensibilisiert. Immer wieder haben sie dabei den dominanten politischen Akteuren im libyschen Konflikt widersprochen, die seit dem Beginn der arabischen Proteste im Jahr 2011 zu gewaltvollen Mitteln gegriffen haben.

Bugaighis musste mit ihrem Leben dafür bezahlen, für die Präsidentschaftswahl mobilisiert und sich in den sozialen Medien mit Regimekritikern solidarisiert zu haben. Dies verdeutlicht die Situation von Menschen, die im zwischen den alten Gaddafi-Anhängern und verschiedenen Milizen stark polarisierten Libyen nach einer dritten Position suchen. Vorfälle wie die Ermordung Bugaighis verstärken die Repression und machen viele Versuche zunichte, Meinungsfreiheit zu etablieren.

Frauen sind davon besonders stark betroffen – nicht nur in Libyen. Frieden wird in internationalen, bewaffneten Konflikten weitgehend unter Männern verhandelt, weibliche Perspektiven werden systematisch ausgegrenzt. Dabei werden Frauen fast immer als besonders verletzliche Gruppe dargestellt und in ihrer Handlungsmacht beschränkt, statt sie als zentrale Akteure in Friedensprozesse einzubeziehen.

Um dieser Diskriminierung entgegenzuwirken, hat der UNO-Sicherheitsrat mit der Resolution 1325 und einer Reihe von Nachfolgedokumenten seit dem Jahr 2000 richtungsweisende Schritte gesetzt. Darin wird explizit gefordert, dass Frauen auf allen politischen Ebenen involviert werden und an den Reformprozessen staatlicher Institutionen aktiv teilhaben. Für Frauen besteht seitdem eine bedeutende Rechtsgrundlage auf internationaler Ebene, auf die sie sich berufen können. Allerdings finden diese Resolutionen nur schleppende Umsetzung und bleiben im lokalen Kontext weitgehend unbeachtet.

In Libyen wird besonders deutlich, dass es für erfolgreiche Friedensarbeit kein allgemein anwendbares Modell gibt. Der nordafrikanische Staat ist von einem heterogenen politischen System geprägt, in dem es neben sehr schwach ausgebildeter Staatlichkeit eine Vielzahl von konkurrierenden politischen Akteuren gibt: Besonders in Konflikten spielen die alten Stammesstrukturen mit ihren traditionellen politischen Mechanismen sowie die unter den Stämmen herrschenden Rivalitäten eine wichtige Rolle. Ebenso ist die starke Präsenz von unterschiedlichen bewaffneten Gruppen und ihr Einfluss auf politische Prozesse nicht zu unterschätzen. Viele dieser parastaatlichen Akteure unterwerfen sich nicht dem libyschen Nationalstaat und damit auch nicht den Normen der internationalen Beziehungen. Insofern ist es notwendig, sich ernsthaft auch mit lokalen Ebenen in der Friedensarbeit und den politisch und kulturell sehr differenzierten Zugängen zur Transformation von Konflikten zu beschäftigen.

Mit der Friedensarbeit der LWPP, etwa in Form von Politikberatung und Medientrainings für Bloggerinnen, bezieht sich Langhi auf beide Ebenen: Sie versucht die Entwicklungen mit Bezug auf internationales Recht voranzutreiben. Und sie sucht nach lokalen Potenzialen, um Systeme und politische Strukturen zu ändern und bewaffnete Konflikte zu transformieren – in Richtung einer Situation, die von Vertrauen in der Gesellschaft und einer breiteren politischen Repräsentation aller Akteure geprägt ist.

Dieses Spannungsverhältnis erzeugt oft Widersprüche. Zahra’ Langhi stellt sich dieser Herausforderung und ist somit eine gewichtige Stimme im libyschen Friedensprozess. Dabei ist klar: Friedensarbeit ist ein zähes Geschäft, birgt oftmals erhebliche persönliche Risiken und erfordert von den Beteiligten die Bereitschaft, sich nicht von den Frustrationen vermeintlich unüberbrückbarer Widersprüche entmutigen zu lassen. Bugaighis und Langhi haben sich in einem besonders gewaltvollen Kontext für diesen Weg entschieden.




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