Letztes Update am Sa, 23.12.2017 07:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Aussen

Das Elend der Kinder in Nahost

Sie werden zwischen den Fronten zerrieben: Millionen Kinder in Nahost haben, seit sie geboren sind, nichts als Krieg und bitterste Armut kennen gelernt: Dutzende starben im heurigen Herbst in Syrien und im Jemen bereits an Hunger.



Von Petra Ramsauer

Ammar ist 16: ein blasser, magerer irakischer Teenager, der jetzt versucht, über sich hinauszuwachsen. Seine neunjährige Schwester Sara ist völlig von ihm abhängig: Sie ist querschnittgelähmt. Im Juli wurde sie von Scharfschützen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ schwer verletzt, als die Familie versuchte aus ihrer Heimatstadt Mossul quer durch die heftig umkämpfte Front zu fliehen. – Die Eltern starben, nur Ammar konnte rechtzeitig hinter einer Mauer in Deckung gehen. Sara überlebte schwerverletzt.

Heute leben die beiden am Stadtrand Erbils, der 80 Kilometer von Mosul entfernten Hauptstadt der Kurden-Region des Irak. Bei einem Onkel haben sie Unterschlupf gefunden; sind wie Tausende Kriegs-Waisen geduldet, aber nicht versorgt: „Unser Onkel behandelt uns nicht gut, man gibt uns kaum zu essen“, sagt Ammar: „Ich schau, ob ich irgendwo etwas finde, damit wir nicht hungern.“ – Im Interview mit einem Radiosender bricht der junge Bursch zusammen. Er singt ein Trauerlied vor, das er am Grab seiner Eltern verfasst hat. „Mama, du bist meine Seele. Manchmal glaube ich, dass es nicht die Wirklichkeit ist, die ich erlebe, dass du und unser Vater gleich zurück seid.“ Dann schluchzt er, umfasst sich zum Trost selbst mit seinen Armen.

Verlorene Generation

Geschichten wie dieser verwaisten Geschwister könnten derzeit millionenfach im Nahen Osten erzählt werden. Das Leitmotiv: Kinder werden zu Opfern der immer brutaleren Machtkämpfe in einem Krieg ohne Grenzen, der mittlerweile mehrere Staaten in den Abgrund reißt. Jetzt, im eisigen nächsten Kriegswinter, spitzt sich überall ihre verzweifelte Lage zu.

Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als Krisen- und Kriegsberichterstatterin tätig. Ramsauer hat mehrere Bücher („Die Dschihad-Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht“) veröffentlicht.
-

Besonders dramatisch ist die Situation derzeit im Jemen. Cholera und Diphterie sind in diesem Bürgerkriegsland ausgebrochen. Laut aktueller Schätzungen der Vereinten Nationen sind 8,4 Millionen Menschen in lebensbedrohliche Not geraten. – Darunter mindestens ein Drittel Kinder. Doch internationale Hilfsorganisationen bekommen von den Kriegsparteien kaum Zugang zu dem Land. „Wenn die Blockaden nicht sehr bald fallen, werden wir in diesem Land die schwerste Hungersnot seit Jahrzehnten sehen. Mit Millionen von Opfern“, warnt Mark Lowcock, Nothilfe-Koordinator der UNO.

Auch in Syrien verschlimmert sich derzeit in einigen Regionen massiv die Lage, weil der Zugang zu Hilfe versperrt ist. So ist die Region Ost-Ghouta im Umland von der Hauptstadt Damaskus bereits seit Monaten von Truppen der Regierungs-Armee gänzlich abgeriegelt. Das Ziel ist es hier, den Widerstand der bewaffneten Opposition zu brechen. 400.000 Menschen sind quasi in Geiselhaft, versuchen den Belagerungszustand irgendwie zu überleben. 12 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren sind laut Erhebungen des UN-Kinderhilfswerks stark unternährt, 47 in diesem Herbst bereits gestorben: an Hunger und den Folgen von schwerster Unterernährung. „Eine Frau brachte ihre schwerkranken Kinder zu mir. Da stellte ich fest, dass sie ihnen bereits eingeweichtes Zeitungspapier gibt, um ihre Mägen zu stopfen“, schildert der Arzt Abdel Hamid den unvorstellbaren Grad der Verzweiflung.

Beute für Terroristen

70 Prozent der Bevölkerung Syriens lebt seit Jahren bereits in extremer Armut. Für Kinder sind die Folgen verheerend. Von einer „verlorenen Generation“ warnt etwa der US-amerikanische Kinderarzt John Kahler, der mehrmals als einer von sehr wenigen internationalen Helfern während der vergangenen Jahre in Syrien im Einsatz war. Mehr als drei Millionen Kinder in dem Land haben Zeit ihres Lebens nichts als Krieg kennen gelernt. Darunter leiden Körper und Seelen: „Sie sind abgestumpft, reagieren nicht mehr normal auf Bedrohung“, sagt Kahler.

Kaum zu verkraften sind die Qualen, wenn Kinder bei Kämpfen verletzt werden. Nur die Hälfte der medizinischen Infrastruktur Syriens ist noch intakt, was bedeutet, dass Verwundete mit einfachsten Mitteln versorgt werden müssen. Der zehnjährige Abd al Rahman etwa, der bei einem Granatenangriff auf seine Schule im November beide Beine verlor. – Einbandagiert, an einer Infusion ist er in einer behelfsmäßigen Klinik im Oppositionsgebiet gestrandet. Wie es mit ihm weitergehen wird? – Die Ärzte zucken ratlos mit den Schultern. Ein Drittel aller Verwundeten des Bürgerkriegs sind Kinder wie er.

Auch die Rate von Kindern unter den 400.000 Opfern des Syrien-Konflikts ist enorm. „Einer von vier Toten ist ein Kind“, sagt Debarati Guha-Sapir, Professorin für Epidemiologie an der belgischen Universität Louvain, die für eine wissenschaftliche Analyse die Todesfälle in den ersten sechs Jahren des syrischen Bürgerkriegs analysierte: „Dieser Anteil ist sehr, sehr hoch im Vergleich zu anderen Konflikten“, sagt sie: „Bomben in diesem Konflikt trafen fünfmal eher Zivilisten als bewaffnete Einheiten.“

Doch die Dramen dieser zunehmend „verlorenen Generation“ enden nicht, wenn keine Bomben und Schüsse mehr fallen und die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit den nächsten Krieg ausleuchten. Mitunter ist das Gegenteil der Fall. Mit dem ersten Tag nach dem Krieg, der schwierigste Kampf: die Ruinen des alten Lebens zum Fundament einer Zukunft umzufunktionieren.

So zählt zu den großen Risiken, dass Teenager, die nur Gewalt kennen lernten, von Dschihadisten angeworben werden, wie eine Untersuchung von Rekrutierung durch Extremisten in Flüchtlingslagern im Libanon zeigte. Extremisten legen präzise den Finger in die seelischen Wunden, bieten, was ihnen beim Heranwachsen am meisten gefehlt hat: ein Gefühl der Zugehörigkeit und Perspektiven und oft einfach nur regelmäßige warme Mahlzeiten.

Die unerträgliche Kälte

Um die Spirale von Gewalt zu stoppen, bräuchte es deshalb dringend mehr internationale Hilfe; doch die erreicht jene, die sie am dringendsten brauchen, nur schleppend. „Wir können pro Familie nur zwei Decken vergeben. Das reicht einfach nicht, jetzt, wenn die Nächte so richtig eisig werden mit gerade ein paar Grad über null “, sagt Feyrous Mahmoud, die in der nordsyrischen Stadt Ain Issa ein Vertriebenenlager leitet, wo 20.000 Menschen aus der völlig zerstörten Stadt Raqqa untergebracht sind.

Die ehemalige Hauptstadt der Terrormiliz „IS“ wurde Ende Oktober von kurdischen Milizen mithilfe von Luftschlägen der USA erobert. Rakka, wo früher 200.000 Menschen lebten, ist jetzt zu 80 Prozent zerstört; weder Strom noch Wasser ist verfügbar. „Trotzdem kehren jetzt viele in die Ruinen ihrer Häuser zurück“, so sagt Feyrous Mahmoud: „Wir können nur viel zu wenig in den Lagern bieten. Von den internationalen Hilfszusagen haben uns nur fünf Prozent erreicht. Die Leute gehen zurück, obwohl die Stadt unbewohnbar ist und nach wie vor zirka 8000 Sprengfallen gelegt sind.“

Die von den Terroristen zurückgelassenen Bomben stecken hinter Eingangstüren, in Teppichen und in Teddybären. – „Allein in den vergangenen Woche sind 53 Menschen gestorben, weil sie auf der Flucht vor der klirrenden Kälte in den Lagern ihre Kinder in den ausgebombten Häusern in Sicherheit bringen wollen. Einfach nur noch heim wollten“, so die verzweifelte Helferin.

Flucht und Vertreibung sind zum Alltag in Nahost geworden. Zählt man die Vertriebenen im Irak, im Jemen und Syrien zusammen, sind dies 15 Millionen, die sich derzeit auf einen weiteren Winter im Schlamm und in Armut einstellen. Ein Viertel davon ist jünger als 15 Jahre. – Und 40 Prozent von ihnen wachsen auf, ohne eine Schule zu besuchen, ohne jemals das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit kennen zu lernen: Dabei wäre Hilfe für Kinder der wichtigste Beitrag, damit die von Krisen erschütterte Region irgendwann einmal zu echter Stabilität finden kann.




Kommentieren


Schlagworte