Letztes Update am Mi, 14.03.2018 22:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nervengift-Attentat

Sanktionen, Vergeltung: Eiszeit zwischen London und Moskau

Als erste Reaktion auf das Attentat auf einen russischen Doppelagenten in London wird die britische Regierung unter anderem russische Diplomaten des Landes verweisen. Russland kündigt Vergeltung an.

Spurensicherung mit schweren Atemschutzmasken: Der Agent und seine Tochter dürften mit einem Nervengift, das früher von der Sowjetunion eingesetzt wurde, in Kontakt gekommen sein.

© AFPSpurensicherung mit schweren Atemschutzmasken: Der Agent und seine Tochter dürften mit einem Nervengift, das früher von der Sowjetunion eingesetzt wurde, in Kontakt gekommen sein.



London/New York – Als Reaktion auf den Giftanschlag von Salisbury hat die britische Regierung harte Vergeltungsmaßnahmen gegen Russland verhängt. Die bilateralen Kontakte zu Moskau werden auf Eis gelegt und 23 russische Diplomaten aus Großbritannien ausgewiesen, wie die britische Premierministerin Theresa May am Mittwoch im Unterhaus in London verkündete. Die NATO-Staaten stellten sich in einer gemeinsamen Erklärung hinter London.

Es würden „alle hochrangigen diplomatischen Kontakte ausgesetzt“, sagte May vor den Abgeordneten. Sie gab den 23 russischen Diplomaten, die als „russische Geheimdienstmitarbeiter identifiziert“ worden seien, eine Woche Zeit, das Land zu verlassen. Zuletzt waren insgesamt 59 Russen als Diplomaten in Großbritannien akkreditiert.

Die russische Regierung hat Vergeltung für die britischen Strafmaßnahmen angekündigt. Das Außenministerium in Moskau bezeichnete die angekündigten Maßnahmen als „beispiellose grobe Provokation“. Russland werde in Kürze darauf reagieren.

Auf der Parkbank (hinten, mit Planen zugedeckt) brach der Doppelagent mit seiner Tochter zusammen.
Auf der Parkbank (hinten, mit Planen zugedeckt) brach der Doppelagent mit seiner Tochter zusammen.
- AFP

Briten boykottieren WM in Russland

Als weitere Sanktion kündigte sie an, dass zur bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland weder Regierungsmitglieder noch Vertreter des Königshauses anreisen.

May ließ keinen Zweifel daran, dass sie offizielle Vertreter Russlands als Drahtzieher des Giftanschlags auf den Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter am 4. März betrachtet: „Der russische Staat ist des versuchten Mordes schuldig“, sagte sie. „Dies bedeutet, dass es sich um den illegalen Einsatz von Gewalt gegen Großbritannien durch den russischen Staat handelt.“

Statt eine Erklärung zu liefern, habe Russland auf den Einsatz eines militärischen Nervengifts in Europa „mit Sarkasmus, Misstrauen und Missachtung“ reagiert. Das entsprechende Ultimatum habe Moskau in der Nacht auf Mittwoch verstreichen lassen.

Die britische Regierung geht davon aus, dass bei dem Mordanschlag ein Gift der sogenannten Nowitschok-Gruppe zum Einsatz kam, das während des Kalten Krieges in der Sowjetunion entwickelt wurde.

May kritisiert Putin scharf

Auch am russischen Staatschef Wladimir Putin, der sich am Sonntag zur Wiederwahl stellt, übte May scharfe Kritik: „Wir hatten uns bessere Beziehungen gewünscht, und es ist tragisch, dass Präsident Putin nun diesen Weg gewählt hat“, sagte die Premierministerin.

Die 29 NATO-Mitglieder veröffentlichten am Mittwoch eine gemeinsame Erklärung, in der sie Russland zur Beantwortung aller Fragen Großbritanniens zu dem Giftanschlag sowie zur „vollständigen Offenlegung“ des sogenannten Nowitschok-Programms aufforderten. Die NATO-Staaten erklärten, der „Angriff“ sei „ein klarer Bruch internationaler Regeln und Vereinbarungen“. Zugleich sicherten sie Großbritannien ihre Solidarität zu.

Auch der EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte May via Twitter die „volle Solidarität“ der Europäischen Union zu nach dem Giftanschlag, hinter dem „höchstwahrscheinlich“ Moskau stecke.

Russland wirft Großbritannien Hysterie vor

Russland spricht in Bezug auf die Reaktionen Großbritanniens im UN-Sicherheitsrat von Hysterie. Premierministerin Theresa May sorge für eine „hysterische Atmosphäre“, sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja am Mittwoch bei einer kurzfristig einberufenen Sondersitzung des Gremiums in New York. „Wir sprechen nicht die Sprache der Ultimaten“, sagte UN-Botschafter Nebensja. Russland bemühe sich aber um eine gemeinsame Untersuchung der Substanz mit Großbritannien – „weil wir höflich sind“. Es gebe keinen Beweis dafür, dass Moskau hinter dem Giftanschlag stecke.

Die russische Regierung hat indes Vergeltung für die britischen Strafmaßnahmen angekündigt. „Die britische Regierung hat sich für die Konfrontation mit Russland entschieden“, erklärte das russische Außenministerium am Mittwoch in Moskau. „Unsere Antwort wird nicht auf sich warten lassen.“

Das Außenministerium warf Großbritannien „feindliche Maßnahmen“ und eine „anti-russische Kampagne“ vor. Die Erklärungen der britischen Premierministerin Theresa May seien eine offene Provokation. Sie habe sich damit für eine weitere Eskalation entschieden.

Doppelagent und Tochter kamen in Kontakt mit Nervengift

Der 66-jährige frühere russische Agent Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden worden. Sie wurden mit lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus eingeliefert, ihr Zustand war am Mittwoch weiterhin lebensbedrohlich. (TT.com, AFP, Reuters)

Ausweisungen von Diplomaten in Moskau und London

In ihren gespannten Beziehungen haben London und Moskau schon mehrfach gegenseitig Diplomaten ausgewiesen. Nach dem Giftanschlag auf den Ex-Agenten Sergej Skripal verweist Großbritannien 23 russische Diplomaten des Landes. Der Rekord liegt allerdings viel höher. Eine Chronologie:

1971

: Großbritannien entdeckt ein großes Spionagenetzwerk im eigenen Land und weist deshalb 105 sowjetische Diplomaten aus. Die Antwort: 18 Briten müssen Moskau verlassen.

1985

: Der britische Geheimdienst organisiert die Flucht des ranghohen KGB-Agenten Oleg Gordijewski in den Westen. Deshalb müssen 25 Briten Moskau verlassen. London weist 31 sowjetische Diplomaten aus.

1989

: Großbritannien und die Sowjetunion weisen unter wechselseitigen Spionagevorwürfen jeweils elf Diplomaten aus.

1996

: Russland weist vier britische Diplomaten wegen Spionage aus. Vier Russen müssen London verlassen.

2007

: Wieder weist jedes Land vier Diplomaten aus nach dem Giftmord mit radioaktivem Polonium an dem Ex-Agenten und Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London 2006.