Letztes Update am Mo, 14.05.2018 20:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nahost-Konflikt

US-Botschaft in Jerusalem: Gräben in der heiligen Stadt

Dutzende Menschen wurden bei Protesten gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem getötet, Tausende verletzt. In West-Jerusalem gibt es jedoch auch Freude über den Schritt der Amerikaner.

© AFPEin verletzter Demonstrant wird in Sicherheit gebracht.



Von Michael Blum und Clothilde Mraffko/AFP

Jerusalem – Freude und verzweifelte Wut liegen im Nahen Osten am Montag sehr nah beieinander. Während sich an der neuen US-Botschaft in Jerusalem feierlich gekleidete Menschen mit strahlenden Gesichtern versammeln, machen Zehntausende Palästinenser an der Grenze des Gazastreifens ihrem Ärger und ihrer Verzweiflung über die Botschaftsverlegung Luft.

Und die Gräben, die die US-Regierung mit ihrer Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt weiter aufreißt, verlaufen nicht nur zwischen Israel und den Palästinensergebieten, sondern auch durch die heilige Stadt selbst.

Rund eineinhalb Kilometer von der neuen Botschaft entfernt befindet sich das Palästinenserviertel Jabel Mukaber. Hussein Iwesiat, der sich in der Verwaltung des Viertels engagiert, erwartet keine direkte Auswirkung der Botschaftsverlegung auf die Bewohner. „Aber sie wird eine politische Wirkung haben, weil sie Israel stärkt und zu Intoleranz verleitet“, sagt Iwesiat der Nachrichtenagentur AFP. Israels „Besatzung“ werde dadurch „gewalttätiger“ werden.

Freude in West-Jerusalem

In West-Jerusalem herrscht hingegen Feierstimmung. Dort wehen am Montag israelische und US-Flaggen im Wind. Die 31-jährige Elisa Rake sagt, die Einweihung der neuen US-Botschaft in Jerusalem sei „ein besonderer Tag“, auch wenn sie US-Präsident Donald Trump ansonsten nicht leiden könne. Eine Zunahme der Gewalt fürchtet sie wegen der umstrittenen Entscheidung des US-Präsidenten nicht. „Die Präsenz dieser Botschaft in Jerusalem kann die Sicherheit nur verbessern“, meint die Mutter von zwei Kindern.

Yaakov Cohen, der vor 25 Jahren aus den USA nach Israel auswanderte, sieht die Lage im Nahen Osten nach eigenen Angaben skeptisch. Dennoch: „Wenn Worte von Bedeutung sind, dann sind es Taten umso mehr, und so ist dies vielleicht ein historischer Tag.“

Avraham Binjamin, der seit fast vier Jahrzehnten Kippas, die Kopfbedeckungen gläubiger Juden, verkauft, hat auch welche mit der Aufschrift „Trump - Amerika wieder groß machen“ und Porträts des US-Präsidenten im Angebot. „Einige verehren ihn, andere hassen ihn“, sagt Binjamin über Trump. „Keiner ist ihm gegenüber gleichgültig, das gilt auch für seine Entscheidung“ für die Botschaftsverlegung.

Die US-Botschaft wurde auf einen Entschluss Donald Trumps hin nach Jerusalem verlegt. Kritiker sehen dadurch eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt erschwert.
- REUTERS

Ost-Jerusalem als Hauptstadt Palästinas in weiter Ferne

Den 53-jährigen Ali Jaber, der in der Altstadt in Ost-Jerusalem in einem Antiquitätenladen arbeitet, stürzt Trumps Nahost-Politik in Resignation. „Ich fühle mich als Araber beleidigt, erniedrigt durch alles, was geschieht“, sagt er. „Aber was können wir tun?“ Dass Ost-Jerusalem die Hauptstadt eines künftigen eigenständigen Palästinenserstaates wird, scheint in immer weitere Ferne zu rücken.

Auch die 32-jährige Nihad Abu Sneineh, die in der Jerusalemer Altstadt einen Kleiderladen betreibt, glaubt nicht an den Erfolg der Palästinenserproteste. „Wenn es Massenproteste gibt, wird die israelische Polizei keine Geschenke verteilen“, sagt sie trocken. „Sie werden die Demonstranten verprügeln und ins Gefängnis stecken.“

Zehntausende Palästinenser im Gazastreifen sehen in den Protesten allerdings den einzigen Weg, ihr Anliegen zu verteidigen. Am Montag werfen einige von ihnen mit Steinen und Brandbomben und zünden Autoreifen ein. Die israelische Armee erschießt nach Angaben der Hamas-Regierung dutzende Demonstranten und verletzt mehr als 2.400 weitere.

Dass sie bei den Protesten ihr Leben aufs Spiel setzen, scheint zahlreiche Palästinenser nicht zu schrecken. Auch der 50-jährige Bauarbeiter Faris Abu Hajaras will weiter gegen Israel demonstrieren. „Gott entscheidet, ob wir sterben oder nicht“, sagt er schlicht. (APA/AFP)




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