Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.07.2018


Konflikte

Der Irak sucht nach Frieden

Wie die Regierung des Irak nach dem Sieg über den IS das zerrüttete Land kitten will. Immer wieder neue Hürden.

© AFPErmittler am Tatort, wo sich ein Selbstmordattentäter vor einem Lager mit Stimmzetteln gestern in die Luft gesprengt hat.



Von Matthias Sauermann

Innsbruck, Bagdad – Im Dezember 2017 verkündete der Irak den endgültigen Sieg gegen die Terrormiliz IS (Daesh). Über mehrere Jahre hatten die Jihadisten zuvor Angst und Schrecken verbreitet. Im Bemühen um die Befriedung des geplagten Landes greift die Regierung nun auch auf Hilfe aus Tirol zurück. Das Friedensforschungsinstitut der Universität Innsbruck soll Universitäten vor Ort unterstützen – und mittels Workshops mit jungen Menschen friedensstiftende Kompetenzen fördern. Wissenschaftsminister Abdul Razzaq Abdul Jalel al-Esa war zu diesem Anlass in Innsbruck und sprach mit der TT über die Mühen, im Irak Frieden zu schaffen.

„Daesh kontrollierte drei Provinzen im Irak: Anbar, Salahaddin und Mossul“, erzählt der Wissenschaftsminister. 2017 wurde der IS schließlich mit Mossul aus der letzten Provinz vertrieben. Die Herausforderung sei gewesen, dass die meisten Familien die Regionen nach der Machtübernahme des IS verlassen hätten. Nach dem Ende des IS hätten die Menschen nun Angst, zurückzukehren.

„Wir haben bei den Studenten angefangen und sie gebeten, zurückzukommen“, erzählt Al-Esa. Sie sollten sehen, dass es mittlerweile sicher sei – und ihre Familien nachholen. Zudem habe die Regierung als einen zweiten Schritt Studenten von verschiedenen Regionen des Irak – vor allem aber Schiiten und Sunniten – zusammengebracht. Zuvor sei dies nicht möglich gewesen, weil es zu so vielen Bluttaten gekommen war. „So viele Studenten, so viele Lehrkräfte waren getötet worden“, erzählt der Minister. So sollen von jungen Menschen ausgehend Konflikte gelöst und Frieden geschaffen werden.

Befriedet ist der Irak deshalb jedoch noch lange nicht, räumt der Minister ein. Weiter gibt es Anschläge – und politisch herrscht Chaos. Nach der Parlamentswahl im Mai gab es Diskussionen über die Legitimität der Stimmauszählung. Jüngst verfügte das Oberste Gericht schließlich, dass Stimmzettel ab morgen neu ausgezählt werden müssten. Doch Anfang Juni brannte ein Lager, in dem die Urnen mit den Stimmzetteln aufbewahrt wurden. Das Feuer war gelegt worden. Und gestern hat sich ein Selbstmordattentäter in der nordirakischen Stadt Kirkuk am Eingang eines Lagers mit Wahlurnen in die Luft gesprengt. 20 Personen wurden verletzt. Im Umland von Kirkuk sind immer noch Zellen des IS aktiv.

Der andauernde Machtkampf im Irak sei ein Problem, meint auch der Minister. Das Wahlkomitee sei bei der Wahl korrumpiert gewesen. Generell habe man mit Korruption in der Politik zu kämpfen. Ministerpräsident Haider al-Abadi habe versucht, dem mit einem Technokratenkabinett entgegenzutreten. Dass Minister ohne Bindung zu Parteien ernannt wurden, habe einigen nicht geschmeckt. „Viele wollten nicht, dass wir erfolgreich sind“, sagt Al-Esa und seufzt. Die Rückendeckung der Parteien habe komplett gefehlt.

„Wir hoffen, dass diese Probleme gelöst werden“, sagt Al-Esa. Die meisten Menschen würden sich nach Ruhe sehnen. Erst das Regime von Saddam Hussein, später kam der Krieg, Terror und die Herrschaft des IS. „So etwas dauert Jahrzehnte, bis es verarbeitet ist“, schätzt der Minister.