Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.08.2018


Zentralamerika

Die Kirche als Staatsfeind in Nicaragua

Die Regierung in Nicaragua macht Studenten und die Kirche für die Unruhen im Land verantwortlich. Das bekommt besonders die jesuitische Uni in Managua zu spüren, weiß der Dekan der Theologie in Innsbruck.

© AFPDie Universität von Zentralamerika (UCA) war eine jener Hochschulen, an denen die Proteste gegen die Regierung begonnen haben.



Von Gabriele Starck

Managua, Bilbao, Innsbruck — Die Universitäten im Land haben aus Sorge um die Sicherheit der Studierenden den Lehrbetrieb schon lange eingestellt. Denn es sind vor allem die jungen Menschen in Nicaragua, die sich gegen den einstigen Revolutionär und Langzeit-Autokraten Daniel Ortega und seine Regierung auflehnen. Und die Studierenden sind es, gegen die Sicherheitskräfte und regierungsnahe Paramilitärs deshalb mit aller Gewalt vorgehen. „Sie werden erschossen oder einfach von Autos angefahren — aus heiterem Himmel." Das erzählte der Vizerektor der jesuitischen Universidad Centralamericana (UCA) dem Dekan der Theologischen Fakultät in Innsbruck, Josef Quitterer, bei einem weltweiten Treffen von Vertretern jesuitischer Hochschulen vor drei Wochen in Bilbao. „Sein Eindruck war, dass die Regierung die Unruhe schüren will", berichtet Quitterer. Die Situation habe der dortige Vizerektor jedenfalls als äußerst dramatisch beschrieben.

Nach Angaben von Menschenrechtlern sind bereits mehr als 450 Menschen in den seit drei Monaten andauernden Protesten umgekommen, die Regierung sprach zuletzt von 169 Toten.

Die Staatsführung macht allerdings nicht nur die Studenten für den Aufstand verantwortlich. Den Unruhestifter vermutet sie vielmehr in der katholischen Kirche, die bei vielen Menschen in Nicaragua einen hohen Stellenwert hat. 56 Prozent der 6,3 Millionen Einwohner sind katholisch. Immer wieder einmal warf die Staatsplattform „El 19 Digital" der konservativen Kirchenführung vor, den Präsidenten loswerden zu wollen. Die Kirche fördere die Gewalt zwischen den Menschen, heißt es nun. Viele Priester im ganzen Land wurden bereits angegriffen und überfallen.

Und so ist es kein Wunder, dass der Zorn der Regierung auch die jesuitische Universidad Centroamericana (UCA) trifft. Der Staat verkündete ihr diese Woche die Streichung aller finanziellen Mittel. Normalerweise unterstützt Nicaragua die öffentlichen und privaten Hochschulen des Landes mit sechs Prozent seines Budgets. Doch das Geld erhält die UCA nun nicht mehr — angeblich wegen Zahlungsunfähigkeit. Deshalb bleibe die Universität auf unbestimmte Zeit geschlossen, teilte die Uni-Leitung am Dienstag mit. Der Rektor habe zudem schon Morddrohungen erhalten. Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte hätte deshalb Schutzmaßnahmen für ihn veranlasst.

Die Internationale Vereinigung der jesuitischen Universitäten hat schon vor drei Wochen in Spanien in einer Resolution die Vorkommnisse in Nicaragua verurteilt, wie Quitterer erzählt. In dem Schreiben drücken die Jesuiten ihre „Besorgnis über die Repression und Gewalt" aus, die die nicaraguanische Regierung ausübt. Sie verurteilen die Attacken auf Priester und alle Versuche, den UCA-Rektor zum Schweigen zu bringen oder zu verunglimpfen. „José Alberto Idiáquez, S. J. vertritt in seiner entschiedenen Verteidigung der Studierenden Nicaraguas ausdrücklich die Ideale der Demokratie", heißt es darin.

Die Proteste hatten im April wegen einer geplanten Reform der Sozialversicherung begonnen, die Ortega dann zurückzog. Die Studenten protestieren aber weiter, u. a. für Meinungsfreiheit und eine freie Presse. Als regierungsnahe Sicherheitskräfte die Demonstranten angriffen, eskalierte es. Inzwischen fliehen Tausende vor der Gewalt in Nachbarländer.

Resolution

Auszüge aus dem Schreiben der Jesuiten: „Wir sind bedingungslos solidarisch mit allen betroffenen Menschen und Familien, Institutionen und Universitäten, ihren Studenten, Professoren und Administratoren, die sich für den Schutz der Rechte und der Sicherheit aller einsetzen, und die ihre durch die nicaraguanische Verfassung garantierten Bürgerrechte ausüben. Insbesondere drücken wir unsere Solidarität mit unserer jesuitischen Schwesterinstitution, der Universität von Zentralamerika (UCA), aus, die ihre Studenten zu friedlicher Fürsprache für soziale Gerechtigkeit aufruft, auch wenn die Gewalt der Regierung abweichende Meinungen unterdrücken soll."

„Wir fordern die Regierung Nicaraguas auf, die verfassungsmäßigen Rechte ihrer Bürger zu achten, beginnend mit der Meinungsfreiheit und friedlichen Protesten, und die Bemühungen der Nicaraguanischen Bischofskonferenz (CEN) bei der Suche nach einer Verhandlungslösung für den Konflikt."