Letztes Update am Do, 06.09.2018 15:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Krieg in Syrien

Frankreich droht Assad bei Giftgas-Einsatz mit Militärschlag

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel warnte vor einem erwarteten Großangriff der syrischen Armee auf das von Rebellen gehaltene Idlib vor einer humanitären Katastrophe. Frankreich droht indes im Falle eines Giftgasangriffes mit einem Eingreifen.

© REUTERSMänner zeigen Kindern in Idlib, wie man improvisierte Gasmaken verwendet. Die Angst vor einem Angriff der syrischen Armee mit GIftgas wächst.



Damaskus – Vor der erwarteten Offensive gegen die letzte Rebellenhochburg in Syrien droht Frankreich Staatschef Bashar al-Assad mit einem Militärschlag, sollten Chemiewaffen zum Einsatz kommen. Frankreich könne allein handeln, aber sei an möglichst vielen Partnern bei einem möglichen Vergeltungsangriff interessiert, sagte Armeechef Francois Lecointre am Donnerstag vor Journalisten.

Nach Angaben zweier regierungsunabhängiger Organisationen in Syrien wurden Teile der Region Idlib im Nordwesten des Landes aus der Luft angegriffen. In Deutschland warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer humanitären Katastrophe durch die erwartete Großoffensive. radikale islamistische Kräfte dort zu bekämpfen, aber die Zivilbevölkerung zu schützen. „Das wird eine große wichtige Aufgabe sein“, sagte Merkel am Donnerstag im Sommerinterview von RTL/n-tv. Sie habe darüber auch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan gesprochen.

Nach UN-Angaben leben in dem Landstrich drei Millionen Menschen, darunter eineinhalb Millionen Menschen, die vor den Assad-Truppen nach Idlib ausgewichen sind.

Syriens Armee beschießt Provinz

Wegen des Beschusses der syrischen Provinz Idlib durch die Regierungstruppen sind laut Aktivisten bereits Hunderte Zivilisten nach Norden geflohen. Etwa 180 Familien und damit rund tausend Zivilisten seien seit Mittwochabend auf dem Weg in die türkisch besetzte Region Afrin und Gebiete im Westen der Provinz Aleppo geflüchtet, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag.

Die syrischen Regierungstruppen beschossen auch am Donnerstagmorgen Gebiete im Südosten Idlibs mit Artillerie. Am Dienstag war die russische Luftwaffe erstmals seit drei Wochen wieder Angriffe geflogen. In der von Jihadisten und vorwiegend islamistischen Rebellen kontrollierten Provinz leben nach UN-Angaben etwa 2,9 Millionen Menschen, darunter 1,4 Millionen Vertriebene aus anderen Landesteilen.

Frankreichs Armee will bei Giftgaseinsatz angreifen

Frankreichs Armeechef Armeechef Francois Lecointre erklärte, er gehe davon aus, dass die letzten Widerstandsnester Ende November ausgeschaltet sein würden. Laut UN wird Idlib von rund 10.000 Milizionären gehalten. Die meistem von ihnen haben sich islamistischen Gruppierungen angeschlossen. „Wir sind einsatzbereit, sollten Chemiewaffen wieder eingesetzt werden“, sagte der Armeechef. Vergangenen April hatten Frankreich, die USA und Großbritannien über Hundert Raketen auf Ziele der syrischen Armee und der syrischen Regierung abgefeuert, um damit einen Gasangriff zu ahnden, den sie den Regierungstruppen vorwerfen.

Am Donnerstag berichtete die oppositionelle Beobachtungsgruppe für Menschenrechte, vermutlich russische Flugzeuge hätten Ziele im Süden Idlibs und ein Dorf in der benachbarten Provinz Hama angegriffen. Auch Sanitäter aus Idlib erklärten, es seien Angriffe geflogen worden. Weder von der syrischen Regierung noch von Russland gab es zunächst Stellungnahmen.

Russland, das mit Assad verbündet ist, hatte am Mittwoch zum gemeinsamen Kampf gegen die extremistische Nusra-Front in Idlib aufgerufen. Am Dienstag hatte die russische Luftwaffe nach Angaben des Verteidigungsministeriums Waffen- und Munitionslager der Nusra-Front ins Visier genommen. Diese Gruppe, ein früherer Ableger der Al-Kaida, hat sich in Tahrir al-Sham umbenannt und ist die schlagkräftigste Rebelleneinheit in Idlib.

Vertreter von Russland, Türkei und Iran beraten

Um die Zukunft Idlibs geht es am Freitag bei einem Treffen der Vertreter Russlands, der Türkei und des Iran in Teheran. Der Präsident des Parlaments in Teheran äußerte während einer Moskau-Visite die Hoffnung, dass die Präsidenten der drei Länder ein Einvernehmen über das Vorgehen erzielen könnten. Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Ryabkow hat angekündigt, danach werde die Situation in Idlib klarer sein.

Die Türkei unterstützt in Idlib Rebellengruppen, die sich zur Allianz Nationale Befreiungsfront zusammengeschlossen haben. Zu diesem Bündnis gehört nicht Tahrir al-Sham, zudem sind die einzelnen Gruppierungen untereinander zerstritten.

In Paris sagte ein hoher Militärvertreter, es werde damit gerechnet, dass die USA ihre Präsenz im Norden Syriens aufrecht erhielten. Grund sei, dass die USA den Einfluss Irans in der Region beschränken wollten. In Israel erklärte US-Botschafter David Friedman, er gehe davon aus, dass Israel die Golan-Höhen dauerhaft behalten werde. Israel hatte das ursprünglich syrische Gebiet 1981 annektiert. Dies wird international nicht anerkannt.

Trotz der Warnungen vor einer humanitären Katastrophe zeigte Merkel im RTL-Sommerinterview auch Verständnis für Angriffe auf islamistische Milizen. „Das ist eine sehr komplizierte Situation dort.“ Es gebe Millionen Zivilisten, aber auch radikale Kämpfer islamistischer Gruppen. „Es muss jetzt versucht werden ...., dass man diese radikalen Kräfte natürlich bekämpft, aber die Zivilbevölkerung schützt.“ (TT.com/APA/dpa)