Letztes Update am Mo, 10.09.2018 18:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Konflikte

Angriffe in Idlib: Bereits 30.000 Menschen auf der Flucht

Die UNO warnt vor der „schlimmsten humanitären Katastrophe“ des Jahrhunderts in Syrien.

© AFPRund 30.000 Menschen haben die Provinz Idlib bereits verlassen.



Idlib – In der syrischen Provinz Idlib sind nach UN-Angaben bereits mehr als 30.000 Menschen durch die Angriffe der syrischen Regierungstruppen und der russischen Luftwaffe zur Flucht gezwungen worden. „Wir sind zutiefst beunruhigt über die jüngste Eskalation der Gewalt, die zur Vertreibung von mehr als 30.000 Menschen geführt hat“, sagte der Sprecher des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), David Swanson, am Montag.

Warnung vor Großoffensive

Der Leiter der UN-Hilfseinsätze, Mark Lowcock, warnte eindringlich vor einer Großoffensive auf die letzte syrische Rebellenbastion. Ein Großangriff auf Idlib könnte zur „schlimmsten humanitären Katastrophe mit den größten Verlusten an Menschenleben im 21. Jahrhundert“ führen, sagte Lowcock in Genf. Wegen der großen Zahl der Einwohner in Idlib und ihrer Verwundbarkeit sei die UNO „extrem alarmiert“.

Der syrische Machthaber Bashar al-Assad hat eine große Menge von Truppen am Rande von Idlib zusammengezogen. Der Beginn einer Bodenoffensive scheint nur eine Frage der Zeit. Die Provinz, in der rund 2,9 Millionen Menschen leben, wird vorwiegend von Jihadisten und islamistischen Rebellen kontrolliert. Lowcock gab zwar zu, dass es eine große Zahl von teils radikalen Kämpfern in Idlib gebe, doch auf jeden Kämpfer kämen „hundert Zivilisten“.

Lowcock versicherte, dass es „detaillierte Pläne“ gebe, um rasch auf eine Fluchtwelle reagieren zu können. „Wir bereiten uns aktiv auf die Möglichkeit vor, dass sich Zivilisten in riesiger Zahl in verschiedene Richtungen bewegen“, sagte er. Die UNO erwarte, dass rund 100.000 Zivilisten in Gebiete unter Kontrolle der Regierung fliehen und weitere 700.000 innerhalb Idlibs. Für die erste Woche einer Offensive stehe Essen für 850.000 Menschen bereit.

Die syrische Armee und ihr Verbündeter Russland griffen am Montag wieder Ziele in Idlib an. Mehr als ein Dutzend Bombardements hätten vor allem den südlichen Teil der Provinz getroffen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag.

Den Rettungshelfern der Weißhelme zufolge zielte Artilleriefeuer außerdem auf Gebiete der Provinz im Nordwesten des Landes. Sechs Menschen seien verletzt worden, als Granaten neben einer Schule nahe des Ortes Jarjanas einschlugen.

Idlib ist der letzte große Rückzugsort für Rebellen in Syrien. Die Regierung in Damaskus droht, die Provinz einzunehmen, nachdem zuletzt diplomatische Versuche für eine Entspannung gescheitert waren. Am Wochenende hatte die Luftwaffe von Präsident Bashar al-Assad zusammen mit Kampfjets der verbündeten Russen heftige Angriffe auf Idlib geflogen.

Syrien und sein Verbündeter Russland wollen in Idlib nach eigenen Angaben „Terroristen“ bekämpfen. In der Region ist die mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbundene Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die sich früher Al-Nusra-Front nannte, sehr stark.

Beratungen in Genf

Derweil empfing UN-Vermittler Staffan de Mistura am Montag in Genf Vertreter aus Russland, dem Iran und der Türkei zu Beratungen. Zunächst waren informelle Treffen mit den einzelnen Delegationen geplant, erst am Dienstag sollen dann formelle Gespräche folgen. Details wurden zunächst nicht bekannt.

Aus Rebellenkreisen verlautete derweil, dass es weiterhin Verhandlungen zwischen HTS und der Türkei gebe. Um eine Offensive auf Idlib zu verhindern, gilt es als mögliches Szenario, dass Ankara seinen Einfluss auf die Aufständischen dafür nutzt, diese zu einer Selbstauflösung zu bewegen. Den Quellen zufolge sind die Extremisten aber gespalten: Ein Teil der Miliz sei einem Deal gegenüber offen, der andere wolle bis zum Ende kämpfen.

Ein HTS-Sprecher hielt sich auf Anfrage bedeckt, schloss eine mögliche Vereinbarung mit der Türkei aber auch nicht aus. Ankara will den bei einem Angriff befürchteten Flüchtlingsstrom in Richtung seiner Grenze mit allen Mitteln verhindern. (APA/AFP/dpa)