Letztes Update am Mo, 01.10.2018 15:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrien-Krieg

Was macht „der Fuchs“? Schicksal Idlibs hängt von Miliz ab

Die von der Türkei und Russland ausgehandelte Pufferzone in Syriens letzter großer Rebellenhochburg Idlib soll eine Offensive der Regierung – und damit ein neues Blutbad – abwenden. Doch eine radikale Miliz droht mit Widerstand. Wie entscheidet ihr Anführer?

Die syrische Provinzhauptstadt Idlib und die gleichnamige Region sind die letzte Rebellenhochburg des Landes.

© AFPDie syrische Provinzhauptstadt Idlib und die gleichnamige Region sind die letzte Rebellenhochburg des Landes.



Von Jan Kuhlmann/dpa

Idlib – Die Gesichter der Männer in Uniform sind vermummt, als die syrischen Rebellen ihre Waffen in Anschlag bringen. Schüsse fallen, irgendjemand schreit kurze Befehle. Andere Szenen des Propagandavideos zeigen, wie Kämpfer mit Schaufeln Gräben ausheben und Sandsäcke stapeln. Die Botschaft, die die radikal-islamische Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) mit dem Film vermitteln will, macht schon der Titel deutlich: „Wir sind bereit“ – bereit für den Kampf bis zum letzten Tropfen Blut.

Bis zum 15. Oktober wollen Russland und die Türkei in der umkämpften Region Idlib im Nordwesten des Landes eine entmilitarisierte Pufferzone errichten. Das Anfang September zwischen Moskau und Ankara ausgehandelte Abkommen soll eine Offensive der Regierungskräfte auf die letzte große Rebellenhochburg und damit ein neues Blutbad abwenden. Der Plan sieht vor, dass alle radikalen Gruppen nicht nur ihre Waffen abgeben, sondern auch aus der Pufferzone abziehen. Ein heikles Unterfangen.

Ideologische IS-nähe, aber tief verfeindet

Denn die Miliz HTS hat sich im Bürgerkrieg den Ruf erworben, so entschlossen wie wenige andere Gruppen gegen die unter den Rebellen verhasste Regierung zu kämpfen. Lange trat sie als syrischer Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida auf. Sie landete deshalb auf den Terrorlisten der USA und anderer Staaten. Ihr werden noch immer gute Verbindungen zu der Organisation nachgesagt, auch wenn sie sich vor rund zwei Jahren offiziell von ihr losgesagt hat. Ideologisch steht HTS der Terrormiliz IS (Daesh) nahe, ist aber seit einer Spaltung tief verfeindet mit ihr. Anders als beim IS rekrutiert die Miliz die meisten ihrer Kämpfer aus der lokalen Bevölkerung.

HTS – die Abkürzung für „Organisation für die Befreiung (Groß-)Syriens“ – gehört zu den mächtigsten Milizen in Idlib und kontrolliert große Teile des Gebiets, darunter die gleichnamige Provinzhauptstadt und das Grenzgebiet zur Türkei. Dort hat sie eine so genante „Regierung der Rettung“ installiert. Wie viele Männer für sie kämpfen, ist unklar. Der UN-Syrien-Vermittler Staffan de Mistura sprach von schätzungsweise 10.000. Die deutsche Regierung geht in einer internen Bewertung von etwa 8000 Kämpfern aus.

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Wie entscheidet „der Fuchs“?

Bisher hat die Rebellengruppe offiziell noch nicht erklärt, wie sie es mit dem russisch-türkischen Abkommen hält. Doch in den Internetkanälen der Miliz ließen wichtige Anführer verlauten, dass sie die Einigung ablehnen: „Wer dich fragt, deine Waffen abzugeben, der muss bekämpft werden“, drohte etwa Abu al-Jakasan al-Masri, einer der bekanntesten und berüchtigtsten Köpfe der Jihadisten.

Wie sich die HTS-Miliz entscheidet, hängt nicht zuletzt von ihrem Anführer Abu Mohammad al-Julani ab, den manche in Idlib „den Fuchs“ nennen. Der Syrer zählt zu den mysteriösesten Figuren des Bürgerkriegs, ein Stratege, aber auch ein schwieriger Charakter, wie der Vertreter einer konkurrierenden Rebellengruppe erzählt.

Selbst seinen eigenen Kämpfern soll sich Al-Julani nur selten zeigen. In zwei Interviews mit dem arabischen Nachrichtenkanal Al-Jazeera ließ er sich nur von hinten filmen, den Kopf mit einem Tuch verdeckt. So ist über den Syrer wenig bekannt.

Schon seit langem kämpfen innerhalb der Miliz zwei Flügel um den Kurs: ein gemäßigterer, der das Abkommen akzeptieren will; und die Hardliner, die die Einigung ablehnen und die Miliz zurück in den Arm von Al-Kaida führen wollen. Praktisch um jeden Preis. Eine kleine, besonders radikale Gruppe hat sich bereits abgespalten und tritt jetzt unter dem Namen Hurras al-Din („Wächter der Religion“) auf.

Türkische Regierung will Miliz zur Auflösung bewegen

Es liegt an der Türkei, Verbündeter der Regierungsgegner, die Extremisten zum Abzug aus der Pufferzone zu bringen. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drohte, die Region werde „von Radikalen gesäubert“.

Seit Wochen soll der türkische Geheimdienst versuchen, die Miliz zur Auflösung zu bewegen. Weil das bisher ohne Erfolg blieb, erhöhte Ankara den Druck und setzte die radikale Gruppe auf die eigene Terrorliste. Lehnen es die Dschihadisten ab, sich dem Abkommen zu fügen, bliebe der Türkei nur ein Weg: militärische Gewalt. Mit eigenen Truppen oder durch verbündete Rebellen.

Andere bewaffnete Regierungsgegner dürften zum Kampf gegen die HTS-Miliz bereit sein, wenn die Türkei das will. Seit Monaten schon kommt es immer wieder zu gegenseitigen Übergriffen. Erst am Montag meldeten Aktivisten, Unbekannte hätten einen HTS-Anführer erschossen.

Russland wartet ab

Russland, der enge Verbündete der Regierung, wird sich genau anschauen, ob der Kampf gegen die Jihadisten erfolgreich sein wird. Sollte sich die Miliz nicht bis Mitte Oktober aus der Pufferzone zurückziehen, stände das türkisch-russische Abkommen auf der Kippe – dann hätten Moskau und das syrische Regime einen guten Vorwand gefunden, um die Region Idlib doch noch anzugreifen.