Letztes Update am Di, 23.10.2018 19:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fall Khashoggi

Fall Khashoggi: Ermittler weisen Berichte über Leichenfund zurück

Rund um die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul widersprach der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag der Führung in Riad. Es handle sich um einen Mord, der bereits Tage im Voraus geplant wurde. Indes wurden Medienberichte dementiert, wonach die zerstückelte Leiche des Journalisten gefunden wurde.

Die Ermittlungen der türkischen Polizei dauern an: Hier wird ein Parkhaus abgesperrt, in dem ein verlassenes Auto gefunden wurde, das dem Konsulat zugeordnet wurde.

© AFPDie Ermittlungen der türkischen Polizei dauern an: Hier wird ein Parkhaus abgesperrt, in dem ein verlassenes Auto gefunden wurde, das dem Konsulat zugeordnet wurde.



Istanbul – Türkische Ermittler haben einer regierungsnahen Zeitung zufolge Berichte über einen Fund von Leichenteilen des getöteten Journalisten Jamal Khashoggi zurückgewiesen. Meldungen über einen Fund von Leichenteilen im Garten des Konsulats in Istanbul seien unwahr, berichtete die Zeitung Sabah am Dienstag unter Berufung auf die Istanbuler Polizei.

Zuvor waren mehrere Medienberichte über einen Leichenfund kursiert. Die Agentur Sputnik berichtete etwa unter Berufung auf den Politiker Dogu Perincek, dass Leichenteile im Garten des Konsulats gefunden worden sei. Perincek hatte demnach keine Quelle angegeben.

Perincek ist Chef der kleinen Oppositionspartei „Vatan“. Er soll laut Sputnik auch angekündigt haben, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Leichenfund in seiner Rede verkünden wolle. Erdogan hatte in seiner mit Spannung erwarteten Rede zu Khashoggi jedoch gesagt, dass dessen Leiche noch nicht gefunden worden sei.

Auch Skynews hatte über einen Fund von Leichenteilen berichtet. Nach einer anonymen Quelle des Senders wurden sie allerdings im Garten der Residenz des Konsuls gefunden.

Ebenfalls Skynews zufolge haben türkische Ermittler bei der Durchsuchung eines saudi-arabischen Diplomatenfahrzeugs in Istanbul persönliche Gegenstände Khashoggis gefunden. In zwei Koffern in einem Fahrzeug des saudi-arabischen Konsulats seien unter anderem ein Computer und Dokumente des Journalisten verstaut gewesen, berichtete der Sender CNN Türk am Dienstag.

Die türkischen Ermittler wurden bei der Durchsuchung auf einem Parkplatz im Stadtteil Sultangazi von saudi-arabischen Experten begleitet, wie ein Reuters-Reporter berichtet. Die Durchsuchung wurde CNN Türk zufolge am Nachmittag unterbrochen und sollte am Mittwoch fortgesetzt werden.

Erdogan: Khashoggi „grausam getötet“

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte Saudi-Arabien zuvor vorgeworfen, den regierungskritischen Journalisten „grausam getötet“ zu haben. Es gebe starke Anzeichen dafür, dass der Mord Tage im Voraus geplant gewesen sei, sagte Erdogan am Dienstag im türkischen Parlament.

Die Erklärung Saudi-Arabiens, einige Mitglieder des Geheimdienstes seien für die Tat verantwortlich, reiche nicht aus, sagte Erdogan und forderte von Saudi-Arabien Aufklärung darüber, „wer den Befehl für das Verbrechen“ gegeben habe und wo sich die Leiche Khashoggis befinde.

Er betonte, niemand dürfe davon ausgehen, dass die Ermittlungen in dem Fall abgeschlossen werden könnten, ohne dass alle Fragen beantwortet worden seien. Erdogan forderte zudem die saudi-arabischen Behörden auf, die Verdächtigen in Istanbul vor Gericht zu stellen.

Saudi-Arabien will, dass „so etwas nie wieder passiert“

Vor der Erklärung des türkischen Präsidenten kündigte Saudi-Arabiens Außenminister Adel al-Jubair Konsequenzen und umfassende Ermittlungen an. Riad werde „sicherstellen, dass so etwas nie wieder passieren kann“, sagte er am Dienstag bei einem Besuch in Jakarta. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen.

Saudi-Arabiens Führung hatte eingeräumt, dass der regimekritische Journalist Khashoggi Anfang Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul getötet wurde. Offiziellen Angaben zufolge starb er allerdings bei einer Schlägerei. Allerdings gibt es an der Version erhebliche Zweifel. Türkische Ermittler gehen davon aus, dass Khashoggi von einem aus Saudi-Arabien angereisten Kommando im Konsulat ermordet wurde.

Mogherini: Wichtig, dass EU-Parlament Stimme erhebt

„Ein Verbrechen gegen einen Journalisten, ganz gleich wo auf der Welt, ist ein Verbrechen gegen die Redefreiheit und gegen uns alle.“ Das betonte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Dienstag im EU-Parlament in Straßburg. Es sei sehr wichtig, dass das Parlament hier seine Stimme erhebe.

Saudi-Arabien habe eine Reihe von Offiziellen verhaftet, noch fehlten aber zu viele Details und die Erklärungen der saudischen Behörden ließen zu viele Fragen offen, so Mogherini. „Wir erwarten volle transparente Untersuchungen und werden dann eine Reaktion in Absprache mit unseren Partnern durchführen.“ (TT.com/APA/AFP/dpa)

Internationale Pressestimmen zum Fall Khashoggi

Die Zeitungen schreiben am Montag zum Verhalten des saudischen Königshauses im Fall um den getöteten Regierungskritiker Jamal Khashoggi:

Süddeutsche Zeitung (München):

„Für jeden Schurken-Tölpel auf der Welt gilt eine Faustregel: Wenn du im Loch steckst, hör auf zu graben. Der saudische Hof um den Kronprinzen Mohammed bin Salman befolgt diesen simplen Ratschlag nicht. Die Erklärung zum Tod des Regimekritikers Jamal Khashoggi steckt voller Widersprüche und Lügen. Die Diagnose kann nur Einfalt oder gefährliche Allmachtsfantasie heißen. Jede neue Lüge macht das saudische Herrscherhaus auch aufs Neue angreifbar, jede Lüge treibt es weiter in die Isolation.“

Die Welt (Berlin):

„Die neue Zeit besteht auch darin, dass die vielen Morde vor unser aller Augen - die Journalistin Anna Politkowskaja und der Politiker Boris Nemzow in Moskau, Kims Halbbruder in Malaysia, Sergej Skripal in England, der Journalist Ján Kuciak in der Slowakei - ein Fass zum Überlaufen bringen. Sollen Mafiamethoden in der Politik salonfähig werden? Im Fall Khashoggi spielt jemand ausgerechnet jemand wie Recep Tayyip Erdogan den Menschenrechtler. Das ist absurd. Die richtige Antwort wären Ermittlungen des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, mit Androhung von Haftbefehlen.“

Frankfurter Rundschau:

„Der verstörende Fall Kashoggi hat das Zeug, die Politik der beteiligten Akteure weiter zu verändern. Saudi-Arabien musste bereits auf internationalen Druck hin das Undenkbare tun und die Tötung des Regimegegners eingestehen. Zudem ist der arabische Kronprinz Mohammed bin Salman angeschlagen und muss um seine politische Zukunft bangen. Westliche Politikerinnen und Politiker können nicht einfach weitermachen wie bisher, weil zu viele Bürgerinnen und Bürger angewidert sind von der Bluttat des Königreichs. Auch deshalb muss die große Koalition mindestens das Versprechen im Koalitionsvertrag umsetzen und Riad keine Waffen mehr verkaufen. US-Präsident Donald Trump wird seine Nahostpolitik zwar nicht komplett ändern. Washington braucht Riad, um den Iran einzuhegen und für milliardenschwere Waffengeschäfte. Aber kaum noch jemand glaubt, dass Saudi-Arabien die politischen Verhältnisse in der Region stabilisiert. Die Geschichte ist also noch nicht zu Ende.“

Lidove noviny (Prag):

„Der Tod des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi ist um eine Liga schlimmer als der britische Fall Skripal. (...) Wie soll der Westen darauf reagieren, wo er doch nach dem Angriff auf die Skripals russische Diplomaten ausgewiesen hatte. Wird Saudi-Arabien aus dem Klub derer ausgeschlossen, mit denen man redet? (US-Präsident) Donald Trump kritisiert Saudi-Arabien, will das Land aber nicht in die Ecke stellen. Daran ist etwas dran. Denn es ist wie die Wahl zwischen Cholera und Pest. Wer sagt, dass es Heuchelei sei, mit Saudi-Arabien weiter zusammenzuarbeiten, hat natürlich recht. Doch um wie viel mehr ist es Heuchelei, mit dem ebenfalls fundamentalistischen Iran zu kooperieren, der anderen Ländern mit der Vernichtung droht? Das Problem ist weiter gefasst: Wo findet man unter den muslimischen Ländern des Nahen Ostens auch nur ein Beispiel von Normalität?“

La Croix (Paris):

„Die Verlegenheit ist spürbar im diplomatischen und wirtschaftlichen Milieu. Überall werden die von Riad abgegebenen Erklärungen für unzureichend gehalten. Der Tod von Jamal Khashoggi gilt als Zeichen für eine grausame und inkonsequente Herrschaft. Aber Saudi-Arabien ist kein Land, das man ohne Vorsicht belehrt. Es ist ein unumgänglicher Gesprächspartner im Nahen Osten, sein Kampf gegen den Iran erstreckt sich vom Libanon über den Jemen bis nach Afghanistan. Zudem ist das Land ein globaler Wirtschaftsakteur, Mitglied der G-20 und wegen seiner Mineralöl-Reserven mit bedeutenden Finanzmitteln ausgestattet.“