Letztes Update am Di, 04.12.2018 07:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Friedensforschung

Verminte Hochschulen, Personal mit Trauma: Uni Innsbruck hilft im Irak

Der Irak hat Jahrzehnte des Krieges hinter sich – zuletzt mit der Befreiung von der Herrschaft der Terrormiliz IS. Schätzungen zufolge wird es wohl Generationen dauern, das Land vollständig zu befrieden. Dabei helfen wollen Experten aus Innsbruck. Die Bedingungen vor Ort sind schwierig, die Gewalt hat große Wunden hinterlassen.

© AFP/Al-RubayeIraker gehen durch die zerstörten Straßen von Mossul. Die Stadt wurde erst im Vorjahr aus den Händen der Terrormiliz IS befreit.



Von Matthias Sauermann

Innsbruck, Erbil – Die Universitäten teilweise vermint, Lehre unter Lebensgefahr, Massengräber: Der Irak ist auch ein Jahr nach der Befreiung der letzten Gebiete von der Terrormiliz IS bei weitem nicht befriedet. Die Gewalt hat tiefe Spuren bei den Menschen hinterlassen, erzählen Wolfgang Dietrich und Adham Hamed von der Universität Innsbruck im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Der UNESCO Chair für Friedensforschung ist im Irak damit beauftragt, beim Aufbau von Friedensforschung an den dortigen Universitäten mitzuhelfen. Im November stand ein erster Besuch im Rahmen des Projekts in Erbil an.

„In persönlichen Gesprächen mit den Menschen merkt man, dass sie durch Heftiges gegangen sind“, sagt Dietrich. „Die Universitäten sind teilweise vermint, das Personal hochtraumatisiert. Lehre findet dort unter Lebensgefahr statt.“ Während der Reise der Forscher wurde ein Massengrab entdeckt, das die Terrormiliz IS hinterlassen hatte. In diesem Umfeld werde im Irak gearbeitet. Dennoch sei die Arbeit dort konstruktiv und überraschend hochwertig verlaufen, erzählt Dietrich.

Akademische Antworten auf Gewalterfahrungen

Die Aufgabe, vor der das Projekt steht, ist groß: „Akademische Antworten auf die Gewalterfahrungen und für den Umgang damit finden“, erläutert Adham Hamed. Friedensforschung soll als Studium im Irak etabliert werden. Auf ein Pilotprojekt in Bagdad soll die Ausdehnung auf Universitäten im ganzen Land folgen – auch in den neuen befreiten Gebieten Anbar, Tikrit und Mossul.

„Lehre findet im Irak unter Lebensgefahr statt.“
Wolfgang Dietrich (Lehrgangsleiter Unit for Peace and Conflict Studies)

Verschiedenste Disziplinen sollen in den Lehrgängen eingebunden sein, um die vielfältigen Anforderungen zu erfüllen. Es gelte demnach unter anderem Führungskräfte auszubilden, die im Krieg erlittenen Traumata von Frauen zu behandeln, Pädagogen um Umgang mit traumatisierten Kindern zu schulen. Auch Nachbarschaftskonflikte sind nach dem Ende der IS-Herrschaft drängend. „Wir haben es mit traumatisierten Opfern und traumatisierten Tätern zu tun“, beschreibt Dietrich. Das gelte beispielsweise auch für Jesiden, an denen die Terrormiliz IS nach Einschätzung der UNO einen Völkermord verübte. Täter und Opfer würden sich vielfach kennen. „Die Täter vom IS waren ihre Nachbarn, nun sind diese zurückgekehrt und arbeiten wieder als Bauern.“

Ruf ereilte Uni Innsbruck nach Erfolgen bei Projekten

Dass es dennoch gelingen kann, einen Beitrag zur Befriedung des Iraks zu leisten, sehen Dietrich und Hamed als realistisch an. Ähnliche Projekte etwa in Äthiopien und Georgien hätten bereits Erfolge gezeigt. Deshalb sei auch der Ruf aus dem Irak – mit Unterstützung der dortigen Regierung – gekommen. Man habe sich bereits einen Ruf erarbeitet, wie ein solches Projekt aufgebaut werden kann – indem man eine begleitende Rolle einnimmt, die Möglichkeiten und Gegebenheiten vor Ort berücksichtige und nicht einfach ein Schema übertrage.

Die Studierenden setzen jedenfalls Hoffnungen in das Projekt. Die Studien der Friedensforschung sollen ihnen auch ermöglichen, mit Organisationen wie dem Roten Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen Erfahrungen „im Feld“ zu sammeln. Und schließlich soll auch der Anschluss an das internationale Netzwerk gefunden werden – und Auslandsaufenthalte folgen. Die Universität Innsbruck ist hier Vorreiter: Bereits jetzt werden Studierende im Bereich Friedensforschung am Grillhof in Vill betreut.

Bis die Wunden des Krieges im Irak nach den vielen Jahrzehnten der Gewalt endgültig verheilt sind, wird es jedoch noch ein langer und steiniger Weg. Mehrere Generationen lang werden sie die Iraker wohl noch begleiten, schätzen die Friedensforscher.

Lehrgangsleiter Wolfgang Dietrich (l.) und Adham Hamed vom UNESCO Chair für Friedens- und Konfliktforschung im Irak.
- UIBK