Letztes Update am Fr, 07.12.2018 07:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Jesidinnen vom IS verschleppt: Die Opfer verlieren den Krieg

Die Jesidin Nadia Murad wurde von der Terrormiliz „IS“ im Irak verschleppt und fürchterlich misshandelt. Nun erhält sie den Friedensnobelpreis. Trotz der großen Würdigung ein schwacher Trost für das Volk der Jesiden, denen der Krieg jede Lebensgrundlage zerstört hat.

© iStockphoto(Symbolfoto)



Von Petra Ramsauer

Die Welt hat uns einfach aufgegeben, sagt die 18-jährige Narin erschöpft. Sie heißt anders, spricht nur im Schutz der Anonymität. Seit wenigen Wochen ist sie zurück im Irak bei ihrer Familie. Sie ist eine von Tausenden Jesidinnen, die im August 2014 beim Angriff der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf die Heimatregion der religiösen Minderheit verschleppt wurden. Um ein Lösegeld von 20.000 Dollar konnte sie ihr Onkel aus der jahrelangen Tortur befreien. Über die Nachrichten-App „Telegram“ nahm ein algerischer IS-Terrorist mit der Familie Kontakt auf. Er hatte Narin am brutalen Sklavenmarkt des IS „gekauft“. Wo er sich samt der jungen Frau verschanzt hatte, konnte niemand herausfinden. Nachdem ihre Familie einem „Mittelsmann“ die Summe übergeben hatte, tauchte das Mädchen plötzlich auf.

Ein Netzwerk von Schmugglern kontrolliere bis zum heutigen Tag die Freilassung der IS-Geiseln, sagt Hussein al-Qaidy, Direktor einer jesidischen Rettungsorganisation: Die militärische Niederlage habe nichts daran geändert, dass die Opfer den Krieg verloren haben: „Viele jesidische Geiseln wurden mit IS-Familien in die Türkei gebracht, sind noch in Syrien oder werden irgendwo im Irak versteckt“, so al-Qaidy. 3334 Frauen konnten bislang gerettet werden. Von 3080 fehlt bis zum heutigen Tag jede Spur.

Wie ein monströser Sturm

Es war einer der grauenhaftesten Momente des Terrorkrieges des IS, als die Kämpfer der Miliz dieses Gebiet überfielen. Der Angriff entlud sich wie ein monströser Sturm, der Menschen, Häuser und eine ganze Kultur regelrecht plattwalzte. Weder die irakische Armee noch die kurdischen Peschmerga-Kämpfer konnten oder wollten der bedrohten Minderheit rechtzeitig helfen. Ganze Familien wurden ausgelöscht; bis zu 10.000 Menschen dürften bei dem Angriff umgekommen sein. Viele kamen kurz danach um, weil sie panisch ins Gebirge geflohen waren. Sie verdursteten, starben an Erschöpfung.

Unvorstellbar waren die Qualen, die jene aushalten mussten, die entführt worden waren. 6417 verschleppte die Miliz: größtenteils Frauen und Kinder. Einer dieser Jesidinnen, die sich befreien konnte, ist zu verdanken, dass weltweit bekannt wurde, was dieser Minderheit angetan wurde und wird: der heute 25-jährigen Nadia Murad. Auch sie wurde von Hussein al-Qaidys Organisation in Sicherheit gebracht. Heute lebt sie in Deutschland im Exil.

Seit 2016 ist Nadia Murad UN-Sonderbotschafterin für Opfer von Menschenhandel. Unermüdlich und mit unverzagter Offenheit schildert sie ihre Qualen. Es raubt einem den Atem, wenn sie ihre Geschichte erzählt. „Wir hörten die Terroristen, wie sie im Untergeschoß unseren Verkauf vorbereiteten“, schildert sie den Anfang ihres Martyriums als Geisel des IS: „Als dann der erste Mann in unser Zimmer kam, kreischten wir alle vor Angst. Manche übergaben sich vor Angst. Ob wir alle Jungfrauen seien, fragten sie die Wächter. Sie griffen nach unseren Brüsten, unseren Beinen. So als wären wir Tiere.“ Mehrmals wurde sie verkauft wie eine Ware, fürchterlich misshandelt, erlebte, wie Mädchen, gerade zehn, zwölf Jahre, brutal vergewaltigt wurden.

Nadia Murad wird am Montag für ihren Kampf für Gerechtigkeit der Friedensnobelpreis überreicht.
- imago stock&people

Anstoß für Nadia Murad, sich durch öffentliche Auftritte wieder und wieder ihrem Trauma zu stellen, war der Kampf um Gerechtigkeit: für die Opfer – und Strafe für die Täter. Wenn ihr am 10. Dezember in Oslo der Friedensnobelpreis feierlich überreicht wird, ist jedoch keineswegs ein „Happy End“ erreicht.

Fast exakt 5000 Kilometer von Oslo entfernt, ab dem Stadtrand des nordirakischen Dohuks, zeichnet sich schon auf dem ersten Blick ab, wie verzweifelt ihre Lage ist. Riesige Zeltstädte säumen die Ausfallsstraßen. Eilig und im Wildwuchs sind sie entstanden. Als Notlösung für jene, die in Todesangst flohen. Die Camps haben Wurzeln geschlagen.

Petra Ramsauer ist seit 20 Jahren als Krisen- und Kriegsberichterstatterin tätig. Ramsauer hat mehrere Bücher („Die Dschihad-Generation. Wie der apokalyptische Kult des Islamischen Staats Europa bedroht“) veröffentlicht.
- Jacqueline Godany

Die Plastikplanen sind vergilbt, notdürftig geflickt. Heftige Regenfälle verwandeln derzeit den Schotterboden in Schlamm. Der vierte Winter beginnt gerade, den die Überlebenden des Krieges der Terrormiliz Islamischer Staat hier verbringen müssen. Durchnässt, frierend und schwer traumatisiert.

Von den 550.000 Jesiden, die im Nord­irak lebten, sind bis zum heutigen Tag 360.000 vertrieben. Verstreut über 17 Lager. 90.000 gelang es, ins Ausland zu fliehen. Nur ein kleiner Bruchteil der Überlebenden ist zurück im Sinjar, in ihrer Heimat.

Seit drei Jahren ist die Terrormiliz von hier vertrieben, doch der Wiederaufbau hat noch nicht einmal begonnen. Weder Schulen noch Spitäler funktionieren. Die einzige Verbindungsstraße, die von der nordirakischen Metropole Mossul in den Sinjar führt, machten schwere Regenfälle zuletzt unpassierbar. 70 Prozent aller Häuser liegen in Ruinen, Scharmützel zwischen Sicherheitskräften und Milizen brechen aus.

„Solange man uns keine internationale Schutztruppe zur Verfügung stellt, weigern wir uns, nach Hause zu gehen“, sagt Baraket Hudeda: Die 38-Jährige war früher Offizierin der irakischen Armee: „Wir haben Angst, dass wir abermals überfallen werden.“ Auch sie wurde 2014 von IS-Terroristen entführt: Eine unfassbare Summe von umgerechnet 55.000 Euro musste ihre Familie aufbringen, damit sie frei gelassen wird.

Hoffnung auf Neubeginn

Seit einigen Wochen steigt die Zahl der Kontaktversuche bei Familien, die noch Angehörige vermissen. Besonders internationale Kämpfer der Terrormiliz versuchen, mit diesen Summen ihre Flucht zu finanzieren. Sie profitieren, während bis zum heutigen Tag Jesiden ihre letzten Ersparnisse zur Rettung von Verwandten aufbrauchen.

„Viele Flüchtlingsfamilien haben kaum Geld. Viele können ihre Mädchen und Frauen nur mit Hilfe von Spenden privater Organisationen befreien. Doch die Summen, die zur Verfügung stehen, sind viel zu gering“, sagt Hiwa Aziza. Die ehemalige Mitarbeiterin des Geheimdienstes der irakischen Kurden arbeitet bei den selbst organisierten Rettungsgruppen mit. „Wir befürchten, dass viele IS-Terroristen ihre Geiseln ins Ausland verschleppt und sie an internationale Menschenhändler verkauft haben“, sagt sie: „Es wäre dringend eine großangelegte, internationale Rettungsinitiative nötig.“

In einem Interview mit dem US-amerikanischen Magazin Foreign Policy betont Nadia Murad, dass ihr Nobelpreis nun endlich den Anstoß geben wird, damit die internationale Gemeinschaft hilft. „Wir Jesiden haben gelitten, aber nicht aufgegeben. Uns wurde nicht geholfen, als uns die Terrormiliz angegriffen hat. Nun hoffe ich, dass mein Preis einen Anstoß geben wird, damit endlich die nötige Unterstützung ankommt, die uns hilft, einen echten Neubeginn zu schaffen.“

(K)ein Ende des Albtraums

Nadia Murad hatte wie 1000 weitere Jesidinnen nach dieser Tortur Glück: Das deutsche Bundesland Baden-Württemberg hat mit einem Sonderprogramm eine große Gruppe der schwer traumatisierten Jesiden aufgenommen. Hier finden sie ausreichen Schutz und vor allem psychologische Hilfe. Für Jesidinnen, die nach ihrer grauenhaften Zeit als Geisel des IS in Vertriebenenlagern stranden, bedeutet die Rückkehr zu den Familien selten ein Ende des Albtraums. Trotz einiger Initiativen von Hilfsorganisationen besteht derzeit für zahlreiche ehemalige Geiseln derzeit überhaupt kein Betreuungsangebot.

Eine letzte Rettung für einige ist die psychiatrische Abteilung des Azadi-Krankenhauses: Zwei bis drei Jesidinnen werden dort derzeit jede Woche nach Selbstmordversuchen oder schweren Zusammenbrüchen eingeliefert.

„Das Leben im Camp erschwert ihre Regeneration zusätzlich“, sagt Burhan Aldeen Tahir, der leitende Arzt der Abteilung: „Die wichtigste Basis einer Heilung wäre, damit die Jesiden endlich wieder in Sicherheit nach Hause könnten.“