Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.04.2019


Blick von Außen

Israel und Ägypten und die Geschichte des kalten Friedens

Vor 40 Jahren blickte die Welt nach Washington. Ein Friedensvertrag und seine Folgen.

Nach Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten Freude bei den Hauptakteuren (v. l.): Ägyptens Staatspräsident Anwar as-Sadat, US-Präsident Jimmy Carter und Israels Ministerpräsident Menachem Begin.

© Nach Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten Freude bei den Hauptakteuren (v. l.): Ägyptens Staatspräsident Anwar as-Sadat, US-Präsident Jimmy Carter und Israels Ministerpräsident Menachem Begin.



Von Rolf Steininger

Am 19. November 1977 wurde die Welt Zeuge eines außergewöhnlichen Ereignisses: Ägyptens Präsident Sadat besuchte Israel. Die Spannung auf dem Flughafen von Tel Aviv war extrem, als die Maschine mit Sadat und Gefolge am Sabbat um acht Uhr abends landete. Denn Ägypten und Israel befanden sich offiziell noch im Kriegszustand.

Der Yom-Kippur-Krieg lag erst vier Jahre zurück, der Sechstagekrieg zehn Jahre; unversöhnlich schienen die Positionen im Nahostkonflikt zu sein. Boutros Boutros-Ghali, Minister in Sadats Kabinett und späterer UNO-Generalsekretär, war Mitglied der ägyptischen Delegation. Er fasste die Sicht der Araber folgendermaßen zusammen: „Jahrzehntelang war Israel unser Erzfeind gewesen, das Krebsgeschwür am Körper der arabischen Welt, und unser Ziel war es bisher, alles in unserer Macht Stehende zu tun, es zu zerstören."

Was viele Israelis befürchteten, beschrieb Harry Hurwitz, Mitarbeiter von Israels Regierungschef Menachem Begin, so: „Ein aus dem Flugzeug stürmendes Kommando­unternehmen." Verteidigungsminister Weizman sah das ähnlich und befahl für die gesamte israelische Armee höchste Alarmbereitschaft. Auf der anderen Seite schlossen Mitglieder der ägyptischen Delegation nicht aus, dass sie auf der Landebahn in einen Kugelhagel der Israelis geraten würden.

Nichts dergleichen geschah.

Unter den Fahnen Israels und Ägyptens spielte eine Militärkapelle die Hymnen. Den Israelis erschien Sadats Ankunft daher surreal. „Unternehmen Zauberteppich" lautete das israelische Codewort für seinen Besuch.

Vom Flughafen fuhr Sadat nach Jerusalem und bezog Quartier in der Präsidenten-Suite im King David Hotel. Am nächsten Morgen betete er in der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, besuchte dann die Grabeskirche und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Va­shem. Am Nachmittag hielt er vor den 120 Mitgliedern der Knesset, des israelischen Parlaments, eine Rede, in der er unter anderem betonte:

„Ich bin nicht gekommen, um eine separate Vereinbarung mit Israel zu unterschreiben, das ist nicht meine Politik. Es geht nicht nur um unsere beiden Länder. Ein Friede wird nur dann gerecht seinen Bestand haben, wenn er für alle gilt, für alle Nachbarn Israels und für das palästinensische Volk."

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel beschrieb die bis dahin unvorstellbare Szene damals so: „Ein muslimischer Staatschef mit der Sabiba auf der Stirn — dem Mal vom Berühren des Bodens bei unzähligen Gebeten in Richtung Mekka — vor einem Großbild des Zionismus-Propheten Theodor Herzl in Israels Knesset."

Wie sein Vorgänger Nasser betrachtete sich Sadat als ein Sachwalter der palästinensischen Interessen. Seit der Gründung Israels 1948 war Ägypten gegen einen jüdischen Staat auf Kosten der Palästinenser. Die aber betrachteten die Ächtung Israels als den Zement, der die Araber zusammenhielt.

Kontakte mit dem Judenstaat waren deshalb tabu. Ägyptens arabische Nachbarn verdammten daher Sadats Reise. „Der Verräter hat seinen Hals in die Schlinge gesteckt", erklärte ein Sprecher der PLO, der palästinensischen Befreiungsorganisation, nach Sadats Ankunft in Jerusalem. Und weiter: „Sadat kann dem Henker nicht entkommen", während die ägyptischen Massen Sadat bei seiner Rückkehr in Kairo jubelnd empfingen.

Dreizehn Tage in Camp David

Der Annäherung in Jerusalem folgten im September 1978 Verhandlungen in Camp David, dem Landsitz von US-Präsident Jimmy Carter nahe Washington. Teams aus Israel und Ägypten mit Begin und Sadat an der Spitze einigten sich nach 13 Tagen auf zwei Rahmenabkommen, die zum Frieden im Nahen Osten führen sollten. Im ersten ging es um den Abschluss eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel innerhalb von drei Monaten; unter anderem sollte sich Israel aus dem Sinai zurückziehen und die Siedlungen dort auflösen. Im zweiten Abkommen sollte Israel innerhalb von fünf Jahren eine autonome Verwaltung in der Westbank und im Gazastreifen einrichten. Dafür waren Verhandlungen zwischen Israel, Ägypten, Jordanien und Palästinensern vorgesehen. Während dieser Zeit sollte Israel auf den Bau weiterer Siedlungen in den von ihm besetzten Gebieten verzichten.

Der Friedensvertrag wird unterzeichnet

Die eigentlichen Friedensverhandlungen zwischen Israel und Ägypten unter Führung von Sadat und Begin begannen vier Wochen später in Washington.

Die Arabische Liga warnte Sadat damals und drohte Sanktionen für den Fall der Unterzeichnung eines ägyptisch-israelischen Vertrages an: Suspendierung der Mitgliedschaft Ägyptens, Verlegung des Sitzes der Liga von Kairo in ein anderes arabisches Land und Wirtschaftssanktionen gegen ägyptische Unternehmen, die mit Israel zusammenarbeiten würden.

Das hielt Sadat nicht von der Unterzeichnung ab. Am 26. März 1979 unterzeichneten er und Begin in Washington den Friedensvertrag für ihre Länder. Darin verpflichteten sie sich unter anderem auch zur Aufnahme von Verhandlungen über eine Autonomie der Palästinenser. Das aber seien, so der amerikanische Botschafter in Israel, „die größten Schwierigkeiten der Nahostpolitik".

Österreichs Botschafter in Israel, Ingo Mussi, meinte dazu Ende April 1979: „Wie sich die Dinge, von Israel aus gesehen, darbieten, ist Sadat nämlich fest entschlossen, ganz Sinai zurückzubekommen. Das aber dauert laut Friedensvertrag drei Jahre." Dabei war an eine Autonomie für die Palästinenser nicht zu denken, denn, so Mussi weiter, „die israelische Regierung hat vorerst weitgehend freie Hand". Dass die Palästinenser zuvor schon Camp David abgelehnt hatten, war aus seiner Sicht allerdings „ein schwerer Fehler", der jetzt bestätigt wurde, denn, so Mussi, „es gehört wohl zum tragischen Schicksal dieses Volkes, Gelegenheiten stets zu versäumen".

Die Ägypter erhielten die Sinai-Wüste zurück und feierten Sadat Jahr für Jahr am 6. Oktober, dem Tag der Kanalüberquerung im Yom-Kippur-Krieg. Hunderttausende strömten jedes Mal zu den Militärparaden.

Die Ermordung von Ägyptens Sadat

Am 8. Jahrestag des Krieges, am 6. Oktober 1981, endete das Volksfest tragisch, als vor der Ehrentribüne plötzlich Soldaten aus vorbeifahrenden Militärfahrzeugen sprangen. Sie warfen Handgranaten und feuerten aus Maschinengewehren auf Sadat, der den Vorbeimarsch inmitten der militärischen und politischen Prominenz beobachtete. „Das ist unvorstellbar", soll Sadat gesagt haben, als Angehörige seiner Armee auf ihn schossen. Panik brach aus.

„Ich habe den Pharao getötet!", rief der Mörder Sadats (der verhaftet und später hingerichtet wurde). Die Offiziere und Unteroffiziere waren radikale Muslime, hassten den religiös toleranten Sadat und wollten ihn für seinen Friedensschluss mit Israel strafen. In Palästinensergebieten wurde die Nachricht von Sadats Tod bejubelt.

Sadats Witwe Jehan hatte das Attentat miterlebt und schrieb später in ihrer Autobiografie „Manchmal gehe ich in sein Schlafzimmer und öffne den Schrank, um mir die Uniform anzusehen, die er am letzten Tag seines Lebens trug. Sie hängt noch da mit den Einschusslöchern an der Schulter. Der rechte Ärmel ist hoch aufgeschlitzt, wo die Ärzte die Bluttransfusionen gegeben haben. Sein blutgetränktes Hemd ist inzwischen steif und braun geworden. Selbst das bewahre ich für den Tag auf, da Ägypten bereit ist, meinen Mann zu ehren."

Der letzte Satz spiegelt wider, wie umstritten der im Westen bewunderte Sadat bei seinem eigenen Volk war, wie verhasst in arabischen Ländern.

Seine Initiative beendete zwar die israelisch-ägyptische Konfrontation, aber im Palästinakonflikt bewegte sie nichts, während Israel seine Siedlungspolitik bis heute fortsetzte. In dieser Hinsicht blieb Sadats Reise nach Jerusalem eine Episode enttäuschter Hoffnungen und der Frieden zwischen Israel und Ägypten ein kalter Frieden.

Zur Person

O. Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. wwww.rolfsteininger.at




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