Letztes Update am Mo, 08.04.2019 19:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Libyen

Haftars Offensive auf Tripolis: Dutzende Tote, Tausende flüchten

Die Kämpfe um die libysche Hauptstadt eskalieren, der einzige noch verbliebene Flughafen der Stadt wurde am Montag bombardiert. Mindestens 49 Menschen kamen bisher bei der Offensive von General Haftars Truppen ums Leben.

Regierungstreue Truppen in Tripolis.

© AFPRegierungstreue Truppen in Tripolis.



Tripolis – In Libyen hat der Kampf um die Hauptstadt Tripolis auch den einzig verbliebenen Flughafen der Stadt erreicht. Kampfjets bombardierten am Montag den militärischen Teil des Flughafens Mitiga, sagte ein Sprecher der libyschen Einheitsregierung. Der Flugbetrieb sei eingestellt und der Flughafen evakuiert worden. Flüge würden bis auf Weiteres ins 200 Kilometer entfernte Misrata umgeleitet.

Bilder in den sozialen Netzwerken zeigten Rauchsäulen über dem Rollfeld. Nach Angaben von Flughafenvertretern wurde eine Landebahn beschädigt, Menschen kamen nicht zu Schaden. Passagiere seien aber in Panik geraten, berichteten Augenzeugen. Der Flughafen Mitiga ist der einzig verbliebene funktionierende Airport von Tripolis.

Insgesamt sind bei den erneuten Kämpfen um die libysche Hauptstadt seit Donnerstag bereits mindestens 49 Menschen getötet worden. Wie viele Zivilisten unter den Opfern sind, war vorerst nicht bekannt.

Kneissl: Haftar hat Unterstützung Ägyptens

Seit Donnerstag rückt die sogenannte „Libysche Nationalarmee“ (LNA) von General Haftar auf Tripolis vor. Haftar gilt als mächtigster Gegenspieler von Ministerpräsident Fayez al-Sarraj. Dessen Regierung der nationalen Einheit in Tripolis wird international anerkannt. Das libysche Parlament hat seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 seinen Sitz im ostlibyschen Tobruk. Im Osten und Süden des Landes kontrolliert der mit dem Parlament verbundene General Haftar die größten Gebiete, darunter auch zahlreiche Ölförderanlagen. Er bezeichnet seinen Vormarsch als „Anti-Terror-Kampf“.

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Mit Blick auf die Rolle Haftars sagte Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ), dass für diesen das Sprichwort „Totgesagte leben länger“ gelte. Haftar verfüge über sehr unterschiedliche Finanzierungsquellen und habe die politische und militärische Unterstützung Ägyptens. Er habe eine hierarchisch funktionierende Streitkraft, was in Libyen sonst fehle. Dagegen habe die anerkannte Regierung militärische Schwierigkeiten, so Kneissl beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg. Ihrer Ansicht nach könnte die Offensive zu politischen Veränderungen führen. „Es ist vieles im Fluss“, sagte sie. Italien und Frankreich seien mit der Region aufseiten der EU stärker verbunden.

Flucht vor Kämpfen und Hamsterkäufe

Die Vereinten Nationen warnten unterdessen vor einer weiteren Eskalation der Situation. Etwa 2800 Menschen seien bereits vor den neuerlichen Kämpfen im Süden der Hauptstadt geflohen, teilte die UNO am Montag mit.

Augenzeugen berichteten von Hamsterkäufen in der Hauptstadt Tripolis. Die Menschen fürchteten dauerhafte Kämpfe und deckten sich vor allem mit Treibstoff und Lebensmitteln ein. Die Kampfgeräusche waren am Montag in der ganzen Stadt zu hören. Kampfflugzeuge flogen über der Stadt, Maschinengewehrfeuer war zu hören, ebenso wie die Einschläge von Granaten und Bomben.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sprach am Rande eines Außenministertreffens in Luxemburg von einer „zunehmend besorgniserregenden Situation“. Am wichtigsten sei es nun, die vollständige Umsetzung der humanitären Waffenruhe zu ermöglichen, um Zivilisten und Verwundete aus der Stadt zu bringen. Zudem müsse jede erneute militärische Konfrontation und Eskalation vermieden werden, um wieder zu politischen Verhandlungen zurückzukehren. Die Vereinten Nationen hatten zuvor angekündigt, an einer für Mitte April geplanten Versöhnungskonferenz festzuhalten.

Das ölreiche Libyen ist ein wichtiges Transitland für Flüchtlinge, die Europa erreichen wollen. Gegner Haftars werfen dem 75-Jährigen vor, er wolle sich als neuer Diktator in Libyen etablieren. (APA/dpa/Reuters)