Letztes Update am Mo, 15.04.2019 13:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eskalation in Libyen

Sorge vor langem Bürgerkrieg in Libyen, Rom fürchtet Flüchtlingswelle

„Im Fall eines neuen Kriegs in Libyen hätten wir nicht Migranten, sondern Flüchtlinge vor den Toren Italiens“, erklärte Verteidigungsministerin Trenta in Rom. Der libysche Vizepremier warnt indes vor einem langen Bürgerkrieg.

Ein regierungstreuer Soldat südlich der Hauptstadt Tripolis, wo die Kämpfe derzeit am heftigsten toben.

© AFPEin regierungstreuer Soldat südlich der Hauptstadt Tripolis, wo die Kämpfe derzeit am heftigsten toben.



Rom, Tripolis – Italien befürchtet eine Eskalation der Gewalt in Libyen. „Im Fall eines neuen Kriegs in Libyen hätten wir nicht Migranten, sondern Flüchtlinge vor den Toren Italiens. Und Flüchtlinge muss man aufnehmen. Die Folge einer Destabilisierung Libyens würden vor allem Italien belasten“, sagte die italienische Verteidigungsministerin, Elisabetta Trenta, in einem Radiointerview am Montag.

Die Gefahr eines Zuwachs der Migrantenabfahrten von Libyen nach Italien sei sehr groß. „Es ist besonders wichtig, dass wir Europa auf unsere Seite bringen. Wir müssen verstärkt auf eine europäische Lösung drängen“, betonte Trenta.

Auch der italienische Vizepremier und Chef der Regierungspartei „Fünf Sterne“, Luigi Di Maio, zeigte sich wegen des Konflikt in Libyen besorgt. „Die Schließung der italienischen Häfen ist eine provisorische Maßnahme, die sich bei Fällen erfolgreich erwiesen hat, in denen wir die EU wachrütteln mussten. Sie funktioniert jetzt, doch bei einer Verschärfung der Krise würde sie nicht genügen“, so Di Maio im Interview mit der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera (Montagsausgabe).

Angesichts des eskalierenden Konflikts in dem nordafrikanischen Krisenland könnten bis zu 6000 Migranten versuchen, von Libyen nach Italien zu gelangen, geht aus einem Bericht des italienischen Geheimdienstes AISE hervor. Das Dossier liegt dem italienischen Premier Giuseppe Conte vor. Zur Flucht nach Italien bereit seien tausende Menschen, die sich derzeit in Libyens Internierungslagern befinden, darunter unzählige Frauen und Kinder.

Libyens Vizepremier warnt vor langem Bürgerkrieg

Der stellvertretende libysche Ministerpräsident Ahmed Maitik warnte Europa indes vor Verhandlungen mit dem mächtigen Gegenspieler der Einheitsregierung in Tripolis, General Khalifa Haftar.

„Haftar verkauft Europa, der Welt, die Idee, dass er den Terrorismus besänftigen wird. Und stattdessen wird er für 30 Jahre einen Bürgerkrieg, für 30 Jahre (die Herrschaft der Terrormiliz) IS, für 30 Jahre Verwüstung herbeiführen“, sagte Maitik der italienischen Tageszeitung La Repubblica (Montag). Er umriss das Szenario eines Bürgerkrieges wie in Syrien in unmittelbarer Nähe zu Italien.

In dem ölreichen nordafrikanischen Land waren vor etwa zehn Tagen neue Kämpfe ausgebrochen, bei denen bereits mehr als 120 Menschen getötet und mindestens 560 verletzt wurden. Zuvor hatte Haftar seinen Truppen den Vormarsch auf Tripolis befohlen.

Krisengespräche in Rom

Italienischen Medienberichten zufolge sollten am Montag in Rom Gespräche zur Krise in Libyen geführt werden. Daran sollten neben Maitik Italiens Premierminister Giuseppe Conte und Innenminister Matteo Salvini sowie der katarische Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani teilnehmen.

Libyen ist eine ehemalige Kolonie Italiens. In den vergangenen Jahren wurde es zu einem der wichtigsten Transitländern für Migranten auf dem Weg nach Europa. Abertausende Menschen erreichten von dort aus Italien. (APA/dpa)