Letztes Update am Mi, 29.05.2019 07:42

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Venezuela

Venezuela-Konflikt: „Das tägliche Leben im Chaos“

Das Alltagsleben in dem lateinamerikanische Krisenstaat gestaltet sich unterdessen sehr beschwerlich. Viele Menschen versuchen, das Land zu verlassen.

Verzweifelte Venezolaner demonstrierten in Caracas.

© AFPVerzweifelte Venezolaner demonstrierten in Caracas.



Caracas – In Venezuela schwelt der Konflikt zwischen dem sozialistischen Staatschef Nicolás Maduro und seinem Gegenspieler, dem von der oppositionell dominierten Nationalversammlung anerkannten Interimspräsidenten Juan Guaidó weiter. Das Alltagsleben in dem lateinamerikanische Krisenstaat gestaltet sich unterdessen sehr beschwerlich. Viele Menschen versuchen, das Land zu verlassen.

Wilhelm Mindler, ein aus Österreich stammender Pensionist, der früher als Physiklehrer in Venezuela arbeitete, und seit einiger Zeit in Kolumbien lebt, hat für die APA eine Aufstellung über Probleme des venezolanischen Alltags gemacht. „Kommt ein Besuch aus dem Ausland nach Venezuela“, meint er, so höre man ziemlich schnell: „Ich habe viel über Venezuela gehört, aber die Realität ist noch viel dramatischer.“ Niemand könne sich vorstellen, „dass es nicht um vereinzelte Probleme geht, sondern dass praktisch gar nichts funktioniert“.

Militär- und Polizeikräfte gehören mittlerweile zum Straßenbild in ganz Venezuela.
Militär- und Polizeikräfte gehören mittlerweile zum Straßenbild in ganz Venezuela.
- AFP

Beispiele über Probleme und bedenkliche aktuelle Entwicklungen gebe es einige:

BANKOMAT

„Es gibt nicht genug Geldscheine, das gilt auch für Banken. Bankomaten geben pro Tag nur ganz kleine Summen aus, und für diese muss man lange Schlange stehen. Zahlen mit Bankomatkarte im Geschäft ist nur manchmal möglich. Das Datennetz ist mangelhaft, jeder Käufer muss endlos lang bei der Zahlung warten, zu Stoßzeiten hat es keinen Sinn einkaufen zu gehen. Und wenn der kleine Apparat für die Zahlung mit Karte kaputt geht, dann kann der Geschäftsmann ans Zusperren denken. Ersatz gibt es nicht, es sei denn für astronomische Summen.“

TRANSPORT UND STRASSENVERKEHR

Lebensmittel kosten in Venezuela mitunter einen Monatslohn.
Lebensmittel kosten in Venezuela mitunter einen Monatslohn.
- AFP

„Der Flughafen Maiquetía in der Nähe von Caracas ist eine Risikozone, wo die Kriminellen lauern. Zweimal schon, als ich bei der Kontrolle Schlange stand, näherte sich mir ein netter und hilfsbereiter Mann. Der erste meinte, es fehlte eine Unterschrift, ich sollte mit ihm mitgehen. Der andere verwies mich auf einen Kontrollpunkt ohne Wartezeit. Aber Achtung: Das sind bloß Tricks. Du wirst isoliert, und der Komplize wartet schon auf Dich.

Hat man auf der Straße eine Panne, so kommt bestimmt ein liebenswerter Helfer - der hilft, dass das Auto nie wieder startet. Und dann ruft er seine Komplizen. Der Bustransport ist völlig zusammengebrochen. Überland gibt es keine geplanten Fahrzeiten und keinen Vorverkauf. Man wartet bis ein Bus kommt und kämpft dann um ein Ticket. In der Stadt wird alles verwendet, was vier Räder hat, der Schrottplatz hilft aus. Kontrollen gibt es nicht mehr. Verkehrspolizisten drohen mit illegalen Maßnahmen wie etwa Abschleppen. Sie warten auf ein Angebot des ängstlichen Chauffeurs. Eine gute Strategie ist, sich dumm zu stellen: „Ja, ich sehe ein dass meine Versicherung abgelaufen ist, stellen sie mir ein Strafmandat aus.“ Dazu ist der Polizist zu faul, nach etwa einer Viertelstunde darf man weiterfahren.

Einen Führerschein kann jeder günstig kaufen, ohne eine Prüfung zu machen. Ein Gutteil der Motorradfahrer ist bewaffnet. Sie fahren, wie sie wollen. Bei Verkehrsunfällen ist das beste ein schneller Vergleich, auch wenn der andere die Schuld hat. Motorradfahrer werden sofort von einer ganzen Horde Gleichgesinnter unterstützt, das kann gefährlich werden. Die Justiz ist korrupt, ein Rechtsstreit multipliziert die Probleme.“

POLIZEI UND SICHERHEIT

In ganz Venezuela fehlt es am Nötigsten. Viele versuchen ins Ausland zu fliehen.
In ganz Venezuela fehlt es am Nötigsten. Viele versuchen ins Ausland zu fliehen.
- AFP

„Bei einer Straßenkontrolle in der Nähe von Barinas wurde mein Schwiegersohn Olaf aus dem Autobus geholt, der Autobus fuhr ohne ihn weiter. Wohl aus Spaß, vielleicht weil er als Ausländer etwas holprig Spanisch sprach, es gab keinerlei Rechtfertigung dafür. Die Guardias banden ihn den ganzen Tag an einen Sessel. Einer drehte seine Pistole über den Finger und erklärte ihm: ‚wir wissen noch nicht, ob wir dich erschießen oder ins Gefängnis stecken werden.‘ Am Abend nahmen sie ihm alles Geld ab, ließen ihn frei und empfahlen ihm, im Süden über die grüne Grenze nach Kolumbien weiterzureisen. Das ist eine gefährliche Guerillazone. Das Haus meiner Tochter am Strand im Stadtgebiet von Cumaná wurde mehrmals beraubt. Nachdem sie eine Alarmanlage installiert hatte, wurde einfach ein Loch in die Mauer gebrochen.“

REISEPÄSSE

„Ein Reisepass kostet etwa ein monatliches Grundgehalt. Meine Enkel suchten vergangenen Jahr im Februar an und warten noch immer auf den Pass. Das ist eine Maßnahme gegen ‚Vaterlandsverräter‘, die emigrieren wollen oder im Ausland wohnen. Maduro kritisierte neulich, dass Drittländer Reisepässe fälschen würden. Der Hintergrund: Läuft der Pass eines im Ausland lebenden Venezolaners ab, so ist er ab sofort illegal in diesem Land und verliert gleichzeitig seine Arbeitsgenehmigung. Ganz Südamerika akzeptiert deshalb derzeit abgelaufene venezolanische Pässe. Die ‚Fälschung‘ besteht also in einem Visastempel in einem abgelaufenen Pass ...“

EINKOMMEN UND ERNÄHRUNG

„Die Situation der Gesundheitsversorgung ist weltweit durch dramatische Reportagen belegt. Bereits eliminierte Krankheiten breiten sich aus und greifen auf die Nachbarländer über. Säuglinge sterben wegen Unterernährung oder mangelnder Versorgung. Der monatliche Mindestlohn reicht derzeit für den Ankauf von einem Karton Eier (30 Stück) und einem Kilogramm Maismehl. Wie eine Arbeiterfamilie mit Kindern oder ein Pensionist mit Ausgaben für ärztliche Versorgung davon leben sollen, ist unerklärlich. Hinter diesen Zahlen verstecken sich Millionen menschlicher Tragödien. Die Geldüberweisungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland sind derzeit ebenso hoch wie die Einnahmen durch alle Exporte außerhalb des Erdölsektors.“

EMIGRATION

„Ärzte sind im Ausland gefragt, das jeweilige Land erspart sich ja die Ausbildung. Ebenso gibt es im industriellen Sektor ausländische Unternehmen, die gleich ganze Gruppen von Spezialisten anheuern. Aber die Mehrzahl der Emigranten erwartet ein hartes und karges Leben, auch wenn sie großzügig aufgenommen werden und ihre ärztliche Versorgung gesichert ist, wie etwa in Kolumbien. Viele lassen alles zurück oder verkaufen ihren bescheidenen Besitz. Beim Passieren der grünen Grenze, oft ohne Reisedokumente, werden sie immer wieder von kriminellen Banden oder Militärs beraubt.

Die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta ist von Venezolanern überschwemmt. Viele Emigranten überqueren im Fußmarsch die kalte östliche Andenkette und leben dabei von Almosen, schwangere Frauen erleiden dabei Fehlgeburten. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung sind bereits ausgewandert, dieser Strom ist im Zunehmen. Die ausländischen Sozialsysteme sind überfordert, manche lokalen Einwohner fühlen sich benachteiligt. Der Impakt in ganz Lateinamerika bis nach Chile und Argentinien ist enorm.“

PROTESTE UND MEDIENREPRESSION

„Im April gab es in Venezuela 1963 Protestveranstaltungen. Die Zahl der politischen Gefangenen ist auf über 800 angestiegen. Führende Politiker werden inhaftiert, politische Parteien ausgeschlossen. Auch Folterungen sind an der Tagesordnung. Unter dem früheren Präsidenten Hugo Chávez hatten 67 Zeitungen zugesperrt, es überlebten weniger als zwei Dutzend. Wenn Guaidó eine Rede hält, werden auch digitale Medien blockiert. CNN und kolumbianische Fernsehprogramme sind verboten, auch die ‚Deutsche Welle‘ wurde am 30. April verboten.“

MILITÄR

„Präsident Nicolás Maduro kann auch auf die Militärs nicht mehr voll vertrauen und setzt auf entschlossenere Partner: Paramilitärische und von der Regierung bewaffnete Banden (Colectivos) und die kolumbianische Guerrilla ELN. Letztere kontrolliert inzwischen im Grenzgebiet 39 Gemeinden in fünf verschiedenen Bundesstaaten und verteilt dort Lebensmittelpakete der Regierung mit ihrer eigenen Propaganda.“ (APA)




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