Letztes Update am So, 01.09.2019 13:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


80. Jahrestag

So begann der Zweite Weltkrieg: Bomben auf schlafende Kleinstadt

Zeitzeugen denken heute mit Grauen an den Überfall Nazi-Deutschlands auf die polnische Kleinstadt Wielun zurück. Mehr als Tausend Menschen starben durch das Bombardement, das den Beginn des Zweiten Weltkriegs markiert.

Blick auf Wielun am ersten Tag der Bombardements durch die deutsche Luftwaffe. Dieses Foto wurde von einem Flieger aus aufgenommen, der Urheber ist nicht bekannt.

© Unbekannt/WikipediaBlick auf Wielun am ersten Tag der Bombardements durch die deutsche Luftwaffe. Dieses Foto wurde von einem Flieger aus aufgenommen, der Urheber ist nicht bekannt.



Wielun – „Es war noch dunkel draußen. Ich wurde wach durch ein seltsames Geräusch, ein lautes Getöse, wie ich es vorher noch nie gehört hatte.“ Zofia Burchacinska erinnert sich ganz genau an jenen Tag vor 80 Jahren, als ihre Stadt von deutschen Kampfbombern in Schutt und Asche gelegt wurde.

„Plötzlich waren Risse in der Zimmerdecke und die Fensterscheiben zerbarsten,“ erzählt die 91-Jährige. Burchacinska war elf Jahre alt, als Bomben der deutschen Luftwaffe ihr Zuhause, die polnische Provinzstadt Wielun, zerstörten.

Zeitzeugin Zofia Burchacinska (91) erinnert sich genau an jenen Tag vor 80 Jahren, als ihre Stadt von deutschen Kampfbombern zerstört wurde.
Zeitzeugin Zofia Burchacinska (91) erinnert sich genau an jenen Tag vor 80 Jahren, als ihre Stadt von deutschen Kampfbombern zerstört wurde.
- AFP

Auf das schlafende, wehrlose Provinzstädtchen gingen am 1. September 1939 ab 04.40 Uhr deutsche Kriegsbomben nieder und töteten auch zahlreiche Kinder, Frauen und alte Menschen. Wie viele genau den Tod fanden, ist bis heute ungeklärt. Schätzungen gehen von mehr als tausend Opfern aus, unter ihnen viele Juden. Der aktuelle deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein polnischer Kollege Andrzej Duda gedachten am Sonntag in den frühen Morgenstunden in Wielun der vielen Opfer des Angriffs.

Am 80. Jahrestag erstmals große Gedenkzeremonie

In den Geschichtsbüchern lange vergessen, wird das tragische Schicksal der Kleinstadt östlich von Breslau, die damals rund 50 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt lag, in diesem Jahr erstmals mit einer großen Zeremonie am 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen gewürdigt. Denn die ersten deutschen Bomben, die den Beginn des Zweiten Weltkrieges bedeuteten, fielen auf Wielun – kurz vor dem deutschen Beschuss der Westerplatte vor Danzig.

Das Getöse, das die damals elfjährige Zofia Burchacinska bei dem Angriff hörte, kam von sogenannten „Jericho-Trompeten“, die an den deutschen Sturzkampfflugzeugen „Junkers Ju 87“ befestigt waren. Die ohrenbetäubenden Sirenen sollten die Opfer von Bombardierungen in Angst und Schrecken versetzen.

Eine Ehrengarde marschierte am Sonntag um 4.40 Uhr in Wielum auf. Hunderte Menschen haben sich trotz der frühen Stunde auf dem Marktplatz der polnischen Kleinstadt versammelt, manche mit Kerzen in der Hand.
Eine Ehrengarde marschierte am Sonntag um 4.40 Uhr in Wielum auf. Hunderte Menschen haben sich trotz der frühen Stunde auf dem Marktplatz der polnischen Kleinstadt versammelt, manche mit Kerzen in der Hand.
- AFP

Nazis zielten auf jüdische Bevölkerung Wieluns ab

Warum die deutsche Luftwaffe 1939 die militärisch unbedeutende Kleinstadt Wielun ins Visier nahm, war lange ein Rätsel. Der Historiker Tadeusz Olejnik vermutet, die Deutschen hätten möglicherweise auf die jüdische Bevölkerung Wieluns abgezielt. Mehr als ein Drittel der damals 16.000 Einwohner seien jüdischer Abstammung gewesen, sagt Olejnik. „Im Gegensatz zu anderen Städten Zentralpolens gab es hier keine deutsche Minderheit.“ Die überlebenden Juden wurden von den Nazis später in Ghettos gesperrt oder in Konzentrationslagern getötet.

Nach dem Krieg wurde Wielun wieder aufgebaut. Heute ist es ein schönes Städtchen mit gepflegten Parks und Straßen. Nur noch an den Ruinen einer Pfarrkirche sind die Spuren des Bombenangriffs von vor 80 Jahren zu erkennen. Die Stadt ist heute mit mehreren deutschen Orten freundschaftlich durch Städtepartnerschaften verbunden.

Zofia Burchacinska ist eine von etwa 20 noch lebenden Zeitzeugen des Bombenangriffs, die nach wie vor in Wielun leben. Sie selbst war erst Jahre später in ihr Zuhause zurückgekehrt: „Ich habe die Stadt nicht mehr wiedererkannt. Mein Vater musste mich an die Hand nehmen, um mich zur Schule zu führen. Es gab keinen Marktplatz mehr, keine Straßen.“ (APA/AFP)

Hitlers Überfall auf Polen

„Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 05.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“, verkündete Deutschlands NS-Diktator Adolf Hitler am Vormittag des 1. September 1939 in einer im Rundfunk übertragenen Rede.

Der Überfall auf Polen vor 80 Jahren mit dem anschließenden deutschen Einmarsch ohne vorherige Kriegserklärung war minuziös vorbereitet. Hitler begründete ihn um 10.00 Uhr in seiner Rede vor dem Reichstag mit fortgesetzten Grenzverletzungen und verkündete die Wiedereingliederung der „Freien Stadt Danzig“, nach dem Ersten Weltkrieg ein selbstständiger Freistaat unter dem Schutz des Völkerbunds, in das Deutsche Reich. Tatsächlich waren die Grenzzwischenfälle gründlich vorbereitete Aktionen der SS. Sie sollten den Einmarsch der Wehrmacht in Polen als berechtigte Verteidigungsmaßnahme begründen.

Von Anfang an war die Außenpolitik der Nationalsozialisten unter dem Zeichen der Revision des Versailler Friedensvertrages gestanden, der den unterlegenen Mittelmächten harte Friedensbedingungen mit Reparationsforderungen in astronomischer Höhe diktierte. Die Lage wurde durch die Weltwirtschaftskrise verschärft. Schon in seiner programmatischen Schrift „Mein Kampf“ hatte Hitler zudem die Eroberung von „Lebensraum im Osten“ zu seinem Ziel erklärt.


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