Letztes Update am Di, 17.09.2019 13:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Angriff auf Ölanlage

„Iran pokert hoch“: Presse zu Angriffen in Saudi-Arabien und US-Drohgebärden

Nach den Angriffen auf Ölanlagen in Saudi-Arabien sind nicht nur die Ölpreise betroffen, auch droht ein neuer militärischer Konflikt, der „die Region in Brand setzen würde“, wie eine Zeitung schreibt. Die internationale Presse versuchte am Dienstag, die Vorfälle einzuordnen.

Eine Luftaufnahme einer betroffenen Ölanlage in Saudi-Arabien.

© APA/AFP/PLANET LABS INC./HOEine Luftaufnahme einer betroffenen Ölanlage in Saudi-Arabien.



Sanaa – Internationale Pressekommentare befassen sich am Dienstag mit den Angriffen auf Ölanlagen in Saudi-Arabien.

Neue Zürcher Zeitung (Zürich):

„Der Luftangriff auf das Herz der saudischen Erdölindustrie hat den Hoffnungen auf eine Beruhigung der Lage am Golf einen jähen Schlag versetzt. Die angeblich mit bis zu zwanzig Drohnen oder Marschflugkörpern verübte Attacke geht weit über die militärischen Nadelstiche hinaus, die Iran oder proiranische Milizen in den vergangenen Monaten auf Tanker und Erdöleinrichtungen in der Region ausgeführt haben. (...) Sollte der Befehl zur Attacke vom Samstag auf die größte Erdölaufbereitungsanlage der Welt direkt aus Teheran gekommen sein, so wäre dies ein Wendepunkt, der Beginn eines direkten Krieges gegen den Erzrivalen am Golf. Eine solche Aggression könnten weder die Saudi noch die Amerikaner hinnehmen. Es müsste auch ein hinreichender Grund für den UN-Sicherheitsrat sein, neue Strafmaßnahmen gegen Iran zu beschliessen. Noch liegen die schlüssigen Beweise dafür aber nicht vor.“

Tages-Anzeiger (Zürich):

„US-Experten werden nun Tausende Satellitenaufnahmen und Berge von Daten auswerten. Aber ein Beweis, der sich der Weltöffentlichkeit überzeugend präsentieren ließe, wird sich wohl nicht so einfach finden lassen (zumal die Glaubwürdigkeit der Amerikaner in Sachen Beweisführung seit dem Krieg gegen Saddam Hussein schwer gelitten hat). Sollten die Iraner wirklich die Finger im Spiel haben, werden sie darauf geachtet haben, keine Spuren zu hinterlassen. (...) Sollte Teheran versucht haben, mithilfe der Huthis oder einer anderen Schiitenmiliz den USA Grenzen aufzuzeigen, wäre die Botschaft unmissverständlich: Die USA können angreifen, aber sie werden einen hohen Preis zahlen. Als Anführer einer Supermacht mit dieser Art von asymmetrischer Kriegsführung umzugehen, erfordert mehr taktisches Gespür, als man es einem Trump zutrauen kann.“

La Vanguardia (Barcelona):

„Das Schlimmste ist, dass die Attacken die große Verwundbarkeit der saudischen Ölanlagen bei Angriffen mit Sprengstoff-Drohnen offenbaren. Die Anlagen sind über das ganze Land verteilt, und Saudi-Arabien verfügt nicht über die geeigneten Mittel, um sich zu verteidigen (...) Eine Militärintervention der USA gegen den Iran, wie sie nun von (US-Präsident Donald) Trump erwogen wird, wäre allerdings ein Fehler mit unvorhersehbaren Folgen (...) Es ist wichtig, dass sich die Besonnenheit durchsetzt. In diesem Sinne wäre es sehr positiv, wenn das Treffen zwischen Trump und dem iranischen Präsidenten Hassan Rouhani wie ursprünglich geplant nächste Woche am Rande der UNO-Generalversammlung in New York stattfinden könnte. Zur Zeit ist die Spannung aber zum Zerreißen.“

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La Croix (Paris):

„Unter solchen Umständen möchte man, dass sich die Großmächte die Zeit nehmen, die Situation zu beurteilen, bevor sie jemanden in Grund und Boden verdammen. Leider haben die Vereinigten Staaten den Iran sofort für das Ereignis verantwortlich gemacht. Diese Anschuldigung ist nicht unplausibel. Teheran unterstützt die jemenitischen Houthis und verfügt über mächtige irakische Vermittler. Noch müssen Beweise gesammelt werden. Der Nahe Osten hat in den letzten zwei Jahrzehnten zu sehr unter den Folgen unbegründeter Anschuldigungen – über Massenvernichtungswaffen im Irak – gelitten, nur um eine Lösungsstrategie zu beschleunigen.“

De Tijd (Brüssel):

„Der Iran pokert hoch, indem er Saudi-Arabien und die USA provoziert. US-Präsident Donald Trump sollte darauf nicht zu impulsiv reagieren. Mit einem Militärschlag würde er Öl ins Feuer gießen und eine Eskalation auslösen, die die ganze Region in Brand setzen würde. Angesichts der Bedeutung dieser Region für die globale Ölversorgung könnte sich das als Bumerang für die Wirtschaft der USA und anderer Länder erweisen. Bevor Trump das Signal für den Angriff gibt, sollte er das bedenken.“

De Telegraaf (Amsterdam):

„Während US-Präsident Donald Trump vorsichtig eine Annäherung an den Iran zu suchen schien, ist die Krise nun eskaliert. Die vom Iran unterstützten Rebellen im Jemen haben zwar die Verantwortung übernommen, aber die Saudis erklären, dass der Angriff nicht aus dem Jemen kam und mit iranischen Waffen ausgeführt wurde. Auch amerikanische Autoritäten – allen voran Außenminister Mike Pompeo – beschuldigten den Iran. Konkrete Beweise wurden noch nicht vorgelegt, und der Iran dementiert jedwede Beteiligung an diesem mit hochentwickelten Mitteln ausgeführten Angriff. Derweil warnt die EU vor überhasteten Schlussfolgerungen. Doch wenn überzeugende Beweise auf den Tisch kommen sollten, dass Teheran für diese gefährliche Eskalation verantwortlich ist, kann dies nicht ohne Folgen für die nachsichtige europäische Haltung gegenüber dem Iran bleiben.“

Financial Times (London):

„Die Konfrontation zwischen den USA und dem Iran droht außer Kontrolle zu geraten. Sollten die Angriffe auf saudi-arabische Ölanlagen am Wochenende von Stellvertretern des Iran ausgeführt worden sein, wäre dies eine waghalsige Eskalation sowohl des Widerstandes Teherans gegen den Druck der USA als auch seines Kampfes um Vorherrschaft mit seinem größten Rivalen in der Region. Zudem hat der Vorfall die Verwundbarkeit der Ölindustrie Saudi-Arabiens trotz seiner enormen Militärausgaben offenbart. Und er zeigt den Einfluss, den das Königreich trotz des Schieferöl-Booms in den USA noch immer auf den globalen Rohölpreis hat. Der Druck auf US-Präsident Donald Trump, Vergeltung zu üben, mag unwiderstehlich sein. Klüger, wenngleich schwieriger wäre es, nach Wegen zur Deeskalation der Situation zu suchen.“

Dagens Nyheter (Stockholm):

„Obwohl das Atomabkommen nie perfekt war, war es besser als nichts. Die saudische Diktatur ist mindestens ein ebenso brutaler Unterdrücker von Menschenrechten und bombardiert schonungslos Zivilisten und Kinder in Jemen. Die Trump-Administration nimmt einseitig Partei und vermittelt mit Freude Waffengeschäfte, auch wenn der Kongress versucht, sich dagegen zu stemmen. Die westliche Welt hat keinen Grund, sich mit Diktatoren im Nahen Osten anzufreunden. Andererseits gibt es gute Gründe, mit diplomatischen Instrumenten den Brand zumindest unter Kontrolle zu halten und möglicherweise Vertrauen aufzubauen. Der Umgang mit dem Atomabkommen ist ein Beispiel für das Gegenteil.“

Stuttgarter Zeitung (Stuttgart):

„Offenkundig braucht die Führung der USA Zeit, um diesen Schock zu verdauen. Womöglich hat sie erkannt, dass ihre Strategie des maximalen Drucks auf den Iran, um ihn in die Knie zu zwingen, ohne Krieg zu riskieren, gescheitert ist.“

Augsburger Allgemeine (Augsburg):

„Die (jemenitischen) Rebellen werden vom Iran unterstützt, bei Saudi-Arabien muss immer der mächtige Verbündete USA mitgedacht werden. Die Angriffe drohen somit, den Atomstreit zwischen den USA und dem Iran zu befeuern. US-Präsident Donald Trump setzt das islamische Regime massiv unter Druck. Er glaubt nicht daran, dass der Iran freiwillig auf nukleare Aufrüstung verzichtet. Im Juni war schon einmal die Rede von möglichen US-Schlägen gegen den Iran. Die Folgen wären unkalkulierbar. Verschärfend kommt hinzu, dass der Angriff Saudi-Arabien an seiner empfindlichsten Stelle trifft: Das Land bestreitet rund 80 Prozent seiner Exporte mit Öl und petrochemischen Produkten. Die Nervosität in der Konfliktregion dürfte damit noch weiter steigen.“

Dziennik (Warschau):

„Donald Trump hatte nie Geduld mit dem Nahen Osten. Da die Region jedoch nicht zu den stabilsten zählt, wollte er, dass im Namen der USA dort jemand für Ordnung sorgt. Und zwar Saudi-Arabien. Den Iran ließ der US-Präsident für sich selbst, die Prinzen aus Riad sollten den Rest im Auge behalten, darunter auch den Jemen. Die Luftangriffe vom Wochenende auf die saudi-arabischen Ölanlagen zeigen, dass sich diese Politik nicht bewährt hat.

Die Nahost-Politik des US-Präsidenten ist nicht konsequent. (...) Mal möchte das Weiße Hause mit dem Iran reden, mal nicht. Mal zieht es die Schrauben an, mal unterstützt es eine Lösung, die sie wieder lockert. Und wartet, bis die Sanktionen den Iran so hart treffen, dass er von selbst an den Verhandlungstisch kommt. Aber Teheran verteidigt sich. Das macht den Persischen Golf noch instabiler als zuvor. Und die Konsequenz werden wir bald alle zu spüren bekommen – an der Zapfsäule der Tankstelle.“