Letztes Update am So, 13.10.2019 20:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Syrien

Türkische Armee nimmt syrische Grenzstadt ein, Damaskus schickt Truppen

Mit Tall Abyad wurde die erste große Stadt seit Beginn der türkischen Offensive erobert. Bei einem Luftangriff auf einen Konvoi wurden in Ras al-Ain zehn Zivilisten und Journalisten getötet. Damaskus schickt nun Truppen in den Norden. Erdogan zeigt sich von den Embargos bisher unbeeindruckt.

Zahlreiche Zivilisten flüchteten bereits aus Tall Abyad.

© AFPZahlreiche Zivilisten flüchteten bereits aus Tall Abyad.



Tall Abyad, Damaskus – Als Reaktion auf die türkische Offensive in Nordsyrien entsendet die syrische Armee nach Angaben der Staatsmedien Truppen in das Gebiet. Die Armee werde sich der türkischen „Aggression“ entgegenstellen, meldete die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA am Sonntag. Nähere Details zu der Mobilmachung wurden zunächst nicht genannt.

Bisher waren syrische Regierungstruppen in bestimmten kurdischen Gebieten stationiert, um eine türkische Offensive zu verhindern. Ein Kurdenvertreter, der anonym bleiben wollte, berichtete derweil von „Verhandlungen“ zwischen der Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion und der syrischen Regierung.

Die Türkei hatte am Mittwoch mit ihrer Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien begonnen und treibt sie seitdem ungeachtet internationaler Kritik voran. Die Türkei will entlang der Landesgrenze auf syrischem Gebiet eine 30 Kilometer tiefe Sicherheitszone errichten und verlangt den Abzug der Kurden-Miliz aus dem Gebiet.

Nach Angaben eines hochrangigen kurdischen Politikers fanden auf einem russischen Militärstützpunkt Gespräche zwischen Vertretern der von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) und der syrischen Regierung statt. Ahmed Suleiman, ein hochrangiges Mitglied der Kurdischen Demokratisch-Progressiven Partei Syriens erklärte gegenüber Reuters, er hoffe das die Gespräche in Latakia zu einem Deal führen könnten, um die türkische Offensive zu stoppen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Ein Sprecher der SDF, Mustafa Bali, erklärte, seit Beginn der türkischen Invasion erwäge man alle Optionen, um „unserem Volk ethnische Säuberungen zu ersparen“. Sonst wollte er keinen Kommentar abgeben.

Merkel und Macron fordern Ende der Offensive von Türkei

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verlangten unterdessen von der Türkei ein sofortiges Ende der Militäroffensive in Syrien. Die humanitären Folgen der Offensive seien „gravierend“ und es bestehe die Gefahr, dass die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) wieder erstarke, sagte Merkel am Sonntagabend vor einem Arbeitsessen mit Macron im Elysée-Palast.

Die Offensive schaffe eine „unhaltbare humanitäre Situation“, sagte auch Macron. Deutschland und Frankreich würden sich für eine „gemeinsame europäische Antwort“ einsetzen. Über das Thema beraten am Montag die Außenminister der EU-Staaten. Auch beim EU-Gipfel ab Donnerstag dürfte die türkische Offensive Thema sein.

Macron kündigte „weitere Initiativen in den kommenden Stunden und Tagen“ an. Nach dem Treffen mit Merkel wollte er nach Angaben aus seinem Umfeld am Sonntagabend mit dem Verteidigungsrat in Paris zusammenkommen. Daran nehmen unter anderem Premierminister Edouard Philippe, Verteidigungsministerin Florence Parly und Außenminister Jean-Yves Le Drian teil.

US-Finanzminister Steven Mnuchin erklärte am Sonntag in einem Interview des TV-Senders ABC zu möglichen Sanktionen der USA gegen die Türkei wegen der Militäroffensive in Syrien: „Das ist nicht Russland, das die Kurden angreift. Das ist ein NATO-Partner. Und noch mal: Wir haben sie gewarnt. Der Präsident hat mich ermächtigt, die gesamte türkische Wirtschaft wirksam stillzulegen, und wir können das von einem Moment auf den anderen auf seinen Befehl hin tun.“

Grenzstadt von Türkei eingenommen, zehn Todesopfer

Die türkische Armee und ihre syrischen Verbündeten hatten am Sonntag nach Angaben von Aktivisten die Grenzstadt Tall Abyad von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten erobert. Es sei die größte Stadt, die sie seit Beginn der Offensive am Mittwoch eingenommen hätten, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete die Einnahme des Stadtzentrums.

Mit der Einnahme von Tall Abyad richtete sich der Fokus der Offensive nun auf die Grenzstadt Ras al-Ain weiter östlich. Die beiden Städte, die unmittelbar südlich der Grenze zur Türkei liegen, sind die Hauptziele der seit Mittwoch laufenden Militäroffensive. Das türkische Verteidigungsministerium teilte derweil mit, auch die wichtige Überlandstraße M-4 sei unter Kontrolle der türkischen Armee. Sie liegt rund 30 Kilometer südlich der Grenze.

Am Sonntagnachmittag wurden zehn Todesopfer bei einem türkischen Luftangriff auf einen Konvoi mit Zivilisten und ausländischen Journalisten in Ras al-Ain gemeldet. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, sei die Zahl der zivilen Opfer der türkischen Offensive am Sonntag auf mindestens 26 gestiegen.

Erdogan von Sanktionen unbeeindruckt

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigte sich unterdessen unbeeindruckt von Sanktionen als Reaktion auf den Vormarsch seiner Truppen in Nordsyrien. Wer glaube, die Türkei werde wegen Wirtschaftssanktionen oder Waffenembargos von ihrem Weg abweichen, irre sich, sagte Erdogan am Sonntag. Er habe auch mit Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel über das Thema gesprochen.

Erdogan betonte, dass die Türkei ein NATO-Partner sei, die Kurdenmiliz YPG, gegen die sich die türkische Militäroffensive in Nordsyrien richtet, sei dagegen eine „Terrororganisation“. An den Westen gerichtete sagte er: „Seid Ihr auf unserer Seite oder auf der Seite der Terrororganisation?“

Die deutsche Bundesregierung hatte zuvor als Reaktion auf den türkischen Einmarsch in Nordsyrien teilweise Rüstungsexporte an den NATO-Partner gestoppt. Frankreich schränkte ebenfalls Rüstungslieferungen in die Türkei ein. Am Freitag hatten die USA Sanktionen gegen die Türkei wegen des Militäreinsatzes vorbereitet. Daraufhin hatte Erdogan deutlich gemacht, dass er die Militäroffensive trotz „Drohungen“ fortsetzen wolle.

Trump ordnet Rückzug weiterer US-Soldaten an

Inmitten der Militäroffensive der Türkei ordnete US-Präsident Donald Trump den Rückzug weiterer US-Soldaten aus Nordsyrien an. Es bestehe die Gefahr, dass die USA zwischen zwei sich gegenüberstehenden Armeen gerieten, die in Nordsyrien vorrückten, sagte US-Verteidigungsminister Mark T. Esper am Sonntag dem US-Sender CBS. Das sei eine „sehr unhaltbare“ Situation.

Esper habe deshalb mit Trump gesprochen, der angeordnet habe, dass mit einem Rückzug von Kräften aus Nordsyrien begonnen werde. Die US-Regierung wolle sicherstellen, dass keine US-Soldaten verletzt oder getötet würden, sagte Esper. Im Nordosten Syriens befanden sich zuletzt rund 1000 US-Soldaten.

Aus dem unmittelbaren Gebiet der türkischen Offensive, die seit Mittwoch läuft, hatten die USA vergangene Woche rund 50 Soldaten abgezogen. Die Entscheidung wurde von Kritikern als grünes Licht für Erdogan für den Einsatz gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien gewertet. Trump hatte für die Entscheidung scharfe Kritik auch aus seinen eigenen Reihen kassiert.

Im vergangenen Dezember hatte Trump angekündigt, alle 2000 US-Soldaten aus Syrien abzuziehen - mit der Begründung, der IS sei dort bezwungen. Einige Hundert Soldaten sollten aber schließlich als „Friedenssicherungstruppe“ bleiben. (APA/AFP/dpa/Reuters)