Letztes Update am Mi, 02.10.2013 06:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Konflikt in Syrien

Syrien-Flüchtlinge in Jordanien: Neue Camps werden errichtet

Die Mehrzahl der 1,2 Millionen Ankömmlinge sind in den Städten verstreut. 241.000 Kinderflüchtlinge sind gefährdet.

© REUTERSDas Saatari-Flüchtlingslager in Jordanien wuchs in nur einem Jahr zum zweitgrößten Lager der Welt an.



Amman/Damaskus – Jeden Monat strömen Tausende syrische Flüchtlinge ins Nachbarland Jordanien, das weniger Einwohner als Österreich hat. Obwohl der Höchststand von 70.000 Flüchtlingen monatlich jüngst nicht mehr erreicht wird, ist kaum an ein Abflauen der Flüchtlingsbewegung ins Haschemiten-Königreich zu glauben. Weil rund drei Viertel der rund 1,2 Millionen Syrien-Flüchtlinge übers Land verstreut ist, soll nun ein neues großes Camp eröffnet werden.

Das Camp Zaatari 80 Kilometer nordöstlich von Amman ist gemessen an der Zahl der Bewohner die fünftgrößte „Stadt“ Jordaniens, nach der Stadt Al-Rusayfah mit 230.000 Bewohnern. Der Verwaltungschef für die Syrien-Lager, General Wadah Hmoud, wird mit den Worten zitiert, dass nur 128.000 der rund 1,2 Millionen Syrien-Flüchtlinge in Camps untergebracht sind. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR spricht von 137.000. Das Lager Mreijeb Al Fhoud im Osten der Hauptstadt hat lediglich eine Kapazität von 6000, schreibt die „JordanTimes“. Derzeit wird ein drittes Flüchtlingslager, Mkheizen Al Gharbieh, unweit der ostjordanischen Stadt Azraq errichtet; der Betrieb soll Ende Oktober aufgenommen werden. Zunächst ist es für 50.000 Flüchtlinge ausgelegt, im Bedarfsfall könnte es für 150.000 erweitert werden.

Drei Viertel der syrischen Flüchtlinge sind nicht in Lagern. 30 Prozent davon halten sich in Amman auf, 45 Prozent im Norden Jordaniens. Außenminister Nasser Judeh geht davon aus, dass Mitte 2014 die syrischen Flüchtlinge 40 Prozent der jordanischen Gesamtbevölkerung von derzeit 6,8 Millionen ausmachen werden, sollte der Konflikt im nördlichen Nachbarland bis dahin nicht gelöst sein. Man denke daran, dass seit dem Nahost-Konflikt von 1967 die Hälfte der jordanischen Bürger Palästinenser sind.

Die UNO hat alle Hände voll zu tun, um das Land östlich des Jordan, mit 89.000 Quadratkilometern nur wenig größer als Österreich, über Wasser zu halten. Buchstäblich – denn auch König Abdullah wies in seiner Rede in New York jüngst darauf hin, dass sein Staat zu den vier wasserärmsten der Welt zählt. Laut dem UNICEF-Regionalsprecher halten sich in Jordanien 241.000 Flüchtlingskinder auf, 60.000 davon in Zaatari. Im Camp wurden zwei Schulen für 12.000 Kinder eingerichtet. Die Migrationsorganisation IOM startete Ausbildungskurse, um Jugendlichen die „Überlebens-Prostitution“ zu ersparen und die Kinderarbeit zu verringern. 30.000 kleine Syrer arbeiten, statt in die Schule zu gehen.

„Jordanien leidet an der Syrien-Krise“, beleuchtet ein Helfer die Dinge aus der Perspektive des „Gastlandes“. Die Schattenseiten der anhaltenden Flüchtlingswelle sind nicht zu leugnen. Die Wirtschaft ist enorm belastet. Es gebe Spannungen mit der lokalen Bevölkerung. Die vergleichsweise hohen Lebenshaltungskosten machen den Neuankömmlingen zu schaffen. Daher ziehen viele syrische Familien aus den nördlichen Gebieten weiter in den Süden Jordaniens, um dort billigere Unterkünfte zu finden. Auch Eheschließungen zwischen Jordaniern und Syrern häuften sich.

In den Lagern lauern Gefahren. Die jordanischen Behörden haben wiederholt große Mengen an Waffen beschlagnahmt und zahlreiche Waffenschmuggelaktionen vereitelt, heißt es in einem UNO-Bericht. Teilweise ist, trotz des Einsatzes jordanischer Sicherheitskräfte, von einer „gesetzlosen Situation“ die Rede. Frauen seien nicht sicher, Teenager würden als Soldaten rekrutiert. Wie in Europa und Nordafrika sei in den Lagern Jordaniens und des Libanon ein Trend erkennbar, Jugendliche mit ungewisser Zukunft zum Kämpfen auf Seiten islamistischer Rebellen in Syrien zu verführen.

Jordanische Medien berichteten kürzlich über die Vergewaltigung von Mädchen in den Lagern. Im zuletzt bekannt gewordenen Fall im Lager Zaatari missbrauchten drei syrische Insassen ein 14-jähriges Mädchen. General Hmoud listete zehn seit 2011 registrierte Vergewaltigungen von Minderjährigen in Camps auf.

Die oppositionelle Syrische Koalition (SNC) hat laut UNO-Bericht eine starke Präsenz in Zaatari. Auch verfügt sie über inoffizielle Büros in Amman und in Irbid. Aktivisten untermauerten unterdessen die Vermutung, dass der Flüchtlingsstrom in Richtung Jordanien zuletzt nur wegen Kämpfen im Grenzbereich abgeflaut sei. Die oppositionelle „Freie Syrische Armee“ berichtete von 30 Toten in Dörfern an der syrisch-jordanischen Grenze. Tausende flüchtende Syrer säßen daher in der Falle. (APA)