Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 22.05.2015


Exklusiv

Ruf nach einer Schule für alle

Letzte Woche die Eltern, diese Woche die Volksschullehrer: Alle klagen über den Notendruck und fordern von der Politik Abhilfe.

© jakob-gruber.at(Symbolfoto)



Innsbruck – Glückwünsche von anderen Direktorinnen sind gestern bei der Volksschule Mariahilf in Innsbruck eingetrudelt. Sie galten dem Vorstoß des dortigen Lehrerkollegiums, das über den zunehmenden Druck der Eltern auf die Lehrer berichtete. Ziel der Interventionen sei, die Schüler besser, als sie es eigentlich verdienten, zu benoten. Hauptsache Gymnasium laute die Devise bei immer mehr Eltern. Oft würden Einser vergeben, um sich, dem Kind und den Eltern Unannehmlichkeiten zu ersparen, meinten die Volksschullehrerinnen. Ein Verhalten, das sich auch an der Statistik ablesen lässt. Ist ein Gymnasium in der Nähe, ist der Notendurchschnitt ein besserer.

VP-Bildungslandesrätin Beate Palfrader will Aufnahmetests an Gymnasien. Außerdem forcieren sie und Landeshauptmann Günther Platter die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.

An einer solchen führt auch für die SPÖ kein Weg vorbei. „Was auf der Fassade des jeweiligen Schulgebäudes dann steht, Gymnasium, Neue Mittelschule oder gemeinsame Schule, ist völlig irrelevant“, meint SP-Bildungssprecher Thomas Pupp. Es gehe darum, für Chancengerechtigkeit zu sorgen und alle Kinder zu unterstützen. Pupp verweist auf Südtirol. „Dort gibt es weder eine AHS-Unterstufe noch eine Sonderschule.“ Schulen mit Schwerpunktsetzung schweben Impuls-Bildungssprecherin Maria Zwölfer vor. Sie war selbst Lehrerin. „Noten sind kein Gradmesser mehr für Leistung. Das bringt verheerende Folgen, weil nach unten nivelliert wird“, warnt sie. Es könne nicht angehen, dass die Beurteilungskompetenz der Lehrer von jedem in jedem Fall angezweifelt werden könne. „Ein Einspruchsrecht haben Eltern nur bei einem Nicht genügend.“ Es brauche eine Potenzialanalyse am Ende der Volksschule, um den Notendruck zu entschärfen. „Es kann nicht sein, dass Eltern Lehrer in die Mangel nehmen, um bessere Noten für ihr Kind zu erzwingen.“

Das Zuschieben des schwarzen Peters zwischen Eltern und Lehrern bringe niemandem etwas, meint Liste-Fritz-Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider. „Die Schul- und Bildungspolitik der ÖVP ist gescheitert.“ Tirol habe „miserable Maturantenquoten“ und sei österreichweit das Schlusslicht. „Ich halte den künstlich erzeugten Einser-Wahnsinn für ungerecht und überholt.“

Die Nachhilfekosten hat die FPÖ im Auge. Nationalrat Gerald Hauser will die Schulpläne entrümpeln. „Offensichtlich ist an den Schulen zu wenig Zeit zum Üben.“ In Tirol werden pro Jahr acht Millionen Euro für Nachhilfe ausgegeben. (aheu)