Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.06.2015


Exklusiv

Ausbildung von Assistenzhunden: Öffentliche Hand zahlt nichts

In Tirol wird der erste Assistenzhund Österreichs für ein Missbrauchsopfer ausgebildet. Von der öffentlichen Hand gibt es dafür kein Geld. Auch Diabetiker, Rollstuhlfahrer und Epileptiker müssen für die teure Ausbildung von Assistenzhunden selbst aufkommen.

© Ylvi muss lernen, für K. in allen Situationen eine Hilfe zu sein: Hundetrainerin Alexandra Schweiger bildet für das Tiroler Missbrauchsopfer K. die junge Hündin zum Assistenzhund aus. Foto: Hammerle



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Die einjährige Labrador-Retriever-Hündin Ylvi hat große Aufgaben zu meistern: Sie muss dafür sorgen, dass K. nicht von schwersten Alpträumen geplagt wird, in der Stadt eine Panik­attacke erleidet oder ihr­e Medikamente vergisst. Für die Tirolerin, die bis zu ihrem 21. Lebensjahr von zwei Familienmitgliedern sexuell missbraucht wurde, ist Ylvi wie ein Lotto­sechser. „Erst seit ich Ylvi habe, traue ich mich wieder hinauszugehen. Allein die Tatsache, dass sie im Ernstfall da ist, beruhigt mich“, sagt die junge Frau, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

Ylvi blockt Menschen ab, die zu nah an K. herankommen, sie holt sie mit sanftem Anknuffen oder Kuscheln aus ihren Alpträumen, schaltet Licht ein und beruhigt K. bereits bei geringsten körperlichen Warnsignalen. Noch steht Ylvi am Anfang ihrer Assistenzhundeausbildung, aber bereits jetzt ist für das Missbrauchsopfer das Leben wieder um einiges lebenswerter geworden, kann auch Ylvi-Trainerin Alexandr­a Schweiger bestätigen. „Die Situationen, in denen K. in eine Panikattacke zu fallen droht, sind einfach durch die Anwesenheit des Hundes, der Sicherheit gibt, weniger geworden. Zudem ist Ylvi ein Motivator und bringt Struktur in den Alltag rein, weil K. sie regelmäßig füttern und Gassi gehen muss“, sagt Schweiger.

Für Menschen, die mit Hunden wenig zu tun haben, ist es kaum vorstellbar, dass Ylvi die kleinst­e Veränderung bei K. „riecht“ und wahrnimmt. „Wenn ich Angst oder Stress bekomme, zieht Ylv­i für mich sozusagen die Reißleine, weil ich selbst oft nicht früh genug erkenne, wann mir etwas zu viel ist“, so das Missbrauchsopfer. Dass Ylvi im richtigen Moment das Richtige tut, muss hart erarbeitet werden. „Für die Ausbildung eines Assistenzhundes, die den individuellen Bedürfnissen angepasst werden muss, rechnet man im Fall von Ylvi mit etwa zwei Jahren. Da kann man von Kosten von rund 12.000 Euro ausgehen“, weiß Schweiger, die Psychologie studiert hat und zertifizierte Rütter’s D.O.G.S.-Hundetrainerin ist. Dass Ylvi zum ersten Assistenzhund Österreichs ausgebildet wird, der einem Menschen mit psychischen Problemen zur Seite steht, ist für Hundetrainerin und Missbrauchsopfer eine groß­e, aber schöne Herausforderung. Deshalb hat sich Schweiger auch dazu entschlossen, derzeit unentgeltlich für K. und Ylvi da zu sein. „Ich mache das, weil das Finanzielle K. zu sehr belastet hätte.“ Ylvis Ausbildung kann daher nur über Spenden finanziert werden, Geld von der öffentlichen Hand gibt es keines.

Ein Manko, das selbst im Sozialministerium wahrgenommen wird. „In der Novelle zum Bundesbehindertengesetz, die im Jänner 2015 in Kraft getreten ist, wurde zwar der Assistenzhundebegriff erweitert, aber trotzdem ist es bei der alten Regelung geblieben, dass nur die Ausbildung von Blindenführhunden gefördert wird. Wir sind hier erst am Anfang, aber es ist gut, dass mit der Novelle der erste Schritt zu weiteren Möglichkeiten gesetzt wurde“, sagt Waltraud Palank-­Ennsmann. Wie groß der Bedarf wär­e, zeigen die Anfragen nach Übernahme der Ausbildungskosten. „Wir bekommen Unterstützungsanfragen für Assistenzhunde für Diabetiker, Epileptiker, Rollstuhlfahrer und Autisten“, so Palank-­Ennsmann.