Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.07.2015


Exklusiv

Milchpreis im Keller: „Es geht bereits um die Existenz“

Stimmung bei den Bauern ist am Siedepunkt. Gegenüber Juli 2014 erhalten sie um zehn Cent weniger pro Kilogramm. Hechenberger fordert Milchgipfel.

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© thomas boehm



Von Peter Nindler

Innsbruck – Es brodelt wieder einmal in der heimischen Landwirtschaft. Selbst der Obmann der zur Berglandmilch gehörenden Tirol Milch spricht von „einer existenziellen Bedrohung“. Für Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger ist bei einem Erzeugerpreis von 30 Cent pro Liter Milch die flächendeckende Landwirtschaft in Gefahr. Agrarreferent und ÖVP-Bauernbundobmann LHStv. Josef Geisler hofft zwar, dass die Talsohle erreicht sei, „doch vor allem die Agrarmarkt Austria muss mit verstärktem Marketing für heimische Qualitätsprodukte die Abwärtsspirale dämpfen“.

Die Zahlen sprechen für sich. Beim Milchpreis wurden die 5200 Tiroler Bauern, die jährlich rund 360 Millionen Kilogramm Milch produzieren, ins Jahr 2009 zurückgeworfen. Am 1. Juli hat die Berglandmilch den Nettopreis um 1,5 auf 30 Cent gesenkt. Im Juli den Vorjahres lag er um etwa zehn Cent höher. Im Jahresdurchschnitt 2014 lukrierten die Milchbauern 41 Cent.

Doch nicht das Ende der Milchquote ist für den Preisverfall verantwortlich, vielmehr die Debatte darüber. „Die Handelsketten haben die Diskussion ausgenützt und die Preise gedrückt“, übt Bauernkammerpräsident Josef Hechenberger harsche Kritik. Ausgehend von den Preisabschlüssen der Großen in Deutschland hätten die österreichischen Handelsketten nachgezogen. „Und die Verarbeitungsbetriebe in Österreich haben aus Sorge um zu volle Tanks um jeden Preis abgeschlossen.“

Für die Bauern gebe es derzeit nichts mehr zu verdienen, malt Hechenberger ein Zustandsbild. „Es muss etwas passieren, lange geht es nicht mehr so weiter.“ Hechenberger fordert einen Milchgipfel von Politik, Landwirtschaftskammer, Molkereien und den Handelsketten. „Unter solchen finanziellen Rahmenbedingungen kann ich mir nicht vorstellen, dass eine breit aufgestellte Milchwirtschaft in Tirol langfristig überleben kann.“

Prognosen möchte Stefan Lindner von der Tirol Milch keine abgeben. „Keiner weiß, wie die Märkte reagieren. Eines steht jedenfalls fest: Der Preis ist an der Grenze, für die Bauern wird es zu einer existenziellen Frage.“ Die weitere Entwicklung lasse sich nicht abschätzen. Es werde auch nicht mehr Milch produziert, das Aus der Milchquote sei nur indirekt für den Preisverfall verantwortlich. Gleichzeitig wirke sich auch der schwache Absatz in China und das Importverbot in Russland negativ aus.

Im Vergleich zum Vorjahr ging die Milchproduktion, auch wegen der Zusatzabgaben für zu viel gelieferter Milch von Jänner bis Mai um 1,1 Prozent zurück. „Eine Steigerung der Milchanlieferung erwarte ich bei diesen Preisen keine“, betont Stefan Lindner.

Im Vergleich zur konventionellen Milch hält der Biosektor den Preis. Dort wird für einen Liter Milch durchschnittlich 40,7 Cent bezahlt. Auch die Heumilch spielt in dieser Liga mit. Agrarreferent Josef Geisler sieht in den Spezialprodukten eine Chance für die Bauern. „Aber generell muss die Vermarkung der Milchprodukte besser werden. Die Verantwortlichen sollten sich richtig ins Zeug legen.“ Die Stimmung unter den Bauern sei derzeit nicht gut, gibt Geisler offen zu.

Unter Druck kommt letztlich auch die Tirol Milch. Im Raum Axams und Kematen gibt es Bestrebungen, wie die Wipptaler Bauern künftig auch in den Milchhof nach Sterzing zu liefern. Im hinteren Zillertal gibt es ebenfalls Bestrebungen den Pachtvertrag im Juni 2016 mit der Tirol Milch zu kündigen. Es geht ums Geld und ums Einkommen der Bauern. Die Milch ist ein zentraler Eckpfeiler der agrarischen Wertschöpfung.