Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.09.2015


Exklusiv

Land bastelt an Bettenplan für sechs Tiroler Spitäler

Patienten sollen, wenn nicht nötig, nicht über Nacht im Spital bleiben. Tagesklinik soll ausgebaut, stationäre Betten sollen verschoben werden.

© thomas boehmWo steht welches Großgerät, welches Spital bietet welche Leistungen an? Das wird derzeit gerade ausgetüftelt und verhandelt.Foto: Mühlanger



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Nicht jedes Spital soll alles anbieten, es gehörten Schwerpunkte gesetzt und die Spitalsambulanzen entlastet. Diese Ziele sind für das Tiroler Gesundheitswesen formuliert. Das Papier hat es in sich. Die Änderungen spüren auch die Patienten.

Wo welche Schwerpunkte gesetzt werden, lässt Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) offen. Mit den Spitalsleitungen in Kufstein und in St. Johann seien die Gespräche bereits abgeschlossen, meint er. Ein Aufschrei aus den beiden Häusern ist bisher ausgeblieben. Happiger könnte es in Schwaz und Hall werden. Die beiden Häuser liegen eng beieinander und sind noch dazu nah bei Innsbruck. Unfall- und Geburtenstationen stehen auf dem Prüfstand. Bestätigen will das Tilg noch nicht. Die Gespräche mit allen Tiroler Spitälern sollen bis Ende der ersten Jahreshälfte 2016 dauern. Wenig zu befürchten hat Zams, es soll nicht zuletzt aufgrund seiner Lage aufgestockt werden. Ähnliches gilt für Reutte und Lienz.

Die vielen offenen Baustellen im Tiroler Gesundheitswesen

Zielsteuerung: Bund, Länder und Sozialversicherungen haben sich auf eine Reform des österreichischen Gesundheitswesens geeinigt. Die Ziele gibt auf Bundesebene eine Steuerungskommission vor, selbiges passiert auf Landesebene.

Ziel: Das Bettenangebot in den Spitälern soll innerhalb des Landes und mit jenen in anderen Bundesländern abgestimmt sein. Die Spitalsambulanzen sollen entlastet werden. In Primärversorgungszentren sollen Patienten behandelt werden.

Tirol: Die tirol kliniken fuhren 2014 ein Minus von 28,9 Millionen Euro ein. 1,15 Millionen Patienten besuchten in Innsbruck eine Spitalsambulanz. Diese Zahl möge sich aus Kostengründen halbieren, wünscht sich die Spitalsleitung.

Patienten verschieben: Im niedergelassenen Bereich würden Wahl- und Kassenärzte fehlen. Verhandlungen zwischen Sozialversicherung, Land und Ärzten hätten noch nicht stattgefunden.

Ärztegehälter: Ärzte fordern eine Erhöhung ihrer Grundgehälter, Pflege und Verwaltungspersonal wollen mehr Gehalt. Seit Monaten wird verhandelt. Ohne Ergebnis.

Von einer Kürzung der Spitalsbetten mag Gesundheitslandesrat Tilg nicht sprechen. Der tagesklinische Bereich in den Spitälern soll forciert, die Betten dorthin verschoben werden. „Damit soll zum einen eine Entlastung der stationären Versorgung erreicht werden, zum anderen liegt es vielfach auch im Sinne der PatientInnen, wenn sie medizinisch nicht unbedingt notwendige Übernachtungen im Spital vermeiden können.“ Die Verweildauer der Patienten im Spital ist allerdings in den letzten Jahren ohnehin stetig gesunken. In Österreich beträgt sie 5,9 Tage, in Deutschland 8,6 Tage.

Das Verschieben der Betten ist eines, das Verschieben der Leistungen vom Spital zu den Ärzten im niedergelassenen Bereich etwas anderes. Es gebe zu wenig Kassen- und auch Wahlärzte, warnt die Ärztekammer. „Patienten werden von den Spitälern bereits umgeleitet, ohne dass sich im niedergelassenen Bereich dementsprechend etwas getan hätte“, warnt der Direktor der Ärztekammer, Günter Atzl. Lange Wartezeiten für Patienten seien die Folge. „Das wird sich verschärfen.“

Die Tiroler Gebietskrankenkasse tue sich zunehmend schwer, Ärzte zu finden. „Für die kleinen Kassen, die den Ärzten bessere Honorare zahlen, geht es noch, sonst spießt es sich“, meint Atzl. Sieben Stellen für Allgemeinmediziner und zwölf Facharztstellen seien derzeit ausgeschrieben, einige nicht zum ersten Mal. Die Gebietskrankenkasse verweist darauf, dass letztes Jahr 44 Stellen ausgeschrieben und 42 besetzt worden seien. Die TGKK schreibt allerdings auch die Stellen für die kleinen Kassen aus.

Die Ziele, die Tirol formuliert hat, sind von jenen des Bundes abgeleitet. „Von Überblick keine Spur. Jeder redet von etwas anderem“, kritisiert Atzl. Im Bund sind die Ärztekammer und SP-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser bei der Primärversorgung aneinandergeraten. Primary Health Care (PHC), auf Neudeutsch, sieht die Errichtung von Primärversorgungszentren vor. Diese sollen Anlaufstelle für Patienten auch in Randzeiten und am Wochenende sein. Der Plan ist, die Spitalsambulanzen zu entlasten. In Tirol will Gesundheitslandesrat Tilg ein solches Zentrum in Innsbruck errichten. „Auch da sind viele Fragen offen“, meint Atzl.