Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Bezirk Kufstein

Wörgl und die „schlafenden Hunde“

Viele Fragen, aber wenige Antworten zu den Vorgängen rund um die illegale Aushubdeponie im Bereich der Wörgler Schanzenanlage. Gemeinderat stellt Nachsichtantrag für Abgabe von 98.000 Euro an die Behörde.

Über Jahre wurde im Wörgler Naherholungsgebiet illegal Bodenaushub abgeladen. Das kommt die Wörgler teuer zu stehen. Fotomontage: TT

© iStock, privatÜber Jahre wurde im Wörgler Naherholungsgebiet illegal Bodenaushub abgeladen. Das kommt die Wörgler teuer zu stehen. Fotomontage: TT



Von Wolfgang Otter

Wörgl – Wer hat wann was beauftragt, gibt es einen Vertrag für die einst illegal­e Deponie nahe der Wörgle­r Schanze, wer ist eigentlich verantwortlich für die nun zu zahlende, rund 100.000 Eur­o hohe Abgabe nach dem Altlastensanierungs­gesetz (ALSA­G)? Und wer hat da die „schlafenden Hunde“ geweckt, sprich die Behörde aufmerksam gemacht? Alles Fragen u. a. von Grün-GR Richard Götz, die selbst bei der donnerstäglichen Gemeinderatssitzung in Wörgl nicht befriedigend beantwortet werden konnten. „Es geht um 1200 Lkw-Ladungen, da muss es ja Rechnungen geben, das ist eine unglaubliche Schlamperei. Vor unseren Augen passieren da Dinge und wir wissen nichts davon“, ärgerte sich Götz.

Wie berichtet, hat die Stadt über mehrere Jahre Aushubmaterial auf einem Grundstück abladen lassen – für die bereits begrünte Deponie war aber nie eine Genehmigung eingeholt worden. 2012 flog das Ganze auf, heuer flatterte der Stadt die ALSAG-Vorschreibung der Behörde ins Haus. Geld, das man sich angeblich bei ordentlicher Abwicklung erspart hätte. Da es auch nicht budgetiert war, musste sich der Gemeinderat am Donnerstagabend damit beschäftigen.

„Es scheint erstmals 2008 eine Rechnung auf, laut der dem Grundbesitzer eine Flur­entschädigung bezahlt worden ist“, wusste dazu Bürgermeisterin Hedi Wechner (SPÖ). Ihre Recherchen hätten ergeben, dass nur gering­e Mengen deponiert werden sollten, für die keine Genehmigung nötig gewesen wäre, „dann hat es eine Eigen­dynamik erreicht. Ich bedaur­e es von ganzem Herzen“, sagte die Stadtchefin. Aber es sei niemand ein Schaden entstanden, da das Material nicht verunreinigt gewesen sei. Wegen einer Anzeige (Wechner: „So viel ist sicher!“) müsste man nun für die 2010 und 2011 abgelagerten 12.000 Tonnen Material die ALSAG-Abgabe bezahlen. Was den Vertrag mit dem Grundbesitzer anbelangt (er war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar, Anm. der Redaktion), wusste Vizebürgermeister Andreas Taxacher (Team Wörgl) von einer mündlichen Vereinbarung. Etwas Erhellung gab die Auskunft der Finanzabteilung, als es hieß, dass die Lieferungen der Baufirma auf die illegale Deponie über die mittlerweile aufgelöste stadteigene Wörgler Infrastrukturgesellschaft (WIG) abgerechnet wurden. Nur findet sich auch dafür angeblich kein Vertrag. Die Gesellschaft wickelte übrigens auch das mehrere Millionen Euro teure Desaster Nordtangente ab.

Trotz der Tatsache, dass die Ablagerungen illegal waren, schien für manchen Mandatar die Sache nur halb so schlimm zu sein. „Wer hat das beanstandet, wem haben wir das zu verdanken“, polterte da Lorenz Moser (Freiheitliche Wörgler Liste). Für ihn ist es eine „übliche Sache, dass für Baustellen Deponien angelegt werden“. Und: „Wo kein Kläger, da kein Richter.“ „Willst du die Wörgler auffordern, dass die Leute ihre Sachen in den Wald schmeißen?“, konterte Götz. Übrigens: Auch die Frage nach dem Anzeiger blieb unbeantwortet.

„Ich würde das nicht bezahlen. Wo ist der Schaden?“, meinte auch GR Emil Dander (Unabhängiges Wörgler Forum). Einen Einspruch wird man – mangels fehlender Erfolgschance – beim vorschreiben­den Zollamt aber nicht mehr einbringen, wobei am Donnerstagabend ohnedies die Frist dafür abgelaufen war – aber man werde versuchen, „eine Nachsicht zu erhalten“. GR Manfred Mohn (VP) will auch die Baufirma, die die Lieferung durchführt­e, mit ins Boot holen, „wir zahlen das sonst mehrmals“, meint­e er. Taxacher versprach zudem, dass man versuchen werde, die Umstände aufzuklären.

Den Wörglern droht aber noch mehr Ungemach. „Was ist mit der Deponie beim Schadl?“, fragte GR Hubert Aufschnaiter (VP). „Herr Kollege, das läuft unter dem Mott­o: Man soll keine schlafenden Hunde wecken – was du aber damit getan hast“, meinte dazu Wechner. Denn auch im Ortsteil Lahntal wurd­e 2009 teils illegal Boden­aushub deponiert.

Noch mehr „schlafende Hunde“ würden Wörgl aus Sicht der Finanzen weiter schwächen. Es stehen nämlich keine glänzenden Zeiten bevor, wie auch die Daten des Budgets für 2016 (37,2 Mio. Euro) zeigten, das ebenfalls am Abend mehrheitlich beschlossen wurde (teilweise stimmte die FWL dagegen, die Grünen verweigerten komplett ihre Zustimmung). Finanzausschuss-Obmann Daniel Wibmer (VP) musste berichten, dass die Einnahmen und die Ausgaben immer weiter auseinanderklaffen.