Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.02.2016


Tirol

Der Wahltag in Gramais bekommt eine pikante Note

Keine Liste, kein Kandidat für das Bürgermeisteramt, keine Stimmabgabe: Die 51 Bürger in Gramais haben heute trotzdem die Qual der Wahl.

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© Tschol



Von Simone Tschol

Gramais – Gerstensuppe? Gulaschsuppe? Gemüsesuppe? Fritatten? Oder doch Grießnockerln? Vor dieser schwierigen Entscheidung stehen die Gramaiser heute ab 11.30 Uhr. Anstelle der Gemeinderatswahl, diese fällt ja aufgrund einer fehlenden Liste diesmal aus, findet heute in der Feuerwehrhalle ein Suppentag statt. „Die Auswahl ist wesentlich größer als bei den letzten Kommunalwahlen“, scherzt Bürgermeister Michael Fasser und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und es gibt auch keinen Verlierer.“

Dass Gramais, als einzige Gemeinde ohne Wahl, wieder einmal ungewollt ins Licht der Öffentlichkeit rückt, nimmt Fasser inzwischen mit Humor. „Wir werden ja auch immer mit dem Zusatz ,Kleinste Gemeinde Österreichs‘ betitelt. Davon gibt es nur eine. Wir sind eben etwas Besonderes.“

Fasser und sein Gemeinderat treten zwar nicht mehr als Liste zur Wahl an, stellen sich aber trotzdem für die nächsten drei Jahre zur Verfügung. Damit sind sie – so will es die Tiroler Gemeindewahlordnung – automatisch wiedergewählt. „Wir brächten leicht eine Liste zusammen, aber keinen Bürgermeisterkandidaten. Da wir uns aber unsere Eigenständigkeit bewahren wollen, kam nur diese Lösung in Frage. Würde ein Sachwalter der Behörde eingesetzt, hätten wir kein Mitspracherecht mehr“, erklärt Fasser den Plan. Er selbst wollte sich nicht mehr für sechs Jahre verpflichten, da sowohl privat als auch beruflich Veränderungen für den 47-jährigen Berufsjäger anstehen. Nachfolger wären zwar in Sicht, jedoch würde es im Moment noch nicht in deren Lebensplanung passen. „Wenn es sich vereinbaren lässt, mache ich noch drei Jahre weiter. Und bis dahin gibt es auch einen Nachfolger“, meint der Ortschef.

Vereinbaren lässt es sich übrigens am heutigen „Wahltag“ in Gramais auch, sich nicht auf ein „Produkt“ festzulegen. Mehrfachnennungen bei der Bedienung sind geradezu erwünscht. Auch „Wähler“ aus anderen Gemeinden sind herzlich eingeladen. Denn aus der Auszählung wird am Ende des Tages eine Auszahlung. „Der Reinerlös des Suppentages kommt unserer syrischen Flüchtlingsfamilie zugute. Wenn genug Geld zusammenkommt, bekommen sie einen Geschirrspüler“, erklärt Gemeindeamtsleiterin Silvia Schöpf.