Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.07.2016


Debatte um Erntehelfer

Eine verfehlte Agrarpolitik

In die Verhandlungen über einen eigenen Kollektivvertrag für Erntehelfer in Tirol platzt ein neuer Skandal rund um einen Gemüsebauern.

© meloDie Arbeitsbedingungen für Tiroler Erntehelfer stehen in der Kritik. Sónia Melo setzt sich für Arbeiter ein. Eine Kunstaktion auf den Thaurer Feldern sorgte heuer für Aufsehen.Fotos: Melo, Hueble, Hammerle, Rottensteinerr



Rom – 50 Cent verdient ein Erntehelfer für ein­e 22 Kilo schwere Kiste Früchte in Kalabrien. „Wegen der Konkurrenz kommen die meist unregistrierten Arbeiter nicht über einen Monatslohn von 200 Euro hinaus“, berichtet Gilles Reckinger. Legale Arbeitsverträge gibt es kaum, die Tagelöhner, meist Bootsflüchtlinge, leben in Kartonbehausungen am Stadtrand. Ähnlich unwürdige Arbeitsbedingungen finden sich in Spanien. „Zurückzuführen sind die prekären Zustände in der Landwirtschaft auf eine verfehlte europäische Agrar- und Handelspolitik“, sagt Caroline Sommeregger von „Südwind“. Die Konzentration der Handelsketten auf wenige große Lieferanten werde begünstigt. Das führe dazu, dass die Akteure am Ende der Produktions­ketten ausgebeutet werden. „Südwind“ fordert Supermarktketten auf, Verantwortung für die Produktionsbedingungen zu tragen. Auch die Politik sei gefordert: Sie müsse Rahmenbedingungen schaffen, zudem brauche es Veränderungen im Bereich der euro­päischen Migrations­politik. (pla)

Eine Kunstaktion auf den Thaurer Feldern sorgte heuer für Aufsehen.
- Huebler

Drei Fragen an...

Josef Schirmer, Obmann der Tiroler Gemüsebauern, erklärt, dass Ernte- helfer unverzichtbar sind und der geltende Kollektivvertrag einzuhalten ist.

1. Was sagen Sie zu den jüngsten Vorwürfen gegen einen Thaurer Gemüsebauern?

Wenn es stimmt, ist es eine schlimme Sache. Offiziell wissen wir nicht einmal, um wen es sich handelt. Es scheint sich vor allem um eine Hinterziehung von Abgaben zu handeln. Gewisse Leute lernen einfach nichts dazu.

2. Was können die Bauernvertreter tun, um zu verhindern, dass der Mindestlohn ausgehebelt wird?

Wir sollten hier nichts durcheinanderbringen: Laut den vorliegenden Informationen wurden die Mitarbeiter gerecht entlohnt. Es gibt seit Längerem Verhandlungen über einen eigenen Kollektivvertrag für den Obst- und Gemüsebau — das brächte für alle Verbesserungen und mehr Klarheit. Man sollte auch nicht übersehen, dass der Preisdruck seitens des Handels sehr groß ist. Niedrige Preise bei Lebensmitteln werden zur Werbung verwendet. Wenn ich sage, ich liefer­e euch nicht um diesen Preis, dann sind zehn andere da, die es tun. Solidarität gibt es da bei den Bauern nicht.

3. Wäre ein Güte­siegel sinnvoll, das beinhaltet, dass die Erntehelfer korrekt behandelt werden?

Das ist nicht das Thema des aktuellen „Falls", aber ich kann versichern, dass bei mir und vielen anderen die Mitarbeiter menschlich und fair behandelt werden. Bezüglich der Einhaltung des Kollektivvertrages darf es keine Diskussionen geben. Ein Gütesiegel gibt es schon — das ist die Genussregio­n, die bestens funktioniert. Dort wurde schon ein­e Diskussion um ein „Fair Trade"-Siegel geführt. Demnächst werd­e ich Minister Andrä Rupprechter einen Vorschlag in diese Richtung unterbreiten. Das scheint mir sinnvoller als die aktuellen Pläne, über die Genussregion Österreich eine weitere Organisatio­n zu stülpen. Denn das kostet nur viel Geld und bringt den kleinbäuerlichen Betrieben keinen Nutzen.

Das Interview führte Alexandra Plank