Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.07.2016


Exklusiv

Kalserbach und Piz Val Gronda im Visier der EU

EU-Klage gegen mangelnde Natura-2000-Ausweisungen könnte Kalserbach in Osttirol und Piz Val Gronda betreffen. Umweltdachverband für Schutz.

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© Gottfried Rainer



Innsbruck – Natura 2000 ist ein EU-übergreifendes Netz von Schutzgebieten mit 1000 Tier- und Pflanzenarten sowie 27.000 Gebieten. Seit Jahren drängt die EU Österreich, die Schutzgebiete auszudehnen, 80 Vorschläge wurden gemacht, doch die Umweltkommission rümpft darüber nur die Nase. „Offensichtlich wurde im Rahmen der nun veröffentlichten Erhebungen vielfach gezielt nur in bereits bestehenden Fauna-Flora-Habitat-Gebieten nach Vorkommen gesucht, so dass diese Studien kein objektives Bild der Verbreitung und Abdeckung der Schutzgüter liefern können“, heißt es in einem Schreiben. Die Vorgangsweise der Bundesländer wird von der EU als „deutlich defizitär“ bezeichnet.

Jetzt wird eine begründete Stellungnahme im Vertragsverletzungsverfahren vorbereitet, in Wien geht man davon aus, dass die Umweltkommission darin ihre Empfehlungen für weitere Schutzgebiete auflisten wird. Die großen Lücken betreffen vor allem die Steiermark, Kärnten und Salzburg, doch auch Tirol könnte in die Ziehung kommen. 16 Natura-2000-Gebiete gibt es.

„Tauernbach, Kalserbach und Schwarzach müssen in Schutzgebietskulisse einbezogen werden", sagt Franz Maier 
(Umweltdachverband).
„Tauernbach, Kalserbach und Schwarzach müssen in Schutzgebietskulisse einbezogen werden", sagt Franz Maier 
(Umweltdachverband).
- UWD

Nachnominiert wurden im Vorjahr Regionen im Oberland und in Osttirol, die gesamte Isel, aber nur Teile des Kalserbachs und der Schwarzach. Weil keine Einigung mit den Grundstücksbesitzern erzielt wurde, verzichtete die schwarz-grüne Landesregierung vorerst auf die Nominierung von Schutzgebieten im Bereich des Piz Val Gronda und des Fimbatals in Ischgl. Tirol geht davon aus, dass hier wohl die Aufforderung kommen wird. Wie genau sie in Osttirol hinsieht, darüber gibt es nur Spekulationen.

Der Kalserbach gilt allerdings als empfindliche Stelle, denn dort gibt es ebenfalls ein großes Vorkommen von Deutschen Tamarisken, dem schützenswerten Ufergewächs. Doch nur ein Teil wurde zum Schutzgebiet erklärt, der Bereich, wo das beim Wasserkraftkriterienkatalog durchgefallene Kleinkraftwerk Haslach geplant ist, hingegen ausgenommen. Seit dem Vorjahr ist deshalb in Osttirol vom „Kalser Deal“ die Rede.

Obwohl das Land in der Gesamtheit seine Schutzgebietsnominierung rechtfertigt, dürfte der Kalserbach wohl unter die Kategorie „politische Entscheidung“ fallen. So sehen es auch die Umweltorganisationen, die jetzt die EU darauf aufmerksam gemacht haben.

Der Umweltdachverband übermittelte der Umweltkommission vor wenigen Tagen eine Stellungnahme, in der er auf die „offenbar bewusste Herausnahme wertvoller Flussabschnitte aus Natura 2000 aufgrund geplanter Wasserkraftanlagen“ hingewiesen hat. Auf Anfrage der TT bestätigte Dachverbandspräsident Franz Maier das Schreiben.

„Wir haben die Situation eingehend analysiert und diesen Missstand in einer offiziellen Stellungnahme der Kommission gemeldet“, erklärt Maier. Konkret betroffen seien der Tauernbach, der überhaupt nicht, sowie Kalserbach und Schwarzach, die nur mit sehr kurzen Abschnitten Teil des zukünftigen Schutzgebiets werden sollen. Maier: „Wir sagen daher klar Nein zu einem Ausweisungsvorschlag, der ein Stückwerk ist, der Realität und allen fachlichen Grundsätzen widerspricht und bloß unwirtschaftlichen Kraftwerks­projekten Tür und Tor öffnen will.“ Für den Umweltdachverband stellen die Bestände der Ufer-Tamariske im Gletscherflusssystem der Isel und ihrer Zubringer zusammen mit den Vorkommen an Lech und Tagliamento (Friaul) die zentralen Elemente eines kohärenten Natura-2000-Schutzgebietsystems in den Ostalpen dar.

Im August dürfte die EU ihren Forderungskatalog auf den Tisch legen. Erfüllt ihn Österreich nicht, drohen eine Klage und Strafzahlungen. (pn)