Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.08.2016


Bezirk Innsbruck-Land

Unterschriftenaktion gegen Asylquartier für Jugendliche

Fünf Telfer Oppositionslisten treten gemeinsam gegen eine geplante WG für 21 junge Flüchtlinge im Ortskern auf – und ernten auch scharfe Kritik.

© Domanig



Telfs – In der ehemaligen Heinrich-Jacoby-Schule in der Telfer Bahnhofstraße plant der private Bildungsträger „ibis acam“ eine WG für 21 unbegleitete minderjährige Flüchtling­e (UMF). Die Gemeindeführung steht dem Projekt, das eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch sechs Vollzeit- und drei Teilzeitmitarbeiter vorsieht, positiv gegenüber. Doch nun formiert sich eine Front mehrerer Oppositionslisten gegen das Vorhaben: „Wir haben eine Unterschriftenaktion gestartet, um den Widerstand der Anrainer, Bürger und Unternehmer zu bündeln“, berichtet GR Sepp Köll („Telfs Neu“). Die Aktion werde auch von FPÖ, ÖVP, SPÖ und der Bürgerliste Telfs unterstützt.

Es gehe „nicht darum, Flüchtlinge komplett abzulehnen“, so Köll, sondern um dieses spezielle Projekt. So sei der Standort in der Bahnhofstraße „aus Unternehmersicht völlig verkehrt“. Die Gemeinde bemühe sich seit Jahren, den Ortskern für Geschäftsleute und Kunden wieder zu attraktivieren, ein nahes Flüchtlingsquartier wäre „ein herber Rückschlag“.

Zudem seien im bestehenden Telfer Flüchtlingsheim bereits rund 70 Asylbewerber, fast nur junge Männer, untergebracht. „Im Sinne der Gerechtigkeit“ wäre es daher angebracht, eine Unterkunft für Frauen oder Familien zu reservieren, meint Köll.

„Weitere 21 junge Männer mitten im Dorf“ hält auch GV Michael Ebenbichler (FPÖ) für „problematisch“. An einem – letztlich gescheiterten – Standort am Ortsrand „wären dagegen Frauen und Kinder untergebracht worden, das ist mir unverständlich“.

Sicherheitsbedenken führt auch GV Angelika Mader (ÖVP) an: „Erfahrungswerte aus anderen Unterkünften für UMF zeigen, dass es dort immer wieder Probleme gibt.“

„Hier wird politisches Kleingeld mit flüchtenden Menschen gemacht“, kontert BM Christian Härting (Wir für Telfs). „Wir sind der Meinung, dass in kleinstrukturierten Einheiten eine bessere Integration möglich ist als in größeren Quartieren. Daher wollen wir dieses Thema aktiv angehen.“ Jede Gemeinde wolle lieber Familien aufnehmen, „Fakt ist aber, dass es kaum Familien gibt“.

Das Projekt von „ibis acam“ biete jedenfalls eine „Top-24-Stunden-Betreuung, das ist kein normales Flüchtlingsheim“. Zudem könne der Eigentümer selbst entscheiden, „wie er das Gebäude weitervermietet“. Von den Listen, die nun Kritik üben, habe keine Alternativvorschläge eingebracht, „obwohl ich sie dazu aufgefordert habe“.

Vize-BM Christoph Walch (Grüne) wirft den Betreibern der Unterschriftenaktion vor, „wider besseres Wissen Angst zu schüren – im Telfer Flüchtlingsheim gibt es seit Jahren praktisch keine Probleme“. Nun „gegen Kinder und Jugendliche zu hetzen“, hält Walch für „politisch unverantwortlich“. Zumal das Projekt „einen Betreuungsschlüssel aufweist, von dem andere Gemeinden nur träumen können“ und Telfs weit unter der vorgesehenen Unterbringungsquot­e liege.

„Minderjährige Flüchtlinge sind zu 90 bis 95 Prozent männlich, wir bekommen sie zugewiesen“, erklärt Vanessa Sari, Projektbetreuerin bei „ibis acam“. Die Zahl der Bewohner sei mit 21 „überschaubar“ und „besser als dieses Haus kann sich ein Standort kaum eignen“: Die zentrale Lage mit Zugang zu Infrastruktur und Bahnhofsnähe erleichtere im Gegensatz zu peripheren Standorten die Integration. Als ehemalige Schule samt Garten sei das Haus auch räumlich ideal. (md)