Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.08.2016


EXKLUSIV

Psychiatrie für Kinder nur noch Tagesklinik

Dass in Hall ein Landesprimariat für Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet und das Angebot in Innsbruck auf eine Tagesklinik zurückgefahren wird, sorgt für heftige Proteste.

Martin Tiefenthaler (Betriebsrat Med-Uni): "Ausgerechnet ein
 ständig wichtiger werdendes Fach wie die Kinder- und Jugendpsychiatrie wird beschränkt."

© Thomas Boehm / TTMartin Tiefenthaler (Betriebsrat Med-Uni): "Ausgerechnet ein
 ständig wichtiger werdendes Fach wie die Kinder- und Jugendpsychiatrie wird beschränkt."



Innsbruck, Hall – Wieder einmal brodelt es in der Tiroler Gesundheitspolitik – gleichsam im Wochentakt. Jetzt geht es um eine Verschiebung der Jugend- und Kinderpsychiatrie von der Innsbrucker Klinik in das Landeskrankenhaus Hall. Dort wird ein Landesprimariat eingerichtet und die Anzahl der Betten von 22 auf 43 aufgestockt. In Hall werden der stationäre, der tagesklinische und der Ambulanzbereich unter einem Dach vereint, die Landesregierung hat die Verordnung bereits in Begutachtung geschickt. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Klinik Innsbruck wird jedoch sehr zum Missfallen der dortigen Ärzte auf eine rein tagesklinische Einheit mit fünf Betten reduziert.

Am Freitag protestierte der Betriebsratschef des wissenschaftlichen Personals, Martin Tiefenthaler, in einer Stellungnahme an das Land gegen die Vorgangsweise der Landesregierung. Erst 2010 hat das Land die „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ als eigenständige Einheit mit 14 Betten genehmigt. Mit der geplanten Absiedelung der Betten nach Hall befürchtet Tiefenthaler nicht nur Versorgungslücken, sondern auch massive negative Folgen für die universitäre Lehre und Forschung der medizinischen Universität. Die Fachvertreter der klinischen Sonderfächer Kinder- und Jugendheilkunde, Psychiatrie sowie Psychotherapie und Psychosomatische Medizin hätten bereits erhebliche Bedenken aus medizinischer Sicht geäußert. „Alle sind sich einig, dass am Universitätsklinikum Innsbruck Bedarf für eine ständige fachärztliche Versorgung im Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie gegeben ist“, betont der Betriebsratschef.

Insgesamt ist für Tiefenthaler absehbar, dass sich in dem ohnehin schon personell unterversorgten Mangelfach binnen kurzer Zeit kein Universitätspersonal mehr finden werde. Zum einen hätten die Mitarbeiter mangels Patienten keine ausreichenden Forschungsmöglichkeiten mehr, andererseits „wird die volle Ausbildungsberechtigung zur Facharztausbildung damit am Standort Innsbruck nicht mehr zu erlangen sein“. Die Med-Uni könnte zwar damit leben, wenn eine ausgelagerte Kinder- und Jugendpsychiatrie im Organisationsplan der Medizin-Uni verbleiben würde, „doch nicht einmal das ist im vorliegenden Krankenanstaltenplan berücksichtigt“, ist Tiefenthaler verärgert. Er fürchtet um Lehre, Forschung und Personalausbildung. (pn)