Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 21.09.2016


Gesamtschule

Gordischer Knoten Schulreform

Gegner und Befürworter der Gesamtschule wollen Bremsklötze in Reformdebatte lösen.

Die Schulform für 10- bis 14-Jährige bleibt ein Streitthema.

© APADie Schulform für 10- bis 14-Jährige bleibt ein Streitthema.



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Wie ein Schulsystem gestaltet sein muss, das allen Kindern die gleichen Chancen eröffnet, darüber streitet Österreich seit Jahrzehnten. Selbst in Tirol und Vorarlberg, wo die beiden Landeshauptmänner und ihre jeweiligen Bildungsreferentinnen eine ideologische Hürde zugunsten eines Gesamtschul-Versuchs übersprungen haben, geht nichts weiter. Zu groß ist der Widerstand von Lokalpolitikern, Eltern und AHS-Lehrern, die Gymnasien aufzugeben.

Doch auch in Wien werden den Westösterreichern Steine in den Weg gelegt. Und das nicht nur bei der gemeinsamen Schule, wo der Nationalrat nach wie vor keine konkreten Regelungen für die Modellregionen beschlossen hat. Auch bei anderen Reformplänen, die sogar mit den Elternvertretern akkordiert waren, spielt Wien nicht mit: So wurde das Konzept zur Entlastung der Gymnasien durch eine umfassende Potenzialanalyse der abgehenden Volksschüler von Ex-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) abgelehnt, heißt es aus dem Büro von Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP). Auch hier spielt Partei-Ideologie mit, war es doch die SPÖ, die einst die AHS-Aufnahmetests abgeschafft hat und sie in keiner Form wieder eingeführt haben möchte.

Die Österreichische Forschungsgemeinschaft unter Präsident Karlheinz Töchterle versucht nun, die Schuldebatte zu entpolitisieren, und hat dazu eine Tagung mit Schulexperten in Innsbruck initiiert, welche die Diskussion versachlichen soll. Dennoch dürfte es recht kontroversiell zugehen angesichts der Teilnehmer, die zum Thema „Differenziertes Schulsystem versus Gesamtschule. Wie fair ist unser Bildungssystem?“ die Chancengleichheit für Schüler analysieren sollen.

Denn nicht alle, wie etwa Michael Schratz von der Uni Innsbruck oder die Vizerektorin der PH Feldkirch, Gabriele Böheim-Galehr, treten für eine gemeinsame Schule ein, weil die Trennung im Alter von zehn Jahren eine zu frühe Schubladisierung in „leistungsstarke und leistungsschwache Kinder sei (Böheim-Galehr). Einer der deutlichsten Gegner ist Rainer Gögele, Obmann der Initiative Pro Gymnasium und einst Landesrat in Vorarlberg. Dass seine ehemaligen Regierungskollegen und auch die Tiroler jetzt auf eine gemeinsame Schule setzen, ist für ihn „ein sachlicher und politisch schwerer Fehler“. Er plädiert für schnell machbare Reformen, die mehr brächten: ein deutlicher Ausbau der sprachlichen Frühförderung, ein AHS-Eignungsverfahren, das weit über das Schulzeugnis hinausgeht, und eine größere Wertschätzung für die duale Berufsausbildung.

Einem dürften aber alle Teilnehmer zustimmen – der Vision von Böheim-Galehr von einer „leistungsstarken, vielfältigen, wertschätzenden und chancengerechten Schule“.