Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.10.2017


Tirol

Tiroler Wirtschaft fordert Pflicht zum Deutschkurs, Baur dagegen

Soziallandesrätin Baur hält nichts davon, Asylwerber zum Deutschlernen zu verpflichten. Wirtschaftsbundobmann Hörl fordert genau das ein.

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© TT/Julia Hammerle



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Der Tiroler Integrations-Kompass (TIK) ist ein Heft, in dem Asylwerber ihre Sprachkenntnisse dokumentieren, ihre Kompetenzen auflisten und Tätigkeiten anführen können. Seit März gibt es den Kompass. Gestern zogen Soziallandesrätin Christine Baur (Grüne), Ines Bürgler, Vorständin der Abteilung Gesellschaft und Arbeit, und Florian Stolz von den Tiroler Sozialen Diensten in Innsbruck eine zufriedene Bilanz.

Die rund 5000 Asylwerber in Tirol müssen, anders als Asylberechtigte, die Mindestsicherung beziehen, keinen verpflichtenden Deutschkurs machen. „Man kann niemanden zwingen, etwas zu lernen“, meint Stolz. Eine Verpflichtung mache keinen Sinn. Drei Viertel der Asylwerber würden einen Deutschkurs absolvieren, rechnet Baur. Für Kinder und Minderjährige sei er durch die Schule und die sprachliche Frühförderung abgedeckt.

Weniger begeistert vom Tiroler Integrations-Kompass ist ÖVP-Wirtschaftsbundobmann und Kandidat für die Nationalratswahl, Franz Hörl. „Entgegen der ursprünglichen Idee, den Kompass wie einen Mutter-Kind-Pass zu führen und damit einen verpflichtenden Fahrplan festzulegen, ist jetzt alles freiwillig.“ Noch dazu sei der Kompass bei den zuständigen Behörden kaum bekannt. „Die Bezirkshauptmannschaften wurden mit Druckern für das Einkleben von Aktivitäten ausgestattet, nur niemand legt seinen Kompass vor.“ Die BH könne nicht einmal auf die Daten der Asylwerber zugreifen, weil die Tiroler Sozialen Dienste, als vom Land aus dem öffentlichen Bereich ausgelagerte selbstständige Gesellschaft, diese Daten der Asylwerber aus Datenschutzgründen derzeit nicht an das Land Tirol weiterleiten würden, kritisiert Hörl. Ein Vorwurf, den Baur so nicht gelten lässt. Die BH in Hörls Bezirk, die BH Schwaz, sei die Referenz-BH, sagt sie. Am gesicherten Datenverkehr werde gearbeitet.

Hörl geht das alles zu langsam. „Bekommt ein Asylwerber endlich einen positiven Bescheid, darf er nur arbeiten, wenn er ausreichende Sprachkenntnisse hat.“ Das Arbeitsmarktservice schicke diese Asylwerber in Ausbildung und nicht auf den Arbeitsmarkt, sagt Hörl. „Obwohl wir in der Wirtschaft Arbeitskräfte bräuchten.“

Beim Arbeitsmarktservice verweist Leiter Anton Kern darauf, dass eine Vermittlung am Arbeitsmarkt ohne elementarste Deutschkenntnisse nicht funktioniere. 40 Prozent der als arbeitssuchend vorgemerkten 2053 Asylberechtigten in Tirol befänden sich deshalb in Ausbildung, sprich in Deutschkursen.

Landesrätin Baur schlägt vor, den Arbeitsmarkt für Asylwerber zu öffnen, um den Spracherwerb zu beschleunigen. Das kann sich auch Hörl vorstellen. Im Unterschied zu Asylberechtigten dürfen Asylwerber nur gemeinnützige Arbeiten verrichten.