Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.10.2017


Exklusiv

Südtirol-Aktivisten fordern jetzt eine General-Amnestie

Siegfried Steger will in Heimat zurückkehren: „Mir tut jeder leid, der von uns verletzt wurde.“ Er hofft auf Unterstützung von Südtiroler Landesregierung.

© TTBetritt Siegfried Steger (r.) Südtirol, droht ihm die sofortige Verhaftung. Hermann Gahr unterstützt dessen Forderung nach Amnestie.Foto: TT



Innsbruck – Es ist der lange Schatten des Südtirol-Konflikts, der mit der Streitbeilegung zwischen Österreich und Italien vor den Vereinten Nationen 1992 offiziell beigelegt wurde. Für Südtirol-Aktivisten, die in den 1950er- und 1960er-Jahre mit Anschlägen auf die Unterdrückung der römischen Regierung in Südtirol aufmerksam machen wollten, ist die Geschichte heute jedoch nach wie vor Gegenwart. So wie für den in Telfs wohnenden Siegfried Steger (78), der mit den zwei noch lebenden „Pusterer Buam“, Sepp Forer und Heinrich Oberleitner, in Abwesenheit zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurde und nach Österreich geflüchtet ist. Seit mehr als 50 Jahren haben sie Südtirol nicht mehr betreten, droht ihnen doch die sofortige Verhaftung.

Die „Pusterer Buam“ waren u. a. an der Feuernacht 1961 beteiligt, in der Strommasten gesprengt wurden. Siegfried Steger beschönigt und verklärt nichts. „Mir tut jeder leid, der von uns verletzt wurde – egal ob Italiener oder Südtiroler. Die Situation damals war für uns alles andere als einfach. Wir sind unterdrückt worden und haben uns gewehrt.“ Natürlich übernehme er auch die Verantwortung, schließlich „war ich bei den Anschlägen damals der Älteste unserer Gruppe“. Für eine Begnadigung der „Pusterer Buam“ haben sich in der Vergangenheit der Südtiroler Landtag und der Obmann des Südtirol-Ausschusses im Nationalrat, Hermann Gahr (VP), eingesetzt. Bisher erfolglos. Siegfried Steger hat sich zurückgehalten, doch jetzt will er in seine Heimat zurückkehren. Erstmals tritt er jetzt öffentlich in eigener Sache auf und fordert eine Generalamnestie für ihn und seine damaligen Gefährten.

Unterstützt wird er dabei von Hermann Gahr: „Seit über 50 Jahren hat Siegfried Steger seine Heimat nicht mehr betreten dürfen. Ich glaube, wir reden nicht mehr über Schuld oder Unschuld, sondern sind gefordert, ein Problem zu lösen.“ Steger habe bisher keine Ansprüche gestellt. „In vielen europäischen Ländern gab es ähnliche Situationen. Dort wurden Freiheitskämpfer mittlerweile begnadigt.“ Die rechtliche Situation stellt sich laut Gahr im Fall der Südtiroler aber anders dar. Die betroffenen Freiheitskämpfer hätten keinen Tag ihrer Strafe verbüßt. „Damit ist eine Begnadigung gar nicht möglich. Also muss eine Amnestie greifen“, fügt er hinzu.

Gemeinsam mit Steger tritt Gahr jetzt an die Südtiroler Politik heran. Beide erwarten sich Schützenhilfe aus Bozen. „Die Südtiroler Landesregierung soll aktiv werden. An Rom muss die Forderung für eine Generalamnestie gerichtet werden. Der Südtiroler Landtag kann hier handeln“, hofft Gahr. Der Obmann des Südtirol-Ausschusses will gleichzeitig in Österreich aktiv werden. „Ich werde auch das österreichische Parlament als Schutzmacht damit konfrontieren. Natürlich will ich auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen einbinden. Es ist mittlerweile viel Zeit vergangen, diese Freiheitskämpfer haben genug gebüßt.“ (pn)