Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.10.2017


Exklusiv

Natura 2000: Osttirols Flüsse auf Schutz-Liste

Offizielle Mängelliste der EU rügt fachlich unzureichende Natura-2000-Schutzgebiete. Auch Piz Val Gronda muss nachnominiert werden. Felipe: „Werden Nominierungsbedarf ernsthaft prüfen.“

© Gottfried Rainer



Von Peter Nindler

Innsbruck, Brüssel – Wenn das nicht sitzt: Obwohl Tirols LH Günther Platter (VP) in den vergangenen Monaten bis hin zu EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker interveniert hat und weitere Natura-2000-Schutzgebiete in Tirol kategorisch ablehnt, liegt jetzt die offizielle Mängelliste der Europäischen Union vor. Und an der hat sich gegenüber dem Frühjahr nicht viel geändert. Rund 70 zusätzliche Lebensraumtypen sind in Tirol auszuweisen, Dutzende offene Fragen noch zu klären.

Der EU reichen einerseits die 2015 vorgenommen Unterschutzstellungen der gesamten Isel sowie Teilen des Kalserbachs in Osttirol nicht aus. Darüber hinaus fordert die EU im vorläufigen „Arbeitsdokument vom 2. Oktober“, dass auch die besonderen Gesteinsformationen an den „Hängen des Piz Val Gronda“ in Ischgl, am Vesilbach oder im Fimbatal geschützt werden müssen. Dazu kommen noch schützenswerte Bergmähder, Wiesen, etc. Der TT liegt die gesamte Liste vor.

Auf Anfrage der Tiroler Tageszeitung bestätigt die zuständige Landeshauptmannstellvertreterin und Umweltreferentin Ingrid Felipe (Grüne) die „nunmehr offizielle Nachnominierungsforderung“ der Europäischen Kommission. Mitte November wird es dazu die ersten Abstimmungsgespräche Österreichs mit der EU geben. „Wir haben jetzt nach Jahren des Wartens eine offizielle und amtliche, deutliche Nominierungsforderung der Europäischen Kommission. Diese reicht erheblich weiter als jene, die von der Republik Österreich vorgeschlagen wurde“, betont Felipe. Sie werde sich dafür einsetzen, „dass wir diese Nominierungsforderung ernsthaft prüfen. In Zeiten einer auseinanderbrechenden EU sind Kooperation und gute Zusammenarbeit gefragt und keine Muskelspiele von hüben oder drüben.“ Für Felipe muss letztlich eine intakte Natur in Tirol, in Österreich und in Europa ein gemeinsames Anliegen aller sein.

Die Forderungen der EU lassen aber an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: So heißt es etwa bei den Schutzgütern im Bereich des Piz Val Gronda, die seinerzeit wegen der Ablehnung der Grundeigentümer ausgespart wurden, dass sie das Land Tirol vollumfänglich in die Natura-2000-Gebietskulisse zu integrieren habe.

In Osttirol spielt bekanntlich das Ufergehölz Deutsche Tamariske eine zentrale Rolle. Auch wenn die gesamte Isel unter Schutz gestellt wurde, bezeichnet die EU die Gebietsabgrenzungen generell in „mehrfacher Hinsicht“ fachlich unzureichend. Schwerpunktvorkommen der Deutschen Tamariske würden sich weiterhin außerhalb des Schutzbereichs befinden, die Gebietsausweisungen seien außerdem ausschließlich auf Grundstücken des öffentlichen Wasserguts erfolgt. Die EU drängt darauf, dass die Isel und ihre Zubringer mit allen Vorkommen der Deutschen Tamariske als funktionelle Einheit und Verbundsystem anzusehen ist. Ihre Schlussfolgerung: Beim Natura-2000-Gebiet „Osttiroler Gletscherflüsse“ ist daher die Gebietsabgrenzung im Bereich der Isel, des Tauernbachs, der Schwarzach und des Kalserbachs nach rein fachlichen Kriterien festzulegen, „daher unter Einbeziehung aller aktuellen und potenziellen Vorkommensbereiche“.

Über die Post aus Brüssel dürfte LH Günther Platter wenig erfreut sein. Und nicht nur er. Vor allem die Wirtschaft läuft seit Monaten Sturm gegen weitere Nominierungen, die Osttiroler Bürgermeister sind ohnehin seit zwei Jahren nicht gut auf das Land zu sprechen. Zudem will Platter das Natura-Thema vor den Landtagswahlen kleinhalten.