Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.10.2017


Exklusiv

Nach dem Schlafverbot in Innsbruck: Und, wohin jetzt?

Das Nächtigungsverbot in der Innsbrucker Innenstadt ist seit dieser Woche in Kraft. Keiner weiß, wo nun alternative Schlafplätze für Betroffene sein sollen. Es wird für sie in der ganzen Stadt enger. Die Sozialvereine haben keine Antwort und alle Hände voll zu tun.

© iStockEtwa 300 Obdachlose leben derzeit in Innsbruck. (Symbolfoto)



Von Liane Pircher

Innsbruck — Was die einen beruhigt, macht andere nervös: Die Obdachlosen, die in der Innsbrucker Innenstadt mit ihren Schlafsäcken unter Arkaden, Hauseingängen und Lokalen nicht zu übersehen waren, müssen ihre Plätze ab sofort räumen. Über Wochen hatten Unternehmer und Anwohner Druck auf die Stadt gemacht, dagegen vorzugehen — mit Erfolg. Wer nun trotz Verbot hier übernachtet, dem drohen künftig bis zu 2000 Eur­o Strafe — für Betroffene wird das im Falle gleichbedeutend mit einer Ersatzfreiheitsstrafe sein. Allen mangelt es an Geld. Seitens der Polizei wurde zwar im Vorfeld bestätigt, dass man zuerst abmahnen und erst im weiteren Schritt strafen werde. Dennoch: Sozialvereine wie der Verein für Obdachlose befürchten eine Welle an neuen Hilfesuchenden. Schon jetzt haben sie alle Hände damit zu tun, um ihren Klienten beim Abarbeiten von Strafverfügungen zu helfen. Wohin es geht, zeigen Strafen, die bereits am Tisch liegen — 120 Eur­o Strafe kostet es etwa einen Obdachlosen, weil er durch „Herumtorkeln zwischen mehreren Passanten den öffentlichen Anstand verletzt hat". Mit anderen Worten sind das zwei Tage Ersatzfreiheitsstrafe. Das Ziel bleibt immer dasselbe: Soziale Randgruppen sollen aus der touristischen Altstadt hinaus. Am besten auch tags, nachts sowieso. Viel­e der Betroffenen seien mit der Bürokratie überfordert, erklärt Michael Hennermann vom Verein für Obdachlose: „Wir warnen die Betroffenen vor Strafen, stehen aber vor der blöden Situation, nicht zu wissen, wohin", sagt der Sozialarbeiter und Geschäftsführer.

Das neue Nächtigungsverbot greift, Verbotsschilder sind in der Stadt omnipräsent.
- Michael Kristen

Hennermann versteht bis zu einem gewissen Grad, warum man Obdachlose nicht in der Innenstadt haben will; er versteht auch, dass es für Lokalbesitzer nicht lustig ist, wenn es vor ihren Läden nach Urin riecht. Was er aber nicht verstehen will, ist die verkürzte Logik, die hinter diesem Verbot steckt, wie er sagt: „Ja, es gibt einen Missstand, aber ein Nächtigungsverbot ist die falsche Antwort." Unabhängig vom Verbot werde es für Obdachlose immer schwieriger, einen halbwegs sicheren und trockenen Schlafplatz zu finden. Egal, ob unter Autobahnbrücken, auf Klinik-Arealen oder um andere öffentliche Institutionen herum: Im Gegensatz zu früher wird überall mehr kontrolliert, mehr verboten, teils aus Sicherheitsgründen gesperrt, teils aus rechtlichen. Leerstand in Abbruchhäusern wird so versiegelt, dass ein Eindringen unmöglich ist. Für Obdachlose bleibt am Ende des Tages nur eines: weniger Schlupflöcher zum Schlafen. Selbst in der Sillschlucht, einst Klassiker für illegal­e Übernachter, ist es seit dem Bau des Brennerbasistunnels samt dazugehöriger Baustellen und Stollen enger geworden. Mit der Einführung des Schlafverbotes sei die Unsicherheit unter den Obdachlosen gestiegen: „Viele fragen uns, wohin sie sollen. Wir haben kein­e echte Antwort darauf, die Notschlafplätze sind belegt", sagt Hennermann. Dabei steht der Winter erst vor der Tür.

Die Zahl Wohnungsloser steigt permanent

Innsbruck — „Überall nur Verbote, Verbote. Ich glaube, wir als Menschen sind verboten", sagt ein Obdach­loser. Während er sich mit ein paar wenigen tagsüber in der Innenstadt aufhält, findet man eine viel größere Gruppe Obdachloser vor der Innsbrucker Teestube. Hier steigt die Zahl Wohnungsloser, die tagsüber vorbei­schauen — um zu duschen, sich von Sozialarbeitern beraten zu lassen oder einfach nur, um andere zu treffen. Viele von ihnen haben psychische Probleme, viele sind alkoholkrank. Waren es vor wenigen Jahren noch im Schnitt 30 Menschen, sind es mittlerweile an die 100, die hier täglich ein- und ausgehen. Nachts gibt es in der städtischen Herberge und im Alexihaus 170 Betten (davon 20 Pflegebetten), die Menschen ohne Wohnraum angeboten werden. Diese sind nahezu immer belegt. Fakt ist, dass die Zahl Wohnungsloser von Jahr zu Jahr steigt. Versäumnisse in der sozialen Wohnversorgung sind ein Grund. Es gebe laut Sozial­arbeiter auch mehr so genannte „working poor" — also Menschen, die von der Straße aus Jobs, bevorzugt in der Gastronomie, suchen und saison­weise teils auch finden. Eine andere Realität ist, dass es innerhalb der EU nicht nur unter Studenten, sondern auch unter Obdachlosen Bewegung gibt und damit viele Nationen (u. a. Visegrád-Staaten) auf der Straße anzutreffen sind. (lipi)