Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Natura2000

Naturschutz-Krise in Schwarz-Grün

Platter lehnt weitere Natura-2000-Gebiete ab, Hörl gegen Felipe, Mair offen für Anregungen.

© OblasserDie Isel bei Ainet (Archivbild).



Innsbruck, Lienz – LH Günther Platter (VP) wollte verhindern, dass die Debatte über zusätzliche Natura-2000-Gebiete in Tirol vor der Landtagswahl im Februar hochkocht. Doch da spielt die EU nicht mit, Ende der Vorwoche hat sie die offizielle Mängelliste übermittelt: Nicht nur der Bereich rund um den Piz Val Gronda (Fimba- und Vesiltal) muss zusätzlich nominiert werden, sondern auch die bisher ausgesparten Gletscherflüsse in Osttirol wie Kalser- und Tauernbach sowie Schwarzach. Die gesamte Isel wurde bereits ausgewiesen. Das Thema ist heiß und sorgt vor allem zwischen den Koalitionspartnern ÖVP und Grünen für Konfliktstoff. Gestern entzündete sich der Funke.

Bekanntlich will Umweltreferentin LHStv. Ingrid Felipe (Grüne) die EU-Nominierungsforderung ernsthaft prüfen. Das treibt Wirtschaftsbundobmann Franz Hörl (VP) den Puls in schwindelerregende Höhen. Felipe und ihr Umfeld würden Tirol in Brüssel vernadern, Weil in Tirol bereits 15 Prozent der Landesfläche geschützt seien, lehnt Hörl weitere Ausweisungen ab. „Ich kann nur hoffen, dass Frau Felipe diesen Weg mitgeht und die Interessen des Landes vor jene einer schwindenden Öko-Partei stellt.“ Wenn nicht, schickt er die Grünen-Chefin bereits vorsorglich vor der Landtagswahl schon auf die Oppositionsbank.

Schützenhilfe erhält die Umweltreferentin von ihrem Klubchef Gebi Mair: „Für uns Grüne zählt, was im Koalitionsabkommen steht und was vereinbart ist. Deswegen stehen wir den Anregungen der EU-Kommission und den fachlichen Einwänden offen gegenüber und wollen das gemeinsam klären.“

LH Günther Platter (VP) wiederum ist verärgert: „Ich bleibe dabei: Das Land Tirol wird keine neuen Gebiete nachnominieren, die Verhandlungen sind für uns abgeschlossen. Das Land Tirol nimmt den Natur- und Umweltschutz sehr ernst, aber was zu viel ist, ist zu viel.“ Verhandlungen gibt es jedoch keine mehr.

Schwarz-Grün steckt also in einer Natura-Sackgasse. „Dorthin haben sie sich selbst hineinmanövriert“, kritisiert SPÖ-Chefin Elisabeth Blanik. „Von Anfang an gab es politische Ausweisungen. Im Oberland wurde aufgrund von Interventionen der Piz Val Gronda ausgespart, in Osttirol politisch genehm nominiert.“ Die EU habe diese dilettantische Vorgangsweise jetzt aufgedeckt.

Ein Drüberfahren über die Bevölkerung bei den Natura-2000-Schutzgebieten lehnt FP-NR Gerald Hauser wie die ÖVP ab. „Wir brauchen Natura-freie Flächen zum Wirtschaften.“ Für LA Hermann Kuenz (VP) sind in seinem Heimatbezirk Osttirol an der Isel und den Zuflüssen bereits vollkommen ausreichend Schutzflächen bestimmt.

Nichts geändert hat sich für den Osttiroler Bürgermeister und Regionsobmann Andreas Köll (VP). „An fachlichen Kriterien für exakte Gebietsabgrenzungen führt kein Weg vorbei. Das haben wir immer betont.“ Köll rechnet mit einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. (pn)