Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.11.2017


Exklusiv

Stolpersteine auf dem Weg zur beruflichen Integration

WK-Bezirksobmann Hirner bemängelt bürokratische Hindernisse bei der Integration und bedauert das Aus für das Projekt in Ebbs-Waldeck. Die FPÖ wiederum kritisiert die Tiroler Sozialen Dienste und LR Baur.

© OtterDie Proteste der Anrainer des geplanten Integrationshostels in Ebbs waren nicht zu übersehen, gescheitert ist es aber an Bauvorschriften.Foto: Otter



Von Wolfgang Otter

Ebbs, Kufstein – Das überraschende Aus für das Integrationshostel der Tiroler Sozialen Dienste (TSD) in Ebbs-Wald­eck ist nicht das einzige Projekt zur Ausbildung und Unterbringung von jugendlichen Flüchtlingen am Arbeitsmarkt, das Schwierigkeiten hatte. Das von den Anrainern heftig bekämpfte Integrationshostel, das aufgrund baurechtlicher Probleme scheiterte (die TT berichtete), ist praktisch aus einem zuvor gestarteten Versuch der Wirtschaftskammer entsprungen. Dabei sollten Lehrlinge für Mangelberufe aus den jugendlichen Flüchtlingen rekrutiert werden. Dazu wurde – so der Wirtschaftskammer-Bezirksobmann Martin Hirner – das Projekt mit der Unterstützung der Leaderregion Kufstein und Umgebung – Untere Schranne – Kaiserwinkl gestartet. „Ziel war, den Jugendlichen Sprachkenntnisse, interkulturelle Werte und Berufsorientierung zu vermitteln. Des Weiteren sollte den Flüchtlingen, abgestimmt auf ihre individuellen Stärken und Interessen, eine betriebliche Ausbildung ermöglicht werden, sodass eine Integration in den österreichischen Arbeitsmarkt möglich ist“, berichtet Hirner.

Aus 25 von den TSD vorgeschlagenen Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren haben 16 die Chance zur Weiterbildung erhalten. Letztlich konnten aber nur drei Jugendliche für die Lehre begeistert werden, wie Hirner bedauert. Der Grund dafür ist laut WK-Chef mannigfaltig. So gibt es bei der Durchführung solcher Projekte zahlreiche bürokratische Hürden. Dazu zählen die Versicherung während der Schnuppertage bei Betrieben genauso wie Fahrtickets für die Öffis. Aber auch die Mentalitätsunterschiede seien oft hinderlich, wie Hirner berichtet. So seien die Bereitschaft der Jugendlichen, am Wochenende zu arbeiten, oder die fehlende Flexibilität beim Berufwunsch durchaus Stolpersteine gewesen.

Eines der größten Probleme ist für Hirner jedoch die „Tatsache, dass das derzeitige System der Mindestsicherung verhindert, dass Flüchtlinge in eine Lehre gehen wollen. Warum sollte man arbeiten, wenn man fürs Nichtstun mehr Geld bekommt? Es fehlt der Leistungsanreiz“, kritisiert Hirner. Das Lehrlingsentgelt wird nämlich in diesem Fall von der Mindestsicherung abgezogen. Daher fordert Hirner die Umstellung auf Sachleistungen. „Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass die Teilnehmer einen großen Teil der Geldbeträge nach Hause schicken. Die Mindestsicherung ist nicht als Entwicklungshilfe für die Heimatländer der Flüchtlinge gedacht. Bei einer Umstellung auf Sachleistungen würde zumindest die regionale Wirtschaft gestärkt und es würde einen Anreiz geben, in eine Arbeit zu wechseln, bei der man Geld verdient“, wie Hirner weiter ausführt.

Die Wirtschaftskammer sei auf alle Fälle froh und unterstütze jede Initiative, um Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu integrieren. Hirner bedauert daher, dass aus dem Projekt in Ebbs nichts geworden sei. „Wenn Menschen monatelang zum Herumsitzen gezwungen sind, ist es nur mehr schwer möglich, sie wieder in einen ,normalen‘ Arbeitsalltag zu integrieren“, gibt Hirner zu bedenken.

Die FPÖ Tirol wiederum bedauert im Sinne der Anrainer nicht das Aus des Integrationsprojektes, sondern kritisiert in diesem Zusammenhang die TSD und die grüne Landesrätin Christine Baur. „Es wurde ein riesiger Aufwand betrieben, nur um das Projekt durchzusetzen. Aber scheinbar wurde die gesamte Energie auf die vielen Diskussionen mit den Anrainern verwendet und dabei hat man vergessen, die Bausubstanz des Objektes zu prüfen. Das Vorgehen wirkt schon etwas stümperhaft“, konstatiert FP-Bezirksobfrau Carmen Schimanek. Sie ortet ein Totalversagen von LR Baur, die die politische Verantwortung über die TSD hat. FPÖ-Ortsobmann Hermann Plattner ist in erster Linie erleichtert, dass das Projekt nun gestrichen wurde: „Die Anrainer haben viele Monate mit der Sorge gelebt, dass in ihre Nachbarschaft bald junge Männer einziehen werden.“