Letztes Update am Mo, 04.12.2017 06:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Missbrauchsvorwürfe: Land Tirol schaltet Justiz ein

Weisung aus Wien fordert Kooperation mit Behörden. Am Montag will LRin Palfrader vier Missbrauchsfälle aus Stams und Neustift an die Staatsanwaltschaft weiterleiten.

© APA/BARBARA GINDLMissbrauchsfälle in Stams und Neustift sorgten österreichweit für Aufsehen. Jetzt ermittelt die Justiz.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Nach Bekanntwerden mehrerer schwerer Übergriffe im Skigymnasium Stams und der früheren Skihauptschule Neustift wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Wie die zuständige Landesrätin Beate Pallfrader der Tiroler Tageszeitung am Sonntag berichtete, wird sie heute vier Fälle an die Staatsanwaltschaft weiterleiten.

„In der Früh werde ich mich noch einmal bei den zuständigen Anlaufstellen und Opferschutzbehörden informieren und die Ergebnisse unserer Erhebungen, alles was wir bis jetzt zusammengetragen haben, dann an die Behörden weiterleiten“, sagte Palfrader gestern. Wenngleich sie zu bedenken gab, dass die gesammelten Unterlagen nicht sehr umfangreich seien. „Wir haben einige wenige Einvernahmen von ehemaligen Mitarbeitern. Die betroffenen Opfer wollen mit ihren Fällen in diesem Umfang nicht an die Öffentlichkeit treten. Das ist zu respektieren.“ Auch sei es nicht einfach Beweise zu sammeln und die Fälle zu rekonstruieren, weil sich die Betroffenen an unterschiedliche Stellen wenden würden – und dabei selten an die vom Land extra dafür eingerichteten. „Weitere Ermittlungen werden jetzt eingeleitet. Eine lückenlose Aufklärung ist unabdingbar. Jeder strafrechtlich relevante Tat muss auch strafrechtlich belangt werden“, bekräftigte die Landesrätin ein weiteres Mal.

Aufgrund der erschreckenden Berichte aus den Tiroler Sportschulen, die in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen der nationalen Presse füllten, fordert nun auch das Bildungsministerium in Wien zu konsequenterem Handeln auf. Am Samstag ist eine schriftliche Weisung an Palfrader, den Landesschulratsdirektor und an den zuständigen Landesschulinspektor ergangen. „Die begonnenen Erhebungen durch die Schulaufsicht und Juristen des Landesschulrats sind fortzusetzen“, erklärte eine Sprecherin von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid der APA. In dem Schreiben wird zudem auf eine engere Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz gedrängt.

Für Palfrader ist „die Weisung aus Wien eine Bestätigung dessen, was wir auf Landesebene bereits begonnen haben. Eine Kommission ist ja bereits eingerichtet worden.“ Auch die enge Kooperation mit den zuständigen Behörden begrüßt sie.

Landesrätin Baur will „den Opfern Mut machen“

Die in den letzten Wochen bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe im Sport decken sich für Kinder- und Frauenlandesrätin Christine Baur „auch mit vielen anderen Bereichen in der Gesellschaft. Ich sehe es deshalb positiv, dass man darüber spricht. Wenn es um Missbrauch geht, ist nämlich viel Scham mit im Spiel. Durch die Debatte wird den Opfern jetzt endlich geglaubt, ihnen auch Mut gemacht, sich zu melden“, sagt Baur.

Mitten in der Diskussion um die Übergriffe in den Sportschulen wurden am Sonntag von Land und Gewaltschutzzentrum Tirol die Zahl der Opfer häuslicher Gewalt oder Stalkings bekannt gegeben. Insgesamt 1148 Menschen meldeten sich demnach beim Gewaltschutzzentrum – davon 85 Prozent Frauen. Eine Zahl, die laut Baur „in den vergangenen Jahren nicht wesentlich gestiegen ist. Es gibt jedoch viele Gewalt-Fälle, die nicht gemeldet werden“, spricht sie das Problem mit der Dunkelziffer an. Um sexueller Gewalt, Körperverletzung, gefährlicher Drohung und ähnlichen Delikten entgegenzutreten, fordert Baur „viel mehr Zivilcourage und natürlich auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und Opferschutz“.

„Es gibt viel nicht gemeldete Gewalt“, sagt LR Baur.
- Hammerle